Ausgabe August 2017 - Einunddreißig

Suchen
Direkt zum Seiteninhalt

Hauptmenü:

ältere Ausgaben > 2017

Ausgabe Nr. 18 August 2017

Tanka-Bilder und Foto-Tanka
Editor: Valeria Barouch

Tanka-Prosastücke
Editoren: Valeria Barouch & Tony Böhle

Tanka-Sequenzen
Editor: Tony Böhle

Mitteilungen
Editor: Tony Böhle

Tony Böhle

Editorial

Dem einen oder anderen wird vielleicht schon aufgefallen sein, dass Ingrid Kunschkes Webseite TankaNetz seit einigen Tagen nicht mehr erreichbar ist. Auch ich hatte zunächst gehofft, dass es sich nur um Umbauarbeiten oder um eine technische Störung handeln würde. Doch dann erreichte mich eine Nachricht, die leider die Gewissheit brachte, dass die Seite nicht mehr online ist und es auch nicht mehr sein wird. Für mich ein trauriger Tag, denn ich – wie auch viele andere – hatten mit diesen Seiten zum ersten Mal einen tieferen Einblick in das Thema Tanka bekommen, Tipps zum eigenen Schreiben erhalten, Literaturhinweise, Buchbesprechungen, Essays und natürlich auch Ingrids Tanka selbst gelesen.
Kurz darauf kamen meine Erinnerungen an den Sommerurlaub 2016 zurück. Auf der Rückreise mit dem Auto bot sich auch die Gelegenheit für einen kurzen Abstecher nach Weimar. Dabei hinterließ, von allen Sehenswürdigkeiten, die Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek den größten Eindruck bei mir. Nicht einmal wegen ihres prachtvollen Rokokosaales, vielmehr wegen ihrer jüngsten unglücklichen Geschichte. Die Bilder des Großbrands vom 2. September 2004, der runde 35.000 Bände für immer vernichtete und viele andere schwer beschädigte, sind sicherlich vielen im Gedächtnis geblieben. Auch wenn die äußerlichen Brandschäden heute beseitigt sind, sind die Folgen doch noch immer sichtbar. Einige Regalböden sind noch immer nur halbvoll oder leer. Auch wenn versucht wird, die verlorenen Bände aus anderen Beständen wiederzubeschaffen, wird dies nicht restlos gelingen und dauerhaft eine Lücke hinterlassen.
Wir leben heute in einer Zeit, in der fast das gesamte Wissen der Menschheit via Google zugänglich ist. Wissen, Literatur, Kunst und Kultur sind digitalisiert und in zig Kopien auf Servern weltweit gespeichert. Auch wenn durch einen Bibliotheksbrand heute kein Wissen selbst mehr vernichtet wird, wie beim Brand von Alexandria in der Antike, sollte uns die Digitalisierung nicht in falsche Sicherheit wiegen. Zu gern verlässt man sich darauf, dass jede Internetseite für immer zugänglich sein wird.
Glücklicherweise – zumindest in diesem Falle – vergisst das Internet nicht so schnell und hat auch die Seiten von TankaNetz in einem Archiv gesichert, doch wie lange? Wir sollten uns deshalb wieder mehr bewusst werden, dass Wissen keine Selbstverständlichkeit ist, sondern ein Schatz, den es zu bewahren gilt. Dies gilt natürlich auch für alle die Beiträge, die sich über die vergangenen Jahre auf den Seiten von Einunddreißig gesammelt haben und zu deren neuster Ausgabe ich nun alle herzlich einlade.

Valeria Barouch

Das Tanka international Teil VI - Mitsuko Kasuga (Pseudonym Akane)

Mitsuko Esperanza Kasuga (1914-2002) wurde in der Stadt Ina, Präfektur Nagano, Japan geboren. Im Alter von 22 Jahren ging sie mit Tsutomo Kasuga, einem nach Mexiko ausgewanderten Landsmann, eine sogenannte "Bilderheirat" ein, d.h. die Ehepartner kannten sich nur über ausgetauschte Informationen und Fotos. Im Mai 1936 reiste die junge Frau alleine zu ihrem Mann in ein, wie sie hoffte, besseres Leben. Mitsuko schrieb seit ihrer frühesten Jugend Tanka und Haiku, eine schöpferische Tätigkeit, der sie zeitlebens ihre Freuden und Sorgen anvertraute. Das junge Paar war vom gleichen eisernen Willen beseelt, sich in dem fremden Land erfolgreich zu integrieren. Die ersten Jahre waren hart und von Armut gezeichnet, die Existenzgrundlage musste mehr als einmal neu aufgebaut werden. Doch unermüdliche, harte Arbeit führte nach und nach zum Erfolg. Bis 1948 hatte sich die Familie um 6 Kinder vergrößert. Ausbildung wurde bei den Kasugas groß geschrieben und die Kinder mussten zu Hause, nach der Schule, auch noch Japanisch lernen. Dies gab Mitsuko die Idee, in ihrem eigenen Heim eine Sprachschule für die Kinder der japanischen Gemeinde zu eröffnen. Die ganze Familie Kasuga war in den siebziger Jahren maßgeblich an der Gründung der ersten zweisprachigen Schule beteiligt, dem Liceo Mexicano Japonés. 1955 förderte die Japanische Botschaft die Gründung von Dichter-Klubs in Mexiko-Stadt und Mitsuko zählte zu den ersten Mitgliedern. 1985 wurde eines ihrer Tanka anläßlich des jährlich stattfindenden Lyrikwettbewerbs in Japans Kaiserpalast für seine hervorragende Qualität ausgewählt. Zwei Jahre später wurde sie vom japanischen Kaiserhaus mit dem "Order of the Sacred Treasure, Sixth Class" ausgezeichnet, für ihre zahlreichen Dienste in der japanischen Gemeinde.

Akane, Immigrant Poet heißt das Buch, mit zahlreichen Fotos dokumentiert, das dem Leben von Mitsuko Kasuga und ihren Tanka gewidmet ist. Bei Amazon erhältlich in einer englischen/japanischen Ausgabe (ISBN 978-4-908381-21-8), sowie in einer spanischen/japanischen Ausgabe (ISBN 978-4-908381-19-5).

my maiden form
cinched in the obi,
I long for you to see me 
I think about it
and I blush.

meine Mädchenfigur
in diesen Obi geschnürt,
ich sehne mich nach deinem Blick 
doch allein der Gedanke
lässt mich erröten
                 Obi: Kimonogürtel

Miro mis manos,
parecen acabadas.
Aquellas mismas
a mis hijos cuidaron.
Puedo verlas, bellas son.

Ich betrachte meine Hände,
sie scheinen verbraucht.
Es sind dieselben
die meine Kinder groß zogen.
Ich kann sehen, schön sind sie.

at times
I feel annoyed,
but at all times
I know this me would not exist
without my husband.

manchmal
bin ich verärgert,
doch jederzeit
weiß ich ohne meinen Gatten
wär ich nicht die, die ich bin.

I defied everyone
when I crossed that ocean,
so it can't be helped.
when I am in pain,
I accept my circumstances.

Allen zum Trotz
überquerte ich den Ozean,
es lässt sich nicht ändern.
Wenn ich bekümmert bin
muss ich mein Schicksal dulden.

over sixty years
I have lived
in Mexico,
the flavors of ginger flower miso soup
move me to tears.

Misosuppe
mit Ingwergeschmack
rührt mich zuTränen
schon mehr als 60 Jahre
bin ich hier in Mexiko.
                 Miso: Sojabohnenpaste

No se ha rendido
por dolor ni tristeza
en un mundo que cambia.
Su espalda tallo, padre,
me quedo mis lágrimas.

Er ließ sich nie beugen
weder von Schmerz noch Traurigkeit
in einer Welt im Wandel.
Ich wasche Vaters Rücken
und zähme meine Tränen.

years from now
the grandmother you will remember
is me.
when I recall this,
I am mindful of my words.

In späteren Jahren
die Großmutter deiner Erinnerungen
das bin ich.
Wenn immer ich daran denke,
wähle ich meine Worte mit Bedacht.

Vivistes engaños,
con tristes sentimientos,
y varias veces.
Te fuiste al otro mundo
sin nunca compartirlos.

Täuschungen
hast du durchlebt mit Kummer
und mehr als einmal.
Tu hast diese Welt verlassen
ohne ihn je zu teilen.

horses made of
eggplants and cucumbers
have shriveled
again during this Obon.
he did not return after all.

Die Pferde gefertigt
aus Auberginen und Gurken
sind wieder geschrumpft
auch während diesem Obon.
Er ist nun doch nicht zurückgekehrt.
                 Obon: Ahnengedenkfest

Los hijos nuestros,
con raíces en México,
todos florecen.
Quiero contarle a mi amor
cuando vaya a su lado.

Unsere Kinder,
verwurzelt in Mexiko,
sie gedeihen alle.
Meinem Liebsten will ich's erzählen,
wenn ich an seiner Seite ruhe.

Ausgewählt mit freundlicher Genehmigung der Herausgeberin, Aiko Chikaba.

Valeria Barouch & Tony Böhle

Tanka der Redaktionsmitglieder

Mutters Nippes
soll ich mein Heim füllen
mit Erinnerungen
wo doch so viel Raum
in meinem Herzen ist

                 – Valeria Barouch

auf Funkwellen schwirren
unzählige Gespräche
durch meinen Körper
doch lassen sie mich zurück
vollkommen unberührt

                 – Tony Böhle

Von fernen Orten
träumte mir immer wieder
nach dem Waldschlag
ist das Vertraute nun fremd
so werd' ich wohl bleiben

                 – Valeria Barouch

die Liebenden vereint
trotz aller Widrigkeiten…
ist dies nicht der Punkt
an dem eine Geschichte
erst wirklich beginnt?

                 – Tony Böhle

Valeria Barouch & Tony Böhle

Tanka-Auswahl August 2017

Aus den Einsendungen, die zwischen dem 1. Mai 2017 und dem 30. Juni 2017 eingereicht wurden, hat die Jury bestehend aus Valeria Barouch und Tony Böhle für die August-Ausgabe von Einunddreißig eine Auswahl von 32 Tanka getroffen. Jeder Teilnehmer konnte bis zu zehn Tanka einreichen. Die ausgewählten Texte stehen nachfolgend alphabetisch nach den Autorennamen aufgelistet. Die Jurymitglieder haben jeweils ein Tanka, das sie besonders angesprochen hat, hervorgehoben und kommentiert.

Valeria Barouch

Ein Tanka, das mich besonders anspricht

Hellblau und Rotorange
seien komplementär, doch
wie verhält es sich
in einer Beziehung
zwischen Frost und Rost?

                 – Diana Michel-Erne

Was bedeutet Komplementarität bei Farben? Da es in diesem Tanka in erster Linie um zwischenmenschliche Beziehungen geht, könnte man dies so formulieren: Wenn der temparamentvolle Rotschopf und der kühle Blauäugige wie die Kletten zusammenhängen, dann kann die symbiotische Beziehung in einen grauen Alltag münden. Komplementäre Farben stehen sich auf einer Ringskala gegenüber und vermischen sich zu Grautönen. Im Nebeneinander jedoch, erhöhen sie ihre gegenseitige Farbkraft und Wahrnehmung. Diese Eigenschaft lässt sich ebenfalls auf menschliche Beziehungen übertragen. Die Wertschätzung von Gegensätzen, mehr als das Verschmelzen, können die Routine vom Alltag fernhalten.
Wie verhält es sich mit Frost und Rost? Hier haben wir es mit zwei verschiedenen Zuständen zu tun, die auf den ersten Blick nichts gemeinsam haben. Sie können beide, unabhängig voneinander, von zerstörerischer Natur sein. Frost zu Unzeiten führt in der Landwirtschaft zu großen Schäden und Korrosion ist der kostenträchtige Feind von Eisenwerkstoffen. In der Gefühlswelt steht Frost für Gleichgültigkeit. "Alte Liebe rostet nicht", heißt es. Doch, es gibt wohl keine Beziehung, ob alt oder jung, die diesem Frost trotzen kann. Viele Umstände können zum Einrosten führen und so kann es denn auch umgekehrt sein, dass der Rost den Frost herbeiruft. Was mich in diesem Tanka sofort angesprochen hat, ist wie gekonnt mit wenigen Begriffen die Komplexität von menschlichen Beziehungen hinterfragt wird.

Tony Böhle

Ein Tanka, das mich besonders anspricht

Der alte Moslem
gleich neben dem Duty Free
in’s Gebet vertieft.
Lautsprecher-Stimme mischt sich
mit den Suren des Korans.

                 – Conrad Miesen

Flughäfen sind für mich etwas Faszinierendes. Man könnte sie als einen Mikrokosmos unserer Welt ansehen: Menschen, gute wie schlechte, aus aller Herren Länder, verschiedenster Religionen und Hautfarben, mit den unterschiedlichsten Reisezielen treffen dort zusammen. Es gibt Flughafenkapellen und Gebetsräume, genauso wie profane Duty-free-Shops, Reisebüros, Raucherlounges, Restaurants und Supermärkte. Alles komprimiert auf engstem Raum, im stetigen Fluss.
An einen solchen Platz, mit all seinen Gegensätzen, entführt uns auch das vorliegende Tanka. Fast wie in einem Teilchenbeschleuniger scheinen hier Religion – die immer wieder Conrad Miesens Thema ist – und Konsum, Tradition und Moderne, komprimiert in einem einzigen Augenblick, aufeinander zu treffen. Der Duty-free-Shop, der mit seiner bunten Warenwelt zum Konsum auffordert, bildet den Gegenpol zum spirituellen Leben in Form der Koran-Rezitation. Der moderne Flughafenlautsprecher, die Reise- und Fluginformationen liefernd, wetteifert mit der Einfachheit der einzelnen menschlichen Stimme, die Suren des Korans rezitiert, wie seit Jahrhunderten. Ein Wort ist es, das für mich das ganze Tanka auf den Punkt bring: das Verb "mischen".
Doch hinter dieser obersten Schicht des Tanka verbirgt sich noch eine weitere. Das öffentliche Gebet ist für einen Mitteleuropäer ein ungewohnter Anblick. Das Praktizieren der eigenen Religion findet im Alltag eher abseits der Öffentlichkeit statt – sei es in den eigenen vier Wänden oder einem geschlossenen kirchlichen Raum. Was mögen da Koransuren in uns auslösen? Dem einen oder anderen mögen vielleicht Erinnerungen an islamistische Terroranschläge kommen, besonders an einem solch sensiblen Ort kurz vor dem Abflug. Doch sehen wir hier einen friedlichen Islam, zu dessen Säulen die täglichen fünf Gebete gehören. Ob es nun eines dieser Gebete ist, eines für die eigene sichere Reise oder die Reaktion auf einen Unglücksfall, bleibt ungeklärt und bedarf auch keiner Auflösung.
Das vorliegende Tanka zieht seine Stärke zum einen aus seiner nüchternen, fast kühlen Beobachtung der kontrastreichen Szene, die aber umso reichere Assoziationen und Gedankenspiele hervorruft.
In seiner strengen 31-Silben-Form scheint mir Conrad Miesens Tanka, dem Gebet des "alten Moslems" gleich, als einzelne Stimme aus dem hektischen Gewirr herauszutreten und sich als kurze, aufmerksame Beobachtung einer ständigen Reizüberflutung entgegenzustellen.

Valeria Barouch & Tony Böhle (Auswahl)

Die Tanka-Auswahl

Ein Federknäuel
vom Wind vorangetrieben,
am Rand des Feldes
der verstümmelte Körper
eines bunten Papageis.

                 – Ingrid Baumgart-Fütterer

Tag der offenen Tür
im neuen Pflegeheim
wie hell und freundlich
vergeblich versuche ich
nicht berührt zu werden

                 – Eva Limbach

Die Erde stirbt
mahnt ein Autor
doch ich nehm den Sprenger
lass Pflanzen meines Gartens
blühen und duften

                 – Christa Beau

im Schrebergarten
die Fachsimpeleien über
Kraut und Unkraut –
ungerührt markiert
ein Kater sein Revier

                 – Eva Limbach

beim Briefschreiben
durchs Fenster schmuggelt sich
Vogelgezwitscher
wie nachgiebig nun Worte
die aufs Papier fließen

                 – Christa Beau

Die Fußgängerbruck
überm breit plätschernden Fluss
's nichts Besondres.
Einer mit bunten Stiften
malt sie auf Zeichenpapier.

                 – Horst Ludwig

ein schiff auf hoher see
am steuerrad
dreh ich verzweifelt
dreh und dreh
solange, bis ich untergeh

                 – Gerald Böhnel

Hellblau und Rotorange
seien komplementär, doch
wie verhält es sich
in einer Beziehung
zwischen Frost und Rost?

                 – Diana Michel-Erne

mein nachtbus
blendet mich
und rauscht vorbei
– höhnisch funkeln
die rücklichter

                 – Gerald Böhnel

Der alte Moslem
gleich neben dem Duty Free
in’s Gebet vertieft.
Lautsprecher-Stimme mischt sich
mit den Suren des Korans.

                 – Conrad Miesen

auf freier Strecke
eine Stunde Aufenthalt
im Weit und Breit – doch
drei Stühle im Regen
unter dem Flieder

                 – Gerd Börner

Oktober-Gaben:
Kastanien, neuer Wein
und reife Äpfel!
Die Messerspitze Schwermut
nehme ich gerne in Kauf.

                 – Conrad Miesen

Wo so rein wie Schnee
Zukunft und Vergangenes
mit sanftem Seufzen
auf sich rötendem Morgen
zweier Lippenbögen klingt

                 – Beate Conrad

Tief im Buchenwald
frisst sich grimmig die Säge
durch alte Stämme…
Ein letzter Sturz, ein Krachen –
dann nur noch Grabesruhe.

                 – Conrad Miesen

mucksmäuschenstill
ihr eiserner Oberkiefer
weit aufgerissen
liegt sie auf der Lauer
die Mausefalle

                 – Frank Dietrich

Stumme Ruinen
Eines alten Reiches
Erneut bewohnt:
Hier hat jede Taube
Ihre eigene Säule.

                 – Roman Rausch

die Schale
bis zum Rand gefüllt
mit grünem Tee
ich trinke
die Stille des alten Teichs

                 – Frank Dietrich

Nach der Bestattung.
Kaffee für die Verwandten
im Haus der Trauer.
Zum Lachen eines Kindes
knarrt Großvaters Schaukelstuhl.

                 – Wolfgang Rödig

wie viele Ichs
in den Scherben des Spiegels
mein Selbstbild
in seiner
fraktalen Dimension

                 – Frank Dietrich

Sein Start in den Tag.
Der alte Junggeselle
im Morgenmantel
mit der Zeitung unterm Arm
holt sich Probleme ins Haus.

                 – Wolfgang Rödig

kein Anruf, keine E-Mail
keine SMS
im Hausflur hängt
von silbernem Faden
die Spinne

                 – Frank Dietrich

Blick ins Tal –
wie sie sich langsam verschiebt
die Schattengrenze
Plötzlich geht im Bergwald
das Licht an – als wär’s in mir

                 – Angelica Seithe

dunkle dämmerung
unfiltrierte
gedanken –
schwebstoffe
heimatlos...

                 – Ruth Guggenmos-Walter

Mail im Sommerwind –
zwischen den Zeilen
raschelnder Ähren
steht unausgesprochen
der leuchtende Mohn

                 – Angelica Seithe

Mohn –
ein Schmetterling
ruht
auf dem Gipfel
der Zerbrechlichkeit

                 – Ilse Jacobson

Abendsonnenlicht
auf den Wellen
ein Flussgott
dehnt seinen Schatten
und wird ein Weidenbaum

                 – Helga Stania

seine Äste
zur Leier gebogen
im alten Baum
spielt nun der Wind
unsere Lieder

                 – Ilse Jacobson

Blumen streute sie
über den Pfad
ihrer Rede
im leichten Wind
sehe ich Steine

                 – Helga Stania

mehr als die Hälfte
ist meine Zeit verstrichen
in Zentimetern
messe ich die Abstände
für Krokuszwiebeln

                 – Silvia Kempen

Flirrende Hitze
lag über der Berührung,
schwindelte mir vor,
 
die wasserblauen Augen
wären eine Oase.

                 – Wolfgang Stock

im Wind des Meeres
duftet das leuchtende Gelb
der Ginsterbüsche
am heutigen Tag lauter
die Stimmen der Möwen

                 – Silvia Kempen

Abend-Ritual
an Oma's Stammplatz
auf dem Sofa links
sie wartet auf den Knaller
Enkels Wangenkuss

                 – Erika Uhlmann

Horst Ludwig
Mitmachen

Ich bin erstaunt, wie wichtig in Gemeinschaften Liturgien sind, ob sie sich nun sprachlich, in der Körperhaltung oder auch nur in der Empfindung bestimmter Ereignisse ausdrücken. So war mir von klein auf schon immer die Zahl sieben etwas Besonderes, sogar vom Klang her. Als ich später lernte, dass Luther von den sieben Sakramenten fünf wegstrich, war das für mich spürbar Schwächung, keinesfalls wichtige Bereinigung von wild Wucherndem.
Fast alle Sakramente hatte ich schon selbst miterlebt, ja sogar die Letzte Ölung: Zu Hause noch war mein zweiter Bruder einen Winter an einer so schweren Lungenentzündung erkrankt, dass meine Mutter den Pater holen ließ, den Seelsorger in unserm kleinen Dorfe. Der kam dann auch mit Kruzifix und zwei Ministranten, die mit Weihrauch und Glöckchen, alle im Ornat wie in der Kirche am Sonnag, und er vollzog die heilige Handlung am Bett meines Bruders.  Naja, und die anderen Sakramentsfeiern ergaben sich im Leben sowieso ja wie von selbst.
Doch da war dann eben doch noch eins. In Salzburg ging ich einmal an einem frühen Nachmittag eine breitere Straße entlang und wollte mir eine bestimmte Kirche ansehen, als plötzlich, nicht weit, dröhnend die Glocken ertönten, mächtig. Dreiviertel zwei? Mitten in der Woche? Da war doch was los! Ich ging also schleunigst hin zu der Kirche, und da an der Tür standen viele Leute draußen, viele sogar mit großformatigem Programmheft in den Händen. Und ich änderte sofort meine Pläne: Einer Priesterweihe opferte ich natürlich gern einen ganzen Nachmittag.

     Die schwere Türe
     mit der berühmten Klinke
     heute weit offen.
     Fast endlos der Priesterzug
     zur Einbrüderungsfeier.

Beate Conrad & Horst Ludwig
Zwei Kettengedichte


     Die Fenster zittern
     zu hart knarrenden Panzern,
     zu Schritt und zu Tritt
     noch bös in engen Träumen,
     wirr in Erinnerungen.

     Hart knarren Panzer
     und überm Wüstengestein
     schimmern paar Sterne.
     Lang ohne Wind die Flaggen
     hoffnungsfroherer Tage.

     Mit Schritt und mit Tritt
     bis zum alten Brückenkopf
     am frühen Morgen.
     Rötlich zeigt sich auch der Strom,
     und es zwitschern die Vögel.

     In engen Träumen
     hier und da blitzdurchrissen
     und stark schweißdurchtränkt
     auf einem Laken
     als wär's wie in einem Film
     gezeichnet die Kriegerpflicht

     In Erinnerung
     auch ein erster Veilchenstrauß
     verströmt seinen Duft
     auf verwitterten Gräbern
     unbekannter Soldaten.

     H.L.: 1, 3; B.C.: 2, 4, 5


     Wie so weit die See, —
     wie sich ein silberner Mond
     hinter dem Spiegel
     wogend und so rund und schön
     erhebt aus silbernem Tuch

     Ein silberner Mond,
     ein Prinz, herausgeschnitten
     aus dem Bilderbuch,
     aus Tausendundeine Nacht —
     nun ist guter Rat teuer.

     Hinter dem Spiegel
     ziehen sich altes Denken,
     Wahrgenommenes,
     auch bloß Dahingesagtes
     ihre eigenen Kreise.

     wogend und so schön
     hoch aufschäumende Gischt, weiß
     trabende Pferde
     einer magischen Lampe
     auf dem Weg nach Atlantis


     wie silbernes Tuch
     der Gesang der Sirenen
     eine Tintenspur
     irrt an einem Glockenton
     vergangengeglaubter Zeit

     H.L.: 1, 3; B.C.: 2, 4, 5

Ingrid Kunschke
Es war einmal


     Mit Märchenmarken
     vom Laden um die Ecke
     wurden Träume wahr:
     auf Glaspantöffelchen
     ging ich kess durchs Leben

     Mit Märchenmarken
     an der Kasse abgezählt
     fragte ich 's Spieglein
     wer der Liebste sei im Land
     und der Liebste, das warst du

     Mit Märchenmarken
     gehörten mir für ein Mal
     ganz kurz
     die Siebenmeilenstiefel
     und trugen sie mich zu dir

     Mit Märchenmarken
     für 'nen Apfel und 'n Ei
     war ich Prinzessin
     und du Prinz auf der Erbse
     denn ich hatte Wünsche frei

     Mit Märchenmarken
     schenkte der Kaiser mir glatt
     die neusten Kleider
     und trug ich sie für dich, mein Herz
     mein Herz, für dich allein

Erstveröffentlichung: TankaNetz, 2005

 

Wettbewerbe, Termine und Veranstaltungen

2017 San Francisco International Competition
Die Vereinigung Haiku Poets of Northern California lädt Teilnehmer zur 2017 San Francisco International Competition herzlich ein. In den Kategorien Haiku, Senryu, Tanka und Rengay können noch bis zum 31. Oktober 2017 Beiträge eingereicht werden. Die Gewinner erwarten Geldpreise. Weitere Informationen finden sich auf der Webseite der Haiku Poets of Northern California.
 
TankaNetz
Die Webseite TankaNetz von Ingrid Kunschke ist nicht mehr online. Eine vorläufige Archivierung der Seiten ist über das Portal web.archive.org erfolgt, so dass die Inhalte von TankaNetz vorläufig weiter über den nachfolgenden Link verfügbar sind:
 
International Tanka - eine neue Zeitschrift
Die japanische Tanka-Gesellschaft Nihon Kajin Club sowie deren Zeitschrift The Tanka Journal wurden eingestellt. Als Nachfolger gibt es seit Sommer dieses Jahres die Zeitschrift International Tanka, die zweimal jährlich erscheint. Auch Autoren aus anderen Ländern sind herzlich eingeladen sich mit Tanka in eigener Sprache mit englischer Übersetzung an diesem neuen internationalen Projekt zu beteiligen. Nähere Informationen sind auf der Webseite http://www17.plala.or.jp/ITS117/ zu finden oder von der Herausgeberin Aja Yuhki (ayayu-ki@sc4.so-net.ne.jp) zu erfahren.

nächste Ausgabe

Die nächste Ausgabe von Einunddreißig erscheint am 15. November 2017. Der Einsendeschluss ist der 30. September 2017. Für die Einsendung von Beiträgen bitte ich, die Teilnahmebedingungen zu beachten.

 
Zurück zum Seiteninhalt | Zurück zum Hauptmenü