Tanka-Kommentar (Barouch) - Einunddreißig - Das Forum für Tanka

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EIN KOMMENTAR ZU EINEM TANKA VON CHRISTOF BLUMENTRATH
Valeria Barouch

verlassen
sitzen wir hier knabbern
Erdnüsse und
lassen unsere Monologe
ineinander poltern

Dieses Tanka musste ich mehrmals lesen, um daran Gefallen zu finden. Ich sah im ersten Moment darin Widersprüche, aber gerade diese Kontraste hielten mein Interesse wach.
"Wir sitzen hier und knabbern Erdnüsse" kann zwei oder mehr Personen umfassen und auf ein geselliges Treffen anspielen, wäre nicht das knappe "verlassen", das einleitend seinen Schatten über die Versammelten wirft. Ob "wir" zu Hause vor dem Fernseher sitzt oder sich auf einer Party befindet, spielt keine Rolle. In beiden Fällen ist nicht die Anzahl der Anwesenden maßgebend, sondern das was abwesend ist. Das kann sowohl eine Person, wie auch eine gewünschte Stimmung sein. Wenn man mit seinem Umfeld nicht harmoniert, kann man zu Robinson auf einer einsamen Insel werden und das auch mitten in einer festlichen Menge. Und wenn Robinson keinen Freitag hat, mit dem er Gespräche führen kann, dann hält er Selbstgespräche, sei es um mit seinem Schicksal zu hadern, oder einfach nur um eine Stimme zu hören.
Zu den Erdnüssen gesellen sich in Vers 4 und 5 Monologe, die ineinander poltern. Das Verb "poltern" tönt hart und im ersten Moment unpassend, wohl vor allem deshalb, weil wir fälschlicherweise beim Wort Monolog automatisch an "monoton" denken. Selbstgespräche können in der Tat oft eintönig und banal sein. Sie können sich aber auch als emotionsgeladen, explosiv, kämpferisch, engagiert, usw. erweisen. Poltern heißt nicht nur mit Fäusten gegen eine Tür oder auf den Tisch schlagen,  sondern hat auch so gegenteilige Synonyme wie schimpfen, tadeln, zanken, brüllen, aufbegehren, amüsieren, feiern - die Liste ist lang.
Dieses Verb wurde zweifelsohne mit Bedacht gewählt, um einen dramatischen Effekt zu erzielen, wie auch das im Theater gebräuchliche Wort "Monolog" anstelle von Selbstgespräch. Beide Worte harmonieren zusammen mit dem Vokal "o".
Auch das "ineinander" wirft Fragen auf. Ist es eine Karambolage von Worten, die sich auf ein Drama zuspitzt oder eine Anspielung, dass  aus den Monologen vielleicht doch noch ein Dialog wird?
Der Text lässt keinen Schluss zu über das "Wer, Wo, Warum" und so können sich in unserem Kopfkino die verschiedensten Szenarien entfalten.
Herausgeber:
Tony Böhle
Bernsdorfer Str. 76
D-09126 Chemnitz
Redaktion:
Tony Böhle
Valeria Barouch
Mail: einsendung@einunddreissig.net
(C) 2021. Alle Rechte bei Tony Böhle und den AutorInnen.
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