Editorial - Einunddreißig - Das Forum für Tanka

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EDITORIAL

Liebe Freundinnen und Freunde des Tanka

jetzt im Mai, wo alles grünt und blüht, wo die Natur den Eindruck erweckt, sie würde sich bis ins Detail herausputzen, las ich neulich von einem Trend, der unsere menschliche Natur betrifft. Es geht um "Looksmaxxing", um die äußerliche Selbstoptimierung, bei Männern. Selbst der Begriff scheint neu entwickelt, ähnlich der Natur in ihrem jetzigen Erscheinungsbild, besteht als Neologismus jedoch bereits seit fünfzehn Jahren und flutet seit 2022 die sozialen Medien. In diesem kritischen Artikel war zu lesen, dass insbesondere die "Incels" (Abkürzung für involuntarily celibate) das Zielpublikum darstellen, solche, die nicht gerne Single sind. Sie sollen von dem Trend profitieren.

"Looksmaxxer" sind der Überzeugung, dass ihr Erscheinungsbild über ihren Erfolg entscheidet. Dieser gesellschaftlichen Gruppe ist es offenbar gemeinsam, dass sie sich eine Frau an ihrer Seite wünschen, aber zugleich weibliche Menschen geringschätzen, wenn sie nicht dem Besitzstreben der Männer folgen. Das Bedürfnis nach eigener Perfektion speist sich aus der Angst vor Kontrollverlust und dem Bedürfnis nach Sicherheit. Doch ohne Vertrauen in die andere Person ist eine Beziehung früher oder später zum Scheitern verurteilt. Eine gefährliche Entwicklung.

Haiku- und Tanka-Schreibende wissen es freilich besser. Wer eine Person anziehend findet und verehrt, will sie nicht besitzen, auch wenn man sich noch so umwerfend hergerichtet oder sogar Schönheitsoperationen hinter sich gebracht hat. Weder Mensch noch Natur können als Dinge aufgefasst werden, über die man willkürlich verfügen kann.

Das Stillwerden und die absolute Hochachtung gegenüber den Geschöpfen sind die Kennzeichen einer Sehnsucht, die sich nicht darin erschöpft, etwas besitzen zu wollen wie einen Gegenstand, den man in der Vitrine verstauben lässt, sondern die das Glück darin findet, dass sich ein Wesen nicht sofort zurückzieht, sondern abwartet, sich interessiert und Vertrauen fasst.

Auch wenn die Mitmenschen, die mir begegnen, gepflegt gekleidet beziehungsweise geschmackvoll geschminkt sind und ein Parfüm aufgelegt haben, empfinde ich dies durchaus als Wohltat. Aber ich würde mich deswegen nicht vorbehaltlos einnehmen lassen, zumal das Aussehen nicht die größte Bedeutung in einer wie auch immer gearteten Beziehung hat, sondern die Haltungen und Handlungen.

So wünsche ich mir, dass niemand in einem unglücklichen Single-Dasein oder in einer wenig förderlichen Beziehung gefangen ist, sondern dass wir die Freiheit geben und zugestanden bekommen, die für die persönliche Entwicklung notwendig ist, und dass das eigene Bemühen um unsere Liebsten nicht nachlässt. Im Frühjahr und zu allen Jahreszeiten.

Mit den besten Frühlingsgrüßen
Ihre/eure
Birgit Heid

Herausgeber:
Tony Böhle
August-Bebel-Str. 15a
09577 Niederwiesa
Deutschland
Redaktion:
Tony Böhle
Valeria Barouch
Birgit Heid
Mail: einsendung@einunddreissig.net
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