Tanka-Kommentar (Böhle) - Einunddreißig - Das Forum für Tanka

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EIN KOMMENTAR ZU EINEM TANKA VON STEFANIE BUCIFAL
Tony Böhle

Umarmung
unsre letzte
ich halte dich
wie etwas das mir
nicht gehört

Abschiednehmen ist zumeist eine unschöne bisweilen schmerzhafte Angelegenheit. Sei es das Lebewohl zu einem Freund, der zu einer langen Reise aufbricht ein oft besungenes Sujet in klassischen Tanka , der Abschied vom eigenen Kind, das in eine andere Stadt zieht oder das aus dem Leben scheiden eines nahestehenden Menschen: Denn heute wie damals gilt, nicht jeder Abschied heißt, es gibt auch ein Wiedersehen.
Unter welchen Umständen das lyrische Ich in Stefanie Bucifals Tanka Abschied nehmen muss bleibt außer vor und lässt sich auch aus dem Kontext nicht deuten. So kann dieses Tanka auch als eine gemeingültige Klausel auf den Abschiedsschmerz verstanden werden. Lediglich die Ansprache "dich" des Gegenübers und die Vertrautheit einer "Umarmung" legt eine enge Bindung zwischen den beiden Protagonisten nahe. Und: es scheint beiden klar, dass es absehbarer ein Abschied auf immer ist, wie der Nachsatz "unsre letzte" bezeugt. Gleichsam zeigt sich in der weiteren Ausführung schon eine innere Zerrissenheit des lyrischen Ichs, das einerseits nicht loslassen möchte. Das mittlere Segment "ich halte dich", möchte man gedanklich so fast noch um den Zusatz "fest" ergänzen. Andererseits scheint das Loslassen innerlich schon vollzogen zu sein, denn das lyrische Ich hält sein Gegenüber schon "wie etwas das mir / nicht gehört". Diese Wendung stellt eine interessante gedankliche Konstruktion dar, denn welcher Mensch gehört schon einem anderen? Hier sollte das "gehört" wohl aber in einer Haltung von zu mir gehören oder zu meinem Leben gehören verstanden werden, das noch einmal die emotionale Nähe demonstriert. So möchte man auch hier, in den letzten beiden Segmenten, dazu dichten: wie etwas, das mir nicht mehr gehört. Die Ambivalenz dieser inneren Haltung verleiht dem Tanka eine besondere Tiefe, die durch den hervorragenden Spannungsaufbau ihre ganze Wirkung entfalten kann: Von der Umarmung erfolgt eine Steigerung zur letzten Umarmung und dem Festhalten... und schließlich dem Erkennen des Unausweichlichen. Ein Tanka, das sich in die Erinnerung eingräbt und den Leser mit einem Gänsehautgefühl zurück lässt.
Herausgeber:
Tony Böhle
Bernsdorfer Str. 76
D-09126 Chemnitz
Redaktion:
Tony Böhle
Valeria Barouch
Mail: einsendung@einunddreissig.net
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