EIN KOMMENTAR ZU EINEM TANKA VON DIANA MICHEL-ERNE
Tony Böhle
HoffnungRückschlag, HoffnungRückschlag...Denkst du, Krebsgeschwür,wir wollen spielen?
Kürzlich habe ich in einer statistischen Erhebung gelesen, dass in Deutschland Erkrankungen des Kreislaufsystems (wie Herzinfarkte und Schlaganfälle) mit rund 34 Prozent aller Sterbefälle die häufigste Todesursache sind. Doch schon auf Platz zwei folgen als zweithäufigste Todesursache Krebserkrankungen mit etwa 23 Prozent.
Entsprechend könnte man meinen, die Angst Opfer eines Herzinfakts oder Schlaganfalls zu werden, wäre weiterverbreitet als die Angst vor einer Tumorerkrankung. Tatsächlich ist es bei der Mehrzahl der Menschen eher umgekehrt. Verbindet man mit Herz- oder Kreislauferkrankungen meist einen schnellen, plötzlichen Tod, ist die Diagnose "Krebs" meisten mit einem langen Leidensweg, Hoffnung, Verzweiflung, Krankenhausaufenthalten und Belastungen für das soziale Umfeld verbunden - oder kurz gesagt, einem tiefgreifenden Einschnitt in das bisherige Leben mit ungewissem Ausgang.
Diana Michel-Erne gelingt es in ihrem Tanka, dieses Pendeln zwischen Hoffnung und Enttäuschung - hier als Rückschlag - wunderbar und grausam zugleich einzufangen, als ein ständiges Hin und Her, Vor und Zurück. Die Wiederholung "Hoffnung, Rückschlag, Hoffnung, Rückschlag..." lässt den therapeutischen Erfolg bzw. Misserfolg dabei wie den Ballwechsel in einem Tennisspiel zwischen dem lyrischen Ich und der Krankheit wirken, bei dem es - wie in einem sportlichen Match auch - nur einen Sieger geben kann. Entsprechend richtet das lyrische Ich seine Frage auch direkt an das Krebsgeschwür: "Denkst du, [...], wir wollen spielen?" Es klingt so, als wolle das lyrische Ich hinterfragen, ob sich das Krebsgeschwür dem Ernst der Situation überhaupt bewusst sei, oder lediglich eine spielerische Absicht verfolgen würde, bei der die immer wieder aufkeimende Hoffnung lediglich ein Teil der Grausamkeit ist.
In diesem Zusammenhang fällt mir auch Friedrich Nietzsches Überlegung zur Büchse der Pandora ein. Nietzsche meint, dass die Hoffnung das größte Übel sein, dass die Götter über die Menschheit brachten: Zeus wollte nämlich, dass der Mensch, auch noch so sehr durch die anderen Übel gequält, doch das Leben nicht wegwerfe, sondern fortfahre, sich immer von Neuem quälen zu lassen. Dazu gibt er dem Menschen die Hoffnung: sie ist in Wahrheit das übelste der Übel, weil sie die Qual der Menschen verlängert.
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