Tanka-Kommentar (Böhle) - Einunddreißig - Das Forum für Tanka

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EIN KOMMENTAR ZU EINEM TANKA VON FRANK DIETRICH
Tony Böhle

ihre SMS
so kühl und sachlich
ganz anders als der Sex
den wir hatten
und nie mehr haben werden

Hand aufs Herz: Hatten Sie schon einmal einen One-Night-Stand? Vielleicht eine spontane Begegnung im Club, bei einem Konzert oder einem Volksfest? Schnell ist ein Lächeln ausgetauscht, ein paar Worte gewechselt, Gemeinsamkeiten entdeckt. Schon werfen die Endorphine Blasen und der Rest folgt dem Drehbuch der Natur.
Unweigerlich muss aber auch der Morgen danach kommen mit all seinen Fragen. Wie nun weiter? Soll es bei einem einmaligen Stelldichein bleiben oder ein Wiedersehen geben? Und was weiß man eigentlich wirklich von seinem Gegenüber?
Wie es wohl üblich ist, haben sich die beiden Protagonisten im Tanka von Frank Dietrich wohl im Rausch der Ereignisse keine Gedanken darüber gemacht. Im Rahmen des ersten Kennenlernens wurden wohl durchaus üblich Telefonnummer ausgetauscht. Und nun, als die gemeinsame Nacht vorüber ist, möchte das lyrische Ich mehr als nur diese eine gemeinsame Nacht. Ein guter Grund dafür lässt sich auch einfach benennen: "der Sex", der alles andere als "kühl und sachlich" war. Doch die Absage dazu kommt prompt per SMS und genau so, wie eben der Sex nicht war. Zwischen diesen beiden Polen, Leidenschaft und Sachlichkeit, Gefühl und Verstand, vielleicht auch Spaß und Verantwortung bewegt sich die Verfasserin der SMS, was für den Protagonisten eher ernüchternd wirken muss. Dass es sich hier um eine endgültige Absage handelt, lässt sich aus den letzten zweieinhalb Zeilen (... der Sex / den wir hatten / und nie mehr haben werden) entnehmen. Nun ja, immerhin kann sich die Bekanntschaft des lyrischen Ichs noch zu einer Nachricht durchringen, statt den einfach Weg des Ghostings zu wählen. Auch wenn sich der Inhalt der SMS aus dem Kontext nur schemenhaft rekonstruieren lässt, dürfte er beim lyrischen Ich doch Fragen hinterlassen, warum es kein Wiedersehen geben soll? Wie könnte solch eine Absage, die "kühl und sachlich" ist aussehen?
Vielleicht: "Das war eine einmalige Sache, belassen wir es dabei." Oder: "Wir können uns nicht wiedersehen, ich bin in einer Beziehung und will das nicht aufs Spiel setzen. Bitte schreib mir nicht mehr."
Ganz nebenbei bemerkt, weckt der Anfang von Frank Dietrichs Tanka "Ihre SMS" auch Assoziationen zu einem Haiku von Dietmar Tauchner:

ihre sms   fliederduft [1]

Ob und wie diese beiden Texte miteinander verknüpft sind, ermöglicht viele Spekulationen. Interessant in diesem Zusammenhang ist jedoch die symbolische Bedeutung von Flieder, bei dem es sich um einen Boten erwachender Gefühle und erster zarter Bande handelt. Die Farbe unterstreicht demnach die Bedeutung. So zeugt weißer Flieder von zurückhaltender Zuneigung, während dunkler Flieder lebendige Verliebtheit ausdrückt.

[1] Dietmar Tauchner "Steg zu den Sternen. Haiku und Kurzlyrik", Wiesenburg; 1. Edition (1. September 2012), S. 82. ISBN 978-3943528237
Herausgeber:
Tony Böhle
Bernsdorfer Str. 76
D-09126 Chemnitz
Redaktion:
Tony Böhle
Valeria Barouch
Mail: einsendung@einunddreissig.net
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