Tanka-Kommentar (Barouch) - Einunddreißig - Das Forum für Tanka

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EIN KOMMENTAR ZU EINEM TANKA VON CONRAD MIESEN
Valeria Barouch

Die Grundregel bleibt
"Bitte Abstand beachten!"
Vor meiner Haustür
wartete schon das neue Jahr
und nimmt bald Tuchfühlung auf.

In diesem Tanka fällt dem Leser sogleich die Gegenüberstellung von Abstand und Tuchfühlung auf. Die Ermahnung Abstand zu halten, kannten wir bis vor beinahe zwei Jahren hauptsächlich aus dem Straßenverkehr. Dass es sich hier um eine andere Gefahr handelt, zeigt das erste Segment. "Die Grundregel bleibt", das heißt es gibt eine Anzahl anderer Regeln, die wandelbar sind, je nach Entwicklung der Lage, die das Aufstellen der ersten notwendig machte. Sie ist die unerlässliche Basis, auf die weitere Maßnahmen aufgebaut werden. Wir wissen, ohne dass das Wort erwähnt wird, dass es sich hier um die Covid-19-Pandemie handeln muss, denn noch nie ist uns eine solche Ermahnung täglich auf Schritt und Tritt gefolgt. Wir halten normalerweise automatisch Abstand vor Gefahren, die wir sehen können. Doch plötzlich wird uns in persönlichen und öffentlichen Bereichen Abstand eingehämmert, da wo der Gegner unsichtbar ist. Aus ist es mit gängigen sozialen Interaktionen wie Händedruck, Wangenkuss und Tuchfühlung. Interessant ist die Wahl dieses letzten Wortes, gerade in diesem Zusammenhang, stammt es doch aus der Soldatensprache. Es tauchte zum ersten Mal offiziell 1909 im Handbuch von Heer und Flotte auf  und bezog sich auf Soldaten, die in Reih und Glied stehend die Uniform des Nachbarn fühlen können. Heute sind wir so etwas wie gute Soldaten im Kampf gegen den Virus, wenn wir möglichst viel Abstand zu unseren Mitmenschen aufrechterhalten.
Der zweite Teil dieses Tanka lässt verschiedene Interpretationen zu. Zum einen haben wir hier eine einfache Feststellung über den Verlauf der Zeit. Schon steht ein neues Jahr vor der Tür,  ganz nahe, spürbar. Doch schwingt in dieser Erkenntnis vielleicht auch Sorge mit. Wir wissen, dass es wohl kaum einen Moment im Jahr gibt, wo die Grundregel schwieriger einzuhalten ist, als während den Festlichkeiten, die die Jahreswende mit sich bringt.
Zwischen zwei gegensätzlichen Ausdrücken, hat der Autor hier ganz sachlich ein Dilemma eingefangen, mit dem wohl so mancher Leser in den nächsten Wochen konfrontiert wird.
Herausgeber:
Tony Böhle
Bernsdorfer Str. 76
D-09126 Chemnitz
Redaktion:
Tony Böhle
Valeria Barouch
Mail: einsendung@einunddreissig.net
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