Tanka-Kommentar (Heid) - Einunddreißig - Das Forum für Tanka

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EIN KOMMENTAR ZU EINEM TANKA VON FRANK DIETRICH
Birgit Heid

ich denke noch immer
an dich
ein Falter folgt mir
tief
in den U-Bahn-Schacht

Dieses Tanka liest sich melancholisch, aber auch ein wenig lakonisch und spröde. Vor allem die sehr kurze zweite Zeile empfinde ich als hart und schmerzhaft. Da signalisiert jemand seine tiefe Emotionalität, in der er (oder vielleicht sie) noch nicht in der Lage ist, seinen Gedanken und der Sprache einen individuellen poetischen Anstrich zu geben. Oder liegt es an den hohen Temperaturen, dass ich die Emotionalität als ein trockengefallenes Bachbett sehe? Diese Traurigkeit wird durch die knappe Sprache zu einer weltumspannenden Empfindung, die man mit jedem Menschen, der Gleiches erlebt hat, teilen kann.
Doch auf die Feststellung in den ersten beiden Zeilen folgt die Beobachtung eines Schmetterlings, zu der das lyrische Ich offenbar gerade fähig ist. Der Falter übernimmt hier die Aufgabe der individuellen Ausgestaltung, einer Wendung, eines Trostes oder eine Metapher. Ist es ein Tag- oder ein Nachtfalter? Ein Insekt, das Farben in unser Leben bringt oder das in seinen Brauntönen die Trostlosigkeit symbolisieren kann? Die vierte Zeile könnte eine Erklärung anbieten. Tief. Das tiefe Empfinden zu der verloren gegangenen Person, aber auch die abgründige Tiefe vor der man sich gegenwärtig wähnt.
Hier wird ein sehr weiter Bogen gespannt. Von einem bunten Falter, der neugierig und mutig bis in die unwirtlichsten Tiefen einer ihm fremden Welt gelangt, bis hin zu einem flatterndem, das unerreichbare Licht anpeilende Insekt, das in der Nacht unterwegs ist, um Nahrung aus Bierpfützen am Bahnsteig zu saugen und das sich unheimlich und lästig der Welt des Menschen nähert. Genauso zwiegespalten ist die Empfindungslage in der geschilderten Situation. Ich habe selten eine solche Tiefe und Interpretationsbreite bei einem Tanka gelesen.
Im U-Bahn-Schacht indes wird die Hoffnung auf ein Fortkommen, auf eine Veränderung, auf den Weg ins Licht genährt. Hier soll, womöglich sogar in Begleitung des Falters, eine Wegstrecke zurückgelegt werden, die in die Zukunft führt.
Herausgeber:
Tony Böhle
August-Bebel-Str. 15a
09577 Niederwiesa
Deutschland
Redaktion:
Tony Böhle
Valeria Barouch
Birgit Heid
Mail: einsendung@einunddreissig.net
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