Tanka-Kommentar (Böhle) - Einunddreißig - Das Forum für Tanka

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EIN KOMMENTAR ZU EINEM TANKA VON RALF BRÖKER
Tony Böhle

Spätsommermittag
unter Kastanien
bin die Kugel
bin der Bogen
bin das Klack

"Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt", bemerkte einmal Friedrich Schiller. Im Spiel ein Handeln zu finden, das - frei von Notwendigkeit und Zweck, wohl aber Regeln unterworfen - den unbekümmert leichten Geist zu Tage fördert, ebenso wie kämpferische Freude und Kreativität, ist nicht nur dem großen Dichter eine Herzensangelegenheit gewesen. Was Schiller beim Würfeln im Gasthaus, erfahren andere beim Schachspiel, Poker, Bogenschießen, Fußball oder auch vorm Bildschirm.
Was es also heißt, "ganz" Mensch zu sein im Spiel, erfährt ein jeder anders, aber doch immer gleich, im Loslassen und dem Einswerden mit dem Moment. Für eine solche lyrische Beschreibung das Tanka als Vehikel zu wählen, erscheint bei genauerer Betrachtung folgerichtig: Ist das Tanka doch – ebenso wie das Haiku – eine Gedichtform, die einen konkreten Moment heraufbeschwört.
Bei Ralf Bröker erscheint dieser als ein Spätsommernachmittag unter Kastanien, vermutlich im angenehm kühlen Schatten, bei einer Partie Boule, genauer noch im Moment des Wurfs, als ein Verschmelzen mit dem Hier und Jetzt. Das lyrische Ich ist weder in Person noch als Mensch existent, es hat sich quasi selbst abgestreift und ist nur noch "die Kugel", welche von der Hand gerade geworfen wurde. Mehr noch: Das lyrische Ich wird nicht nur um-materialisiert zu einer (immerhin noch physisch fassbaren) Kugel, es transzendiert sich in eine parabelförmige Flugbahn ("bin der Bogen") und löst sich als Geräusch ("bin das Klack") schließlich vollständig auf; es verklingt. Intensiv erlebbar für den Leser wird diese Erfahrung durch die parallele Reihung „bin die Kugel / bin der Bogen / bin das Klack“. Ein Moment des Anspannens wie des Loslassens, des Seins wie des Nichtseins gleichermaßen.
Herausgeber:
Tony Böhle
Bernsdorfer Str. 76
09126 Chemnitz
Deutschland
Redaktion:
Tony Böhle
Valeria Barouch
Birgit Heid
Mail: einsendung@einunddreissig.net
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