Editorial - Einunddreißig - Das Forum für Tanka

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EDITORIAL

Liebe Leserinnen und Leser des Tanka-Magazins Einunddreissig.net,

ich schreibe die ersten Zeilen des November-Editorials und draußen herrscht bei mir im Südwesten Deutschlands Tag für Tag klares Wetter bei hochsommerlichen Nachmittagstemperaturen. Eine Aussicht auf Dunst oder Nebel lässt, bis auf schmale Steifen über den Feldern, noch auf sich warten. Erstes Frösteln in den eigenen vier Wänden kann man nur an den Randzeiten der Tage erleben. Dass seit sechs Wochen die Nikoläuse in den Supermarktregalen stehen, sorgt für eine Verstärkung der Irritationen. Wird der Winter bei uns aussterben? Werden wir im Zuge des Klimawandels ganz neue Jahreszeitenwörter benötigen?, frage ich mich. Wir müssen jedoch in vielen Bereichen Veränderungen hinnehmen und meist gelingt es auch gut.
Aufgrund des rasant fortschreitenden technischen Fortschritts, der uns auf Schritt und Tritt begegnet, kann man, was mich betrifft, schon von einem Gewöhnungseffekt sprechen. Hier die neuesten Fahrzeugmodelle, Heizungssysteme, Photovoltaikanlagen, elektronische Unterhaltungskonzepte, die „Versmartisierung“ unseres Wohnumfelds oder die nicht enden wollende Stresszunahme am Arbeitsplatz – und da die genannten Wetterkapriolen, die viele Menschen höchstens dann aus dem gewohnten Leben reißen, wenn ihnen eine gewaltige Flut das Fundament unter den Füßen wegreißt. Trotz der dramatisch sinkenden Grundwasserspiegel steht uns noch immer genügend Wasser zur Versorgung von Feldern und Gärten zur Verfügung. Das Verschwinden von Naturräumen und das Aussterben von Tierarten nehmen wir kaum oder bestenfalls regional zur Kenntnis. Man will schließlich optimistisch oder fatalistisch bleiben. Oder liegt es daran, dass man der Frage aus dem Weg geht, wann der Mensch selbst beim Aussterben an der Reihe ist?
Alles scheint sich immer schneller zu verändern. Oder doch nicht alles?
Man fragt sich hin und wieder, was im Leben überhaupt noch Bestand hat. Was bleibt neben der Befriedigung der Grundbedürfnisse? Sowohl Kommunikation als auch Kommunikationspartner und -inhalte sowie Zuständigkeiten sind im Wandel begriffen. Die Wissenserweiterung und ihre Konsequenzen in Form der KI, die in den Naturwissenschaften einen Fortschritts-Schub, in den Geisteswissenschaften eher ein unangenehmes oder bedrohliches Empfinden hinterlässt. Auf der anderen Seite die Verringerung des Allgemeinwissens mit ihren Folgen für die Mündigkeit, Debattenkultur und den Umgang mit Kontroversen. Auch Verarmung, Verknappung, Angst um eine bezahlbare Wohnung, Zerstreuung von Familie bereiten Sorgen. Die Stimmung in der Gesellschaft verschärft sich. Einerseits werden Egoismen weiter ausgebaut, andererseits wird der Ruf nach einem starken Führer lauter. All dies sind auch Zeichen der Verunsicherung und des Wunsches, alles möge bleiben wie früher. Vermutlich machen wir alle verschiedenste Prozesse durch, die sich irgendwo zwischen Festhalten und Loslassen bewegen. Mithin das Zeichen des Herbstes.
An einem frühen Morgen sehe ich versonnen in den Himmel. Neben dem Sichelmond steht leuchtend die Venus.

Herzlichst
Ihre Birgit Heid

Herausgeber:
Tony Böhle
Bernsdorfer Str. 76
09126 Chemnitz
Deutschland
Redaktion:
Tony Böhle
Valeria Barouch
Birgit Heid
Mail: einsendung@einunddreissig.net
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