EIN KOMMENTAR ZU EINEM TANKA VON ANGELIKA SEITHE
Tony Böhle
Ich glaube wirklichdu bist ein Geschöpfunserer Sehnsuchtund als solchembete ich zu dir
Ein Tanka, über das ich beim ersten Lesen dachte: wie lyrisch, leicht, innig, und geheimnisvoll zugleich! Sehnsucht beschreibt ein inniges, oft schmerzhaftes Verlangen nach einer idealisierten Person, Sache oder einem Zustand, das aus der eigenen Vorstellungskraft oder emotionalen Bedürfnissen geboren wird. Dabei wird es auch zu einem Projektionsbild, das tiefes Glück verspricht: "Ich glaube wirklich / du bist ein Geschöpf / unserer Sehnsucht".
Doch worum handelt es sich bei diesem "Geschöpf der Sehnsucht"? Die persönliche Ansprache "du" deutet auf ein enges persönliches Verhältnis hin, ohne mehr zu verraten. Wobei der Anfang ("Ich glaube wirklich") und die beiden letzten Zeilen des Tanka ("und als solchem / bete ich zu dir") dem Verhältnis eine religiöse Aura verleihen. Der Oberstollen und der Unterstollen des Tanka sind hier klassisch nach der dritten Zeile getrennt, was deutlich in der Notierung zu Tage tritt. Dem steht kontrastierend die Fortsetzung des Oberstollen im Unterstollen durch die direkte Anknüpfung ("und als solchem") entgegen.
Handelt es sich hier beim "Geschöpf der Sehnsucht" gar um ein göttliches Wesen oder eine reale menschliche Gestalt? So könnte man auch ein Neugeborenes, das sehnsüchtig als Geschöpf der Sehnsucht zwei Liebender nacheinander erwartet wurde, verstehen.
Dieses "Geschöpf" wird durch seine Idealisierung aber vor allem im eigenen Inneren des lyrischen Ichs erschaffen, um unerfüllte Wünsche oder Ideale zu verkörpern. Es kann als Kompensation für Unzufriedenheit in der Realität gesehen werden.
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