Tanka-Kommentar (Böhle) - Einunddreißig - Das Forum für Tanka

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EIN KOMMENTAR ZU EINEM TANKA VON SILVIA KEMPEN
Tony Böhle

am See
die Kieselsteine
hüpfen lassen
wieder und wieder
höre ich deine Vorwürfe

Steinchen über das Wasser flitschen zu lassen ist eine Herausforderung, der ich mich schon als Kind gern gestellt habe. Die ganze Übung ist aber gar nicht so einfach, wie es zunächst den Anschein hat: Zuerst braucht man einen paasenden Stein, am besten einen schönen flachen, und dann den richtigen Schwung aus dem Handgelenk. Das alles braucht natürlich etwas Training. Die Steine hüpfen zu lassen, kann auf einem gemeinsamen Spatziergang am Wasser auch zu einem kleinen Wettstreit werden. Aber auch wenn man allein ist, kann man gegen sich selbst antreten oder einfach seine Gedanken vergessen.
Vielleicht nimmt Silvia Kempens Tanka hier Bezug auf einen solchen Spaziergang an einen See, wie es scheint alleine. Wie schön wäre es wohl gerade für das lyrische Ich, die Gedanken - wohl an einen Streit oder eine Auseinandersetzung - zu vergessen. Dies impliziert zumindest das Wort "Vorwürfe" am Ende des Tanka. "Die Kieselsteine / hüpfen lassen" führt aber interessanterweise zum genauen Gegenteil: Statt den Kopf frei zu bekommen, scheinen die Vorwürfe aus dem vermeintlichen Streit wie das Aufsetzen der Steinchen auf dem Wasser immer wieder zu kehren. Was der Text hier vielleicht impliziert ohne es auszusprechen, ist der Punkt, dass die Kieselsteine am Ende immer auf dem Grund des Sees landen - ganz gleich wie oft sie hüpfen und manchmal auch mit einem lauten PLOP.
Herausgeber:
Tony Böhle
Bernsdorfer Str. 76
D-09126 Chemnitz
Redaktion:
Tony Böhle
Valeria Barouch
Mail: einsendung@einunddreissig.net
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