Rüdiger Jung: Heinrich Wiedemann - Einunddreißig - Das Forum für Tanka

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HEINRICH WIEDEMANN (IN MEMORIAM)
Rüdiger Jung

Am 15. Juli erinnerte sich Lindenberg im Allgäu an den engagierten Forstwirt und Dichter Heinrich Wiedemann, der an diesem Tag seinen einhundertsten Geburtstag gefeiert hätte. Im Juni 2003, kurz vor seinem Tod, war ihm der Haiku-Preis zum Eulenwinkel zuerkannt worden. Leben und Werk des Autors hat Conrad Miesen in der Juni-Nummer von "Sommergras" ausführlich beleuchtet und gewürdigt. Zwei Stichworte möchte ich aufgreifen: die Traumatisierung in der Jugend durch die schweren Jahre von Krieg und Gefangenschaft. Und den Einsatz des Autors für Naturschutz und Nachhaltigkeit, aber auch das humanitäre Engagement in international tätigen Organisationen.
Meine kurze Betrachtung möchte nur einen spezifischen Aspekt im schriftstellerischen Werk Heinrich Wiedemanns in den Blick nehmen: er hat Tanka verfasst, die eine ganz eigene und unverwechselbare Tonlage haben. Wiedemann hat menschlicher Armut und Not ungeschönt ins Gesicht gesehen und die wurde des Menschen behauptet, der sich ihrer erwehrt:

Die Backenknochen
sind hart geworden wie Stein.
Vor Frost und Hunger.
Und die Blicke klammern sich
noch an gläserne Augen. (Atem, S. 31)

Da spricht kein Dichter, der sich an die Natur, geschweige denn an eine Idylle verliert. Da hat einer die Augen schmerzweit offen, weil er wie ein Francisco de Goya um die Schatten und Albträume weiß, die die Nacht gebiert:

Sterbende Stille.
Todmüd verkriecht sich der Tag.
Er atmet nicht mehr.
Nur die lauernde Natter
starrt kalt ins steinharte Licht. (Atem, S. 29)

Die Sprache Wiedemanns gewinnt in denkbar eindringlichen Bildern eine geradezu surreale Kraft. Am ausgeprägtesten sicher in den Texten, in denen der Autor seinen eigenen Traumata Ausdruck verleiht - und dem Wunsch und Versuch, sie zu bewältigen:

An den Rand der Zeit
hat wortlos der Mond seine
Sichel gehängt.
Wälderwärts gehen die Felder.
Heimzu mit schwerem Schritt. (Spurensuche)

Man ahnt in diesen Zeilen, welche bergende und heilende Rolle neben Familie, Beruf und Engagement die Natur, spezieller noch: der heimische Allgäu gespielt haben. In gewisser Weise geht die Rolle der Poesie noch über jene des Engagements hinaus. Vermag sie doch mit Worten zu benennen, was ein Mensch nicht tun, sondern einfach nur geschehen lassen kann:

Wälderwärts gehen die Felder.
Heimzu mit schwerem Schritt.

Geschenkt, dass der "schwere Schritt" selbst zu gehen bleibt. Aber unverkennbar bewegt sich der Autor als Teil in einem größeren Ganzen. Die Rolle der Mondsichel bleibt schillernd: ein klares ästhetisches Signet und doch auch mit Ernte und Tod assoziiert. Gleichwohl ist es das tröstliche "Heimzu", das man kommt nicht umhin, an Novalis erinnert zu werden - die größte Strahlkraft über das Ende des Textes hinaus erweist. Weshalb es dann doch die Natur ist, die dem Dichter die Bilder und Worte an die Hand gibt, seine und unsere Conditio humana präzise zu benennen:

Die kahlen Äste
der Kastanien sehnen sich
nach grünen Blättern.
Nicht ahnend, dass schon bald der
Herbst ihr welkes Laub zertritt. (Atem, S. 30)

Die anthropomorphe Rede von Ästen, die sich sehnen, schafft Nähe. "Nichts ahnend" indes hebt sie wieder auf. Das Eigene des Menschen in einer Welt nicht minder bedrohter Mitkreaturen: er weiß um seine Endlichkeit und Sterblichkeit. Und teilt den verhaltenen Schmerz, die Wehmut der klassischen Poesie Japans darüber, dass das Vergängliche das Schöne und Schöne das Vergängliche ist.

Bibliographie
  1. Heinrich Wiedemann: (4 Tanka) in: Heinrich Wiedemann: Spurensuche. Haiku, Tanka und andere Gedichte. Göttingen. Verlag Zum Halben Bogen, 1997. (unpaginiert) („Spurensuche“)
  2. Heinrich Wiedemann: (12 Tanka) in: Heinrich Wiedemann: Der Atem der Wälder. Haiku / Senryu / Tanka. Göttingen: Verlag Graphikum Dr. Mock Nach A. H. Kurz, 2003. S. 27 bis 32. („Atem“)
  3. Conrad Miesen: Porträt und Würdigung von Heinrich Wiedemann. in: DHG (Hrsg.) Sommergras, Jg. 38, Nr. 149, Juni 2025, S. 26 - 33.
Herausgeber:
Tony Böhle
August-Bebel-Str. 15a
09577 Niederwiesa
Deutschland
Redaktion:
Tony Böhle
Valeria Barouch
Birgit Heid
Mail: einsendung@einunddreissig.net
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