Tanka-Kommentar (Böhle) - Einunddreißig - Das Forum für Tanka

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EIN KOMMENTAR ZU EINEM TANKA VON RALF BRÖKER
Tony Böhle

dein Leben
kenne ich doch
nicht so gut
der harte Akzent
des Trauerredners

Trauerfeiern, sagt man, sind für die Lebenden, nicht die Toten. Darin liegt viel Wahres. Ob man als Teil der Trauergemeinschaft den Abschied von einer verstorbenen Person als zufriedenstellend "gut" wäre hier das falsche Wort oder misslungen erlebt, hängt zu einem guten Teil an der Leistung des Trauerredners, egal ob weltlich oder geistlich. Eine Rolle, die ich mir immer als einerseits schwierig und andererseits undankbar ausgemalt habe.
Ist es nicht seltsam, sich vor Menschen zu stellen und ihnen, die den Toten wirklich kannten, etwas über sein Leben zu erzählen, obwohl man ihm selbst nie persönlich begegnet ist? Und selbst wenn dieses Kunststück gelingt, bleibt es bestenfalls eine angemessene Zeremonie – im schlimmsten Fall jedoch ein verdorbener Abschied, für den es keine Wiederholung geben kann. Ich habe beides erlebt.
Aus diesen Erinnerungen heraus habe ich mich gefragt, was dem Protagonisten in Ralf Brökers Tanka während der Trauerrede getroffen hat. Zunächst lesen wir das eigene Erstaunen darüber, dass eine feststehende Überzeugung kollabiert ist: "dein Leben / kenne ich doch / nicht so gut". Doch woher rührt das? Entweder hat der Trauerredner durch die Gespräche mit anderen Angehörigen und Freunden doch noch Dinge zu Tage gefördert, die dem lyrischen Ich tatsächlich nicht oder anders bekannt waren. Oder ist es der sarkastische Blick auf den Vortrag eines schlecht vorbereiteten Trauerredners, der Namen, Zahlen und Fakten so durcheinandergebracht hat, so dass sich eine ganz andere Biographie ergibt?
Was als abschließende Feststellung bleibt, ist "der harte Akzent / des Trauerredners", der die Szenerie in einem unversöhnlichen Licht erscheinen lässt: kalt, unpersönlich, ernüchternd, vielleicht sogar urteilend. Trauerfeiern, sagt man, sind für die Lebenden, nicht die Toten. Auch hier habe ich mich gefragt, ob es sich beim Trauerredner vielleicht um einen Geistlichen handeln könnte, der in seiner Ansprache auf die Auferstehung verweist, und dass es diese nur für die Gläubigen geben kann. Ein Trost, den eine (statistisch mehrheitliche) atheistische Trauergemeinde wohl nicht als solchen verstehen wird, sondern eher als Mahnung.
Herausgeber:
Tony Böhle
August-Bebel-Str. 15a
09577 Niederwiesa
Deutschland
Redaktion:
Tony Böhle
Valeria Barouch
Birgit Heid
Mail: einsendung@einunddreissig.net
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