Tanka-Kommentar (Barouch) - Einunddreißig - Das Forum für Tanka

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EIN KOMMENTAR ZU EINEM TANKA VON MARIE-LUISE SCHULZE FRENKING
Valeria Barouch

die alte Dame
kann mit ihrem Rollator
nur mühsam gehen
doch trägt sie immer noch Rouge
und ein Lächeln im Gesicht

"Man ist so alt, wie man sich fühlt"! Wer hat dieses Sprichwort nicht schon einmal für sich selbst in Anspruch genommen oder jemanden damit getröstet, der sich über sein Alter beklagte. Beim Aussortieren einiger Bücher stieß ich im "The Concise Oxford Dictionary of Proverbs" auf den Eintrag, der das erste Erscheinen dieses Sprichworts in englischer Sprache belegt.

Am 27. August 1871 schrieb Pastor Vicesimus Lush in Neuseeland in sein Tagebuch [1]: "Wie alt bin ich heute? Fünfundvierzig? Nun, ich möchte wetten, Blanche zählt noch 10 Jahre dazu: sie macht mich immer älter als ich bin und das ist unfair, denn ein Mann ist nur so alt wie er sich fühlt und eine Frau ist nur so alt wie sie aussieht – wenn ich mich 45 fühle, dann ist das mein Alter; wenn Blanche nur wie 35 aussieht, dann liegt es nahe, dass dies ihr Alter ist." [2]

Diese Aussage wurde im Laufe der Zeit zu einem vielzitierten Sprichwort, demzufolge die Zahl der Jahre für Männer unbedeutend ist, da nur die Einstellung zählt, während Frauen um ihr Aussehen bangen müssen. Doch Pastor Lushes Worte waren wohl kaum von Vorurteilen diktiert. Er war ein viel beschäftigter Mann, dessen Aufgaben ausgedehnte Reisen notwendig machten, die damals beschwerlicher waren als heute. Er wollte wahrscheinlich nur unterstreichen, dass die Zeit bei ihm und seiner Frau nicht die gleichen Spuren hinterließ. Zum Zeitpunkt seines Tagebucheintrags war er 44 Jahre alt und seine Frau 42 und nicht 35, wie er sie offenbar sah.

Beim oben genannten Tanka geht es auch um das Aussehen. Alter und Gebrechlichkeit sind von zahlreichen Stereotypen behaftet, dazu gehören unter anderem auch Kleidung, Schminke oder Haarfarbe. So ist es nicht verwunderlich, dass der Autorin der Rollator und das Rouge ins Auge fallen, die ein widersprüchliches Signal senden. Die Gehhilfe deutet auf einen gebrechlichen Menschen hin und das Rouge auf jugendliche Ausstrahlung und Lebensfreude. Schön finde ich, dass der vierte Vers etwas länger ist als der zweite und das Rouge somit dem Rollator vorauseilt. Das Lächeln scheint dem Betrachter zu sagen: "Ich bin nicht was du siehst, ich bin was ich fühle".

[1] http://www.enzb.auckland.ac.nz/document/?wid=5240&page=0&action=null
[2] Deutsche Übersetzung von V. Barouch
Herausgeber:
Tony Böhle
Bernsdorfer Str. 76
D-09126 Chemnitz
Redaktion:
Tony Böhle
Valeria Barouch
Mail: einsendung@einunddreissig.net
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