EIN KOMMENTAR ZU EINEM TANKA VON MARIE-LUISE SCHULZE FRENKING
Birgit Heid
das Treppenhaus ächztausgetretene Stufenzur Wohnungin der niemand mehrwartet
Ein Tanka, das bereits in den ersten zwei Zeilen den Eindruck vermittelt, dass der Zenit des Lebens – des Hauses oder der gedachten Person – deutlich überschritten ist. Das Ächzen der Stufen legt sich schier in das ganze Treppenhaus, das im Gegensatz zu den ausgetretenen Treppenstufen eine frisch gestrichene Wand oder geschmackvolle Bilder aufweisen könnte, um dem Eindruck des Abgewohnten entgegenzuwirken. Ich persönlich mag es sehr, wenn alte Holzböden vernehmlich knarzen. Aber hier, besonders in der ersten Zeile, in der das raumgreifende Ächzen thematisiert wird, überwiegt der Eindruck, dass das lyrische Ich der Autorin eigentlich dort nicht mehr wohnen möchte, weil sich das Alter des Hauses auf das Leben des Menschen übertragen hat, der hier zu Hause ist.
Immerhin ist das Ziel des Weges die Wohnung, die sicher behaglich eingerichtet ist und der Bewohnerin Schutz und Entfaltungsmöglichkeiten bietet. Erste Erleichterung tritt beim Lesen ein. Endlich angekommen in der Wohnung.
Doch offenbar ist die Heimstatt leer, und das nicht schon immer. Hier lebte eine zweite Person oder wohnten mehrere Angehörige, vielleicht Kinder oder Freunde, die die gemeinsame Wohnung verlassen haben. Das Gefühl von Verlust und Resignation wird überdeutlich, allein schon durch das Wort "mehr". Auch das Warten zeigt an, dass die vertraute Person häufig zu Hause war, wenn man heimgekommen ist. Der Sinn des Hinaufsteigens wird in diesem Tanka in Frage gestellt. Hier endet ein Weg in keiner Zielerreichung mehr. Denn was ist ein Ziel, das man sich nicht gewünscht hat? Und das Leben spiegelt sich umso mehr im Ächzen und in den ausgetretenen Stufen wider.
Doch liegt hier nicht vielleicht ein Wendepunkt? Das störende Geräusch und die ausgetretenen Stufen gehören seit Jahrzehnten genau zu diesem Treppenhaus. Sie sind verlässlich und überdauern auch die Trauer. Und sie existierten bereits, als der oder die Wohnungs-Mitmieter das Leben des lyrischen Ichs bereicherten. Vielleicht "übernimmt" das Ächzen der Stufen das Elend der betroffenen Person und kann diese ein Stück weit begleiten. So könnten die tristen Kennzeichen des Treppenhauses zu neuen Gefährten der Protagonistin in ihrer derzeitigen Ausnahmesituation werden.
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