Editorial - Einunddreißig - Das Forum für Tanka

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EDITORIAL

Liebe Freundinnen und Freunde des Tanka

der 15. August nähert sich, ein Datum, das mich an den Feiertag Mariä Himmelfahrt erinnert. Ein Tag, mit dem ich, seit ich vor dreißig Jahren meine bayerische Heimat verlassen habe, höchstens noch im Urlaub in Berührung komme. Und doch blieb dieses Datum in meinem Gedächtnis. Der Feiertag wurde im 5. Jahrhundert von Kyrill von Alexandrien eingeführt. Es lohnt sich, über diesen Bischof und die damalige Zeit zu recherchieren, als sich das noch formbare Christentum zu etablieren begann. Der 15. August war bereits in der römischen Antike ein Teil einer Festtagsreihe, der mit Kaiser Augustus zusammenhing.

Die Bedeutung der Gottesmutter kann für das Christentum nicht hoch genug eingeschätzt werden, auch wenn diese Figur für die meisten Gläubigen wahrscheinlich nicht im Zentrum steht. Doch stellt sie für einige Autoren das Bindeglied zu den Fruchtbarkeitsgöttinnen der früheren matriarchalen Naturreligionen in der mediterranen Jungsteinzeit dar, die Eingang in die Antike gefunden haben (Ishtar, Inanna, Isis, Aschera, Kybele, Persephone, Demeter, Ceres, Artemis, Epona, Freya, Magna Mater). Im Zuge der christlichen Missionierungen wurden in der europäischen Spätantike einige Elemente der germanischen Religionsbräuche in das von den germanischen Stämmen angenommene Christentum übertragen.

Nicht ohne Grund genießt die heilige Maria in manchen Landstrichen und Ländern eine hervorgehobene Stellung. Der 15. August wird sogar als "großer Frauentag" bezeichnet. Gerade in Süddeutschland und auch in anderen katholisch geprägten Gegenden haben die Kräutersträuße an Mariä Himmelfahrt eine große Bedeutung. Sie werden in einer Messe gesegnet. Die Kräuterweihe ist seit dem 9. Jahrhundert bekannt. Sie geht vermutlich auf den Kirchenvater Johannes von Damaskus zurück. Seiner Überlieferung zufolge soll dem leeren Grab Mariens bei seiner Öffnung ein Wohlgeruch nach Rosen und Kräutern entstiegen sein.

Nach meiner Erinnerung tauschten sich in der Zeit meiner Kindheit die Nachbarinnen darüber aus, welche Heilpflanzen in ihren Sträußen fehlten und wo sie zu finden seien. Doch welche Kräuter sind Bestandteil des Straußes? Laut Wikipedia sind es vor allem Alant, Echtes Johanniskraut, Wermut, Beifuß, Borretsch, Rainfarn, Schafgarbe, Königskerze, Kamille, Thymian, Baldrian, Eisenkraut und die verschiedenen Getreidesorten. Bis zu 77 verschiedene Pflanzen werden aufgezählt. Die Sträuße sehen jedenfalls sehr bunt aus. Die Art und die Anzahl der Heilpflanzen haben regional unterschiedliche Bedeutungen. Viele spezifischen Bräuche wurden und werden außerdem im Zusammenhang mit den Kräuterbüscheln durchgeführt. Faszinierend, wie sich solche Bräuche im Lauf der Jahrhunderte erhalten haben. Heute sind sie Boten aus einer beinahe untergegangenen Welt, als die Prioritäten noch ganz anders gelagert waren, als die heimatliche Ernte wichtig zum Überleben, als Heilkunde in der Gesellschaft tief verwurzelt war und viele Frauen sich darin zur Meisterschaft bildeten.

Manchmal tun auch in der Gegenwart Rituale ganz gut. Heilkräuter zu kennen und zu schätzen bedeutet, sich seiner natur- und erdnahen Umgebung anzunähern, sich mit ihr vertraut zu machen und sie zu pflegen, sich für sie Zeit zu nehmen und das Empfinden für die Ganzheitlichkeit des Menschseins im Lebenskreislauf nicht ganz aus den Augen zu verlieren.

Ich wünsche Ihnen und euch einen schönen, bunten und naturverbundenen 15. August.
Herausgeber:
Tony Böhle
August-Bebel-Str. 15a
09577 Niederwiesa
Deutschland
Redaktion:
Tony Böhle
Valeria Barouch
Birgit Heid
Mail: einsendung@einunddreissig.net
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