Ausgabe Mai 2017 - Einunddreißig

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ältere Ausgaben > 2017

Ausgabe Nr. 17 Mai 2017

Editor: Tony Böhle

Artikel und Essays
Editor: Valeria Barouch

von Valeria Barouch & Tony Böhle

Editoren: Valeria Barouch & Tony Böhle

Tanka-Bilder und Foto-Tanka
Editor: Valeria Barouch

Tanka-Prosastücke
Editoren: Valeria Barouch & Tony Böhle

Tanka-Sequenzen
Editor: Tony Böhle

Mitteilungen
Editor: Tony Böhle

Tony Böhle

Editorial

Putzig wirken sie ja mit ihrem katzenartigen Gesicht, dem buschigen, gestreiften Schwanz und dichtem Fell. Und auch dass sie in amerikanischen Comics wegen der schwarzen Querstreifen um die Augen gern als maskierte aber liebenswerte Einbrecher inszeniert werden, leistet dem erst einmal keinen Abbruch. Zwar ist mir noch kein Waschbär begegnet, aber es ist wohl nur eine Frage der Zeit. Ist man aufmerksam, kann man seine Anwesenheit auch ohne direkten Kontakt bemerken. Hier und da eine umgeworfene Mülltonne, in Gartenanlagen verwüstete Lauben oder ein geheimnisvolles Kratzen und Scharren auf dem Dachboden.
Obwohl Nordamerika die eigentliche Heimat dieser Kleinbären war, ist er doch auch in Deutschland heimisch geworden. Zunächst nur auf Farmen für die Pelzzucht gehalten, soll dann am 12. April 1934 ein Förster zwei Waschbärenpaare am hessischen Edersee ausgesetzt haben, um die heimische Tierwelt zu bereichern – mit fatalen Folgen. Die Tiere haben hierzulande keine natürlichen Feinde und sind sehr paarungsfreudig. So tummeln sich mittlerweile rund 70.000 Exemplare in Deutschland und führen immer öfter zu Problemen.
Doch dies ist bei weitem nicht der einzige Fall, wie gut gemeinte Ideen ungalante Konsequenzen nach sich ziehen. Einstein bereute später, mit seiner weltberühmten Formel die Grundlage für die Atombombe gelegt zu haben, Luthers Reformation führte zu den Bauernkriegen und die Französische Revolution fraß bekanntlich ihre Kinder. Ob nun Waschbär, wissenschaftliche Entdeckung oder neue Gedanken – sind sie erst einmal in der Welt, können sie nicht mehr zurückgeholt werden.
Auch das Tanka war eine fremde Art, die ursprünglich in Japan beheimatet, zu uns gekommen und heimisch geworden ist. Herauszufinden, was sich daraus entwickelt hat und noch entwickeln wird, lade ich alle herzlich zur Lektüre der neuesten Ausgabe von Einunddreißig ein, die jetzt online steht.

Valeria Barouch

Das Tanka international Teil V - Jo(sette) Pellet

Jo(sette) Pellet wurde als Einzelkind in einem isolierten und herben Tal des Waadtländer Juras geboren. Schon früh schrieb sie "Ströme von Worten", wie sie es selbst formuliert, d.h. Gedichte, Erzählungen, Novellen, Artikel, usw. Ein Bedürfnis nach dem Kern der Sache brachte sie zum Haiku, zum Haibun und schließlich zum Tanka. Ihre Liebe zu Wüsten, Steppen, Savannen und großen Strömen führte sie nach Lateinamerika, Afrika, Asien, den USA und natürlich auch durch Europa. Diese Streifzüge haben Früchte getragen in Form von vier Haikusammlungen: "la balade du grillon", 2009, éd. Samizdat, "Les dimanches à Verdaine", 2012, éd. Unicité, "Syrie  Les hirondelles crient", 2013, éd. Unicité und "Mékong mon amour", 2014, éd. Samizdat. Außerdem ist sie in zahlreichen Anthologien vertreten. Ihre Tanka sind in der "Revue du Tanka francophone", in der on-line Revue "Cirrus", sowie in verschiedenen Anthologien erschienen.
Jo(sette) Pellet begann ihre berufliche Laufbahn in den Medien, der Entwicklungshilfe und in Empfangsstellen für Asylsuchende. Seit 30 Jahren ist sie im psychosozialen Bereich tätig und leitet gelegentlich Schreibwerkstätten. Schon seit geraumer Zeit praktiziert sie Yoga, Taïchi, Gebärdenspiel und Zazen.

Rampant dans la vigne
le voilà presque à la porte
le brouillard de l'aube
cette femme dans le miroir
presque une étrangère - vertige
                 RTF No 14, octobre 2011

Den Weinberg durchstreifend
fast schon an der Tür
ist der Morgennebel
diese Frau im Spiegel
beinah eine Fremde - Schwindel

L'encre sur ses lettres
peu à peu s'efface 
épitaphe dans le marbre
Sept années déjà
c'est comme si c'était hier
                 RTF No 24, février 2015

Die Tinte seiner Briefe
verblasst nach und nach 
das Epitaph aus Marmor
Sieben Jahre schon
als wäre es gestern

L'amour l'amitié
tricotage difficile
entre heurts et joies
Combien de temps encore
avant l'effacement?
                 RTF No 29, octobre 2016

Liebe und Freundschaft
ein verzwicktes Stricken
zwischen Reibereien und Freuden
Wie lange noch
bis zum Erlöschen?

Six heures de train
pour chanter aux funérailles
de l'amie poète
qui viendra chanter pour moi
mécréante sans famille?
                 RTF No 25, juin 2015

Sechs Stunden Bahnfahrt
um am Begräbnis zu singen
für die Freundin die Dichterin
wer wird dereinst für mich singen
die familienlose Ungläubige?

Feuilles mortes
sur le bord de la fenêtre
vendredi 13
chez les voisins aujourd'hui
le coq est resté muet
                 RTF No 27, février 2016,
                 Spécial Hommage aux victimes
                 des attentats de Paris

Trockenes Laub
auf dem Fenstersims
Freitag der 13.
bei unseren Nachbarn heute
ist der Hahn stumm geblieben

aujourd'hui
après toutes ces années
un signe de toi 
en ce matin de printemps
le thé tremble dans mon bol
                 Cirrus No 4, juillet 2015

heute
nach all den Jahren
ein Zeichen von dir 
an diesem Frühlingsmorgen
bebt der Tee in meiner Schale

au-dessus des toits
la barrière des montagnes
et la nuit sans lune
à mille kilomètres
l'obscur objet de mon désir
                 Cirrus No 6, novembre 2016

über den Dächern
die Schranken der Berge
und die mondlose Nacht
tausend Kilometer entfernt
das obskure Objekt meiner Begierde

Chèvres aux balcons
chevaux entre les maisons 
village fantôme
Ô vous mes chers disparus
je vous retrouve partout
                 "Nuages d'octobre", anthologie
                 de tanka, 2013 et dans L'Echo
                 de l'Étroit Chemin No 8, juin 2013

Ziegen auf Balkonen
Pferde zwischen Häusern 
ein Geisterdorf
Oh meine lieben Dahingeschiedenen
überall find' ich euch wieder

Militant frondeur
et compagnon de route
durant des lustres
Plus on aurait bien voulu
hélas pas en même temps
                 RTF No 26, octobre 2015

Kritischer Aktivist
und Weggefährte
während Jahrzehnten
mehr hätten wir wohl gewollt
leider nicht zur gleichen Zeit

Sur le couvre-lit
des animaux en peluche
dans ses yeux l'attente
bon dieu un si long voyage
et déjà l'envie de fuir
                 RTF No 21, février 2014

Auf der Tagesdecke
Kuscheltiere
in seinen Augen die Erwartung
meine Güte solch eine lange Reise
und schon Lust zu fliehen

Valeria Barouch & Tony Böhle

Tanka der Redaktionsmitglieder

All die Gehhilfen
im Schaufenster
der Apotheke
meinem Knie verleidet
jählings das Leiden

                 – Valeria Barouch

Cervantes‘ Don Quijote
auf dem Stapel
"Mängelexemplare" –
ich kaufe es
aus purer Solidarität

                 – Tony Böhle

Geboren am Fusse
der Königin der Berge
wie ein Untertan
kehr ich fortan heim
ihr zu huldigen

                 – Valeria Barouch

ein reiner Name,
heißt es, sei das schönste Kleid –
liebgewonnen
trage ich das meine
mit all den Flecken, Löchern

                 – Tony Böhle

Valeria Barouch & Tony Böhle

Tanka-Auswahl Mai 2017

Aus den Einsendungen, die zwischen dem 1. Februar 2017 und dem 31. März 2017 eingereicht wurden, hat die Jury bestehend aus Valeria Barouch und Tony Böhle für die Mai-Ausgabe von Einunddreißig eine Auswahl von 33 Tanka getroffen. Jeder Teilnehmer konnte bis zu zehn Tanka einreichen. Die ausgewählten Texte stehen nachfolgend alphabetisch nach den Autorennamen aufgelistet. Die Jurymitglieder haben jeweils ein Tanka, das sie besonders angesprochen hat, hervorgehoben und kommentiert.

Valeria Barouch

Ein Tanka, das mich besonders anspricht

die alte Vase
mit den blühenden Veilchen
zusammengeklebt
wie das Leben der Tante
vor den Leuten besteht
                 – Silvia Kempen

Nach den Erdbeben von Tohoku in 2011 und Kumamoto in 2016 forderte Kunio Nakamoto, ein Geschäftsmann aus Tokyo und Kintsugi-Künstler, die Bewohner der betroffenen Gebiete auf, Scherben von Keramikwaren mit sentimentalem Wert nicht einfach fortzuwerfen. Sie sollten geliebte Erbstücke mit Sorgfalt aufbewahren, er werde diese unentgeltlich reparieren. Dieser gute Samariter, wie ein Artikel ihn nannte, sah seinen Einsatz als Mittel diesen Menschen einen Weg zur Heilung aufzuzeigen.
Kintsugi ist die japanische Kunst zerbrochene Keramik nicht nur zu restaurieren, sondern ihr ein neues, schöneres Leben zu verschaffen. Risse werden nicht versteckt, sie werden mit goldenen Fugen hervorgehoben, so dass selbst die bescheidenste Schale wie ein Phönix aus den Trümmern steigt, als Kunstwerk welches der Vergangenheit, dem Gelebten neue Würde verleiht.
Silvia Kempens Tanka hat mich spontan an diese Kunst erinnert, aber auch daran, wie sehr unser Verhältnis zu Makel von der japanischen Ästhetik abweicht. Unsere zerschlagenen Töpfe haben gerade mal Anrecht auf das Sprichwort "Scherben bringen Glück" und dann werden sie mit mehr oder weniger Bedauern weggekehrt. In den seltensten Fällen wird ihnen eine liebevolle Reparatur zuteil. Ein ganz besonderer Stellenwert muss es wohl sein, der das Leben der Veilchenvase verlängert. Von dieser Annahme abgesehen, lernen wir nichts aus den ersten drei Segmenten, von denen Zeile c als Scharnier dient. Doch dann horchen wir auf (zusammengeklebt / wie das Leben der Tante / vor den Leuten besteht), denn mit Vers c eröffnet sich eine neue Perspektive. Wir werden aus der nüchternen Betrachtung der Vase herausgerissen und mit einem menschlichen Schicksal konfrontiert. "Das Leben liegt in Scherben" und "zusammenkitten" sind vielbenutzte Metaphern um Trauma und Bearbeitung zu beschreiben. Das Tanka lässt nicht verlauten mit welchem Erfolg die Tante ihr Leben aufrechterhält. Es besteht vor den Leuten lässt vermuten, dass die Reparatur zumindest gegen außen perfekt ist, die Risse gut kaschiert, wie es bei uns üblich ist. Man kann sich der Frage nicht entziehen, ob in dem Bestehen auch wirkliches Leben herrscht. Wenn das "nicht zum Gerede werden", das "sich keine Blöße geben" alleine maßgebend sind, dann ist es um die Qualität des Klebstoffes schlecht bestellt. Hilfesuchen und tiefere Verarbeitung werden dadurch oft erschwert. So möchte man spontan dieser Tante wünschen, dass die Veilchen fortan in einem Netzwerk goldener Kintsugi-Adern blühen, die Vergangenheit die Zukunft veredeln möge.
Die Alliteration von Vase / Veilchen und Leben / Leute finde ich ebenfalls sehr gelungen, wobei erstere dem Auge und letztere auch dem Ohre schmeichelt.

Tony Böhle

Ein Tanka, das mich besonders anspricht

Kräftiger Schauer
sprengt die Demonstration
gegen Flüchtlinge.
Ein Wortführer sucht Zuflucht
unterm Schirm eines Fremden.
                 – Wolfgang Rödig

In den Jahren seit der Reaktorkatastrophe von Fukushima hat sich in Japan eine neue Tanka-Strömung herausgebildet. War bislang die New-Wave und Light-Verse-Bewegung mit ihren vielen kleinen Skizzen aus dem alltäglichen Leben tonangebend, führten die Ereignisse vom 11. März 2011 zu einer stärkeren Politisierung des Tanka. Auch wenn diese Themenwahl für die japanische Literatur ohne großes Beispiel ist, ist die politische Lyrik im Westen schon lange ein festes Genre.
Im Hinblick auf diese Tradition und die Ereignisse, die seit dem 11. September 2001 unsere Gesellschaft tiefgreifend verändert haben, ist es wohl eher erstaunlich, dass eine Politisierung der hiesigen Tanka-Literatur nur in geringem Maße stattgefunden hat. Themen gäbe es wohl genug: den islamistischen Terror, die Flüchtlingskrise, das Schwächeln der Europäischen Union, die verschiedenen Schuldenkrisen, das Erstarken der Populisten oder den Ukraine-Konflikt. Ganz bewusst möchte ich deshalb einmal einen Text auswählen, der einmal ein solches gesellschaftliches Thema zum Bezugspunkt wählt.
Wolfgang Rödigs Tanka zeigt eine Begebenheit  ob real oder fiktiv sei dahingestellt  auf einer Kundgebung derer, die sich gegen die Aufnahme von Flüchtlingen wenden. Die Bilder von Bürgern, die gegen die Asylpolitik wettern, Politiker beschimpfen, Medien als Lügenpresse diffamieren oder mit sogenannten patriotischen Spaziergängen auf ihren Unmut aufmerksam machen. Es ist wohl eine solche Demonstration, die hier durch einen "kräftiger Schauer" jäh gesprengt wird. Genau dieses Bild, das uns in den ersten drei Segmenten präsentiert wird, ist sprachlich beeindruckend gestaltet und birgt eine Analogie für die Erfahrungen des Fliehens in sich. Wie ein kräftiger (kalter) Schauer mag auch der Bürgerkrieg in Syrien viele Menschen unvorbereitet getroffen und versprengt haben. Und was würden die Demonstranten wohl tun, stünden sie plötzlich allein im Regen? Angenommen in Deutschland würde ein Bürgerkrieg wüten oder Hunger und bittere Armut herrschten? Die Antwort ist offensichtlich – das Weite suchen. Dies zeigt bei genauerem Hinsehen schon die ganze Absurdität.
Eine weitere Steigerung erfährt das Tanka in den unteren beiden Segmenten durch das Motiv des Zuflucht-Suchens. Schließlich sieht sich auch einer der "Wortführer" gezwungen, Schutz zu suchen. So selbst in die Situation eines Fliehenden und Schutzsuchenden geraten, bekommt er Hilfe gewährt von einem Fremden, der ihm Unterschlupf unter seinem Regenschirm gewährt. Ob der "Fremde", unter dessen Schirm er schließlich Schutz findet, auch ein Demonstrant ist oder ein unbeteiligter Passant – man darf wohl das Letztere annehmen – bleibt offen.
Wolfgang Rödigs Tanka ist auch deshalb aller Erwähnung wert, da es die gelungene Umsetzung eines politisch-gesellschaftlichen Themas zeigt. Viele derartiger Tanka, die ich auch aus japanischen Zeitschriften kenne, vermitteln ihre Botschaft oft allzu flach oder tendenziös. Hier gelingt es dem Autor allerdings einen persönlichen Standpunkt zu beleuchten ohne den Eindruck eines Holzhammers zu hinterlassen.

Valeria Barouch & Tony Böhle (Auswahl)

Die Tanka-Auswahl

Vergilbte Alben
mit Fotos von Zeitzeugen,
sie sind alle tot,
doch noch "überleben" sie
in meiner Erinnerung.

                 – Ingrid Baumgart-Fütterer

den Kopf
unter der Decke
werde ich
mit klopfendem Herzen
zu einem Embryo

                 – Silvia Kempen

Apfelblüte
die Poesie des Moments
festhalten
im Foto
für meinen Winter

                 – Christa Beau

ein flüchtiger Blick
ich und diese Frau
in meinem Spiegel
wann wir uns fremd wurden
weiß keine von uns

                 – Eva Limbach

Im Schaukelstuhl
Sonnenstrahlen
meterlang
in den Winterpullover
stricken

                 – Christa Beau

dorthin zurück
wo wir Kriege führten
um alles und nichts
der Kirschbaum noch einmal
in voller Blüte

                 – Eva Limbach

Aufgestanden gewaschen
gearbeitet bis zum
Sonnenuntergang
 
zum Stein gefahren wo
einst mein Name steht

                 – Gerald Böhnel

Wir schweigen…
das Kopfsteinpflaster teilt
die schneebewachsenen Felder
Und im Arm halte ich
das Gebinde für Vaters Grab

                 – Ramona Linke

Endlich Frühling
Tulpen blühen auf
Sonnenschirme…
 
Und du entstaubst
die Rose vom Rummel

                 – Reiner Bonack

Im Morgennebel
verschleiert der Holunder,
die kleine Kirche,
im vollen Klang zur Wandlung
bestimmt ein reiches Blühen

                 – Horst Ludwig

Bei Ebbe
mit meinem Finger
in den Sand geschrieben…
 
Für Stunden weiß das Meer nicht
dass ich dich liebe

                 – Reiner Bonack

welch Milde
dieser Tage, wohl wissend
um den kommenden Frost
wie geht es Mutter?
wie geht es Vater?

                 – Diana Michel-Erne

Selbst in fernem Land
wär ich wohl ein Apfelbaum
die Arme weit — so
hieße er ihn willkommen
ein fremder Frühlingsregen

                 – Beate Conrad

Von fern die Frösche,
von nah der Portugieser
auf meiner Zunge…
Mamertus fühlt sich diesmal
so samtig und schmeichelnd an.

                 – Conrad Miesen

Weiße Jet-Wolken
tränken das Land ganz und gar
die tiefen Schatten
wer weiß schon, ob sie aus Wut
oder Bedauern kamen

                 – Beate Conrad

Vor dem nächsten Tief
Maisfelder abgeerntet…
Nur ein paar Recken
schwanken noch leise im Wind –
Sonnenblumengesichter.

                 – Conrad Miesen

wir beide ∞ zwei monde
mit kratern
metaphorischen meeren
und dunklen seiten
die wir einander nicht zeigen

                 – Frank Dietrich

Ich sehe mich grau
in einem kleinen Gefäß,
namenlos als Staub.
Schnell weg von der Beisetzung,
zum Seerosenteich – Kind sein…

                 – Dyrk-Olaf Schreiber

Abschiedsworte
werden zu
Atemwolken
werden
zu Abendwolken

                 – Frank Dietrich

Kräftiger Schauer
sprengt die Demonstration
gegen Flüchtlinge.
Ein Wortführer sucht Zuflucht
unterm Schirm eines Fremden.

                 – Wolfgang Rödig

Nachrichten aus aller Welt
verarbeite ich
zu Papierschiffchen
und schicke sie
den Bach hinunter

                 – Frank Dietrich

Winterstürme
kämmen die Birke
vorm Haus
Besorgt betrachte ich die
Flaute in meinem Inneren

                 – Angelica Seithe

ohne Job, ohne Frau
und ohne Freunde
werden meine Tage
zu Krähen – und ich
zur Vogelscheuche

                 – Frank Dietrich

Abendbrise –
ein Kormoran auf der Klippe
breitet die Flügel
als segnete er die See…
Ob wir uns wieder sehen?

                 – Angelica Seithe

dieser Schatten der mich nun
schon den ganzen Tag
verfolgt
wird länger und länger – als sei es
die Nacht die mir nachstellt

                 – Frank Dietrich

Bewegungslos
und wintergrau der Tag
vor meiner Scheibe
Die Wanduhr stehengeblieben
zuckt mit einem Zeiger

                 – Angelica Seithe

sleep mode…
ich träumte ich sei
ein roboter
der träumte er sei
ein mensch

                 – Frank Dietrich

einige Wochen
nach Vaters Tod
beinahe schüchtern
kauft sich meine Mutter
den grünen Sammetrock

                 – Helga Stania

am Telefon
aus abgelegten Zeiten
deine Stimme
versunken, vergessen
der Stein den du warfst

                 – Gerda Förster

Frühlingswind
lädt die Zweige
zum Tanz
wie leicht wird es mir jetzt
ich selbst zu sein

                 – Helga Stania

diese Eile
beim Verlassen der Wohnung
unfassbar
stehen deine Worte
lange noch im Raum

                 – Ilse Jacobson

...und eines Tages
liege ich dann irgendwo
und friere
meine Seele flog davon
und ich weiß nicht wohin

                 – Erika Uhlmann

die alte Vase
mit den blühenden Veilchen
zusammengeklebt
wie das Leben der Tante
vor den Leuten besteht

                 – Silvia Kempen

 

Beate Conrad
Engel auf der Nadelspitze

Damit daß sie sind, was sie sind, nämlich alles, müssen sie anders werden,  vielleicht wie die Kinder,

     wie jene Töne
     des ersten Frühlingsmorgens
     einem ins Herz gehn, 

     selbst versteinert am Grabe
     müssen wohl Engel singen

und vielleicht gab es kaum einen bösen, aber gewiß waren sie auch nicht alle unschuldig. Höchstens waren da welche, denen k(l)eine Flügel wuchsen, oder aber nicht die rechten, so daß sie schiefspurig glitten und handelten. Sicher wußten sie alle, was Unrecht war. Doch manche begingen es mit Vorbedacht. Sie verrichteten ihre Vernichtungstaten mit Distanz, sogar mit Sachkunde.  Anschließend entfernten sie sich davon, als wär's eine Amtshandlung.
Manche sind so, wie sie sind und was sie sind, nämlich alles, müssen jedoch anders werden, 
 vielleicht, vielleicht gab es keine Heiligen oder Unschuldigen, und unschuldige Kinder schon gar nicht, aber gewiß auch die, die aus Bedächtigkeit oder bloß aus ironischer Nachsicht diesen Vernichtungsschlägen nicht auswichen, sondern leibhaftig und gebannt ausharrten und so manches still mit ihrem Wesen bestritten.
Denn wer oder was sollte auch in jene Umtriebe eingreifen, wo vor allem Freiheit herrschte, auf daß alle das Andere sein lassen und sie alle(s) sein könnten, was sie sind.

     Die Umrißlinien
     eines Fraktals zerklüftet
     wie ein Inselreich
     zwischen Ordnung und Chaos
     natürlich seine Grenze

Silvia Kempen
Bewölkter Herbsttag

Mutter blättert durch eine Zeitschrift. Auf Seite zwanzig die Anleitung, wie man einen Drachen  baut. Die benötigten Materialien: zwei lange, hölzerne Barbecue-Spieße, leichtes Zeichen- oder Druckerpapier, Metzgergarn oder starker Zwirn, eine lange Schnur für die Flugleine, eine Rolle, Säge, Schere, Bleistift, Lineal, Kleber oder Klebeband und farbige Marker. Das meiste davon finden wir in Großvaters Werkstatt, nur kein Papier. Dann hat Oma eine Idee. Sie winkt mit der Tageszeitung.

So sind wir damit beschäftigt, den Drachen zu bauen. Gar nicht so einfach. Die Zeit vergeht. Schließlich, kurz vor dem Abendessen ist der Drachen fertig. Er hat ein schönes Gesicht mit großen Augen, einem lachenden Mund, und sein Schwanz ist zwei Meter lang, eine Schnur mit Papierschleifen. Morgen werden wir unseren Drachen testen.

     zu fliegen
     das wünsche ich mir
     und manchmal
     gedankenverloren
     fühle ich den Wind
     dabei

Horst Ludwig
Erster Mai

Ich hatte ihr versprochen, daß wir uns zusammen ansehen würden, wie  die Sonne aufgeht; und tatsächlich war sie es, die mich im Dämmer  weckte, nicht das Zucken des gesetzten Handys. Es war kalt im Zelt,  aber wir trugen ja gute Wollsachen und froren so nicht im geringsten,  sondern atmeten die frische Luft ein, rieben uns den Schlaf aus den  Augen und tranken etwas sogar noch fast heiße Milch aus der  Thermosflasche. Dann nahm ich sie bei der Hand, und wir gingen  hinüber, wo wir einen guten Blick hatten.

     Mit dem Töchterchen
     am Bach und Sonntagsklängen
     aus weitem Tale 
     wie eine Fee sich erhebt
     schwingend den Tanz beginnt

Dazu hob sich aus der anderen Seite die Sonne, langsam, groß, glühend  rot. Mächtig, wirklich.

Haruhiko Ichinomura
Doppelgänger - 連作短歌 「分 身」


1. ビルの群震へだしたり高遠く大地の叫び街にこだます
ビルのむれふるえだしたり たかとおくだいちのさけびまちにこだます

Plötzlich begann es.
  Die Hochhäuser zitterten.
Hochhin zum Himmel
  von Avenue zu Straße
  hallte der Schrei der Erde.


2. 太平洋溢れて吼ゆる一夜明く陽は漂よひて人は戻らず
たいへいよう あふれてほゆるひとよあく ひはただよいてひとはもどらず

Eine schlimme Nacht,
  die Flut stieg an und brüllte.
Der Morgen dämmert;
  die Sonne schwebt auf dem Meer,
  und die Leute sind nicht mehr.


3. 妹の待つ我家は雪の峰越ゆる宮城の野辺につつがなしやと
いものまつわがやはゆきのみねこゆるみやぎののべにつつがなしやと

Sei ruhig mein Haus,
  über den Schneebergen dort,
wohl auf meine Frau,
  die auf mich allein wartet,
  zu Hause in Miyagi.


4. トンネルへ向かふ旧道谷に沿ひ裂くることなく昇りをりけり
トンネルへむかうきゅうどうたににそい さくることなくのぼりおりけり

Die alte Straße
  hinterm Sasaya-Tunnel
  blieb ohne Risse.
Stetig stieg das Wasser an,
  als Fluss ins Tal hinab.


5. その口に至りて覗く山の腹アクセルを踏む三キロの闇
そのくちにいたりてのぞくやまのはら アクセルをふむ三キロのやみ

Durch des Tunnels Maul
  blick ich in seinen Magen,
trete auf das Gas
  durch die drei Kilometer
  der Finsternis des Berges


6. 笹谷宿倒壊せし家見えねども北川渡る橋せり上がる
ささやじゅく とうかいせしいえみえねども きたがわわたるはしせりあがる

Im Dorf Sasaya dann
  ist noch kein Haus eingestürzt
Die Brücke aber
  über den nördlichen Fluss
  hat sich langsam aufgewölbt


7. 湖に流れ入る川渡りけり釜房の海は静かなりけり
みずうみにながれいるかわわたりけり かまふさのみはしずかなりけり

Durch den Wasserstrom
  in den Kamafusasee
  bin ich gefahren.
Da erst kam ich zur Ruhe:
  friedlich die Oberfläche.


8. 幼子を抱きて母が身を投げしその日の朝も静かなりけり
おさなごをいだきてははがみをなげし そのひのあさもしずかなりけり

Ruhig war es auch
  am Morgen jenes Tages
als eine Mutter
  ihr Baby in den Armen
  ins Wasser sprang zum Sterben


9. 幾千の命消え往くこの今もたださざ波の面の閑かさ
いくせんのいのちきえゆくこのいまも たださざなみのおものしずかさ

Einige tausend
  Leiber und Leben verschwanden
  in jenem Moment.
Siehe nun die Ruhe des Sees,
Hör die Stille der Wellen


10. 幾千の命旅立つこの今を憂ひて蒼し釜房の面
いくせんのいのちたびだつこのいまを うれいてあおしかまふさのおも

Einige tausend
  Leiber und Leben davon
Jener Moment lässt
  dich trauern, Kamafusa,
  mit blauem fahlem Gesicht


11. 湖の水面に映る雪山を美しと見ゆ山遠ければ
みずうみのみなもにうつるゆきやまをうつくしとみゆ やまとおければ

Schneebedeckter Berg –
  im Wasserspiegel des Sees
scheint er mir so schön,
  da ich ihn von ferne sehe.
  Er ist nicht hier im Spiegel.


12. 海神の怒り堰き止め連峰は真白き雪に御霊かくまふ
わたつみのいかりせきとめれんぽうは ましろきゆきにみたまかくまう

Den Zorn des Neptuns
  staut die Gebirgskette auf
Verbirgt sie bei sich,
  die Verstorbenen Seelen,
  unter silbrig weißem Schnee.


13. 大海のその青き波寄せる波とどろとどろに砕け散るかも
おおうみのそのあおきなみよせるなみ とどろろどろにくだけちるかも

Auf den Meeresstrand
  branden der Fluten blaue
Wellen am Felsen,
  brausen, donnern, brüllen und
  zerstäuben in die Leere.


14. 大海のその青き波寄せる波悲しと聞けり死者住みければ
おおうみのそのあおきなみよせるなみかなしときけり ししゃすみければ

Auf den Meeresstrand
  branden die blauen Fluten.
Traurig lausche ich,
  denn hinab in die Tiefe
  rissen sie die Opfer fort.


15. 数知れず人を飲みても太平の海と呼ばるるこの広き海
かずしれずひとをのみてもたいへいのうみとよばるる このひろきうみ

Weites Meer, das du
  zahllos Männer, Frauen
  in dir ertränkt hast,
weißt du, wie wir dich nennen?
  Pazifischer Ozean.


16. 数知れず人を飲みても太平の海と呼ばれて黙秘する海
かずしれずひとをのみてもたいへいのうみとよばれて もくひするうみ

Weites Meer, das du
  zahllos Männer, Frauen
  untergetaucht hast.
Und dazu bleibst Du immer
  kalt verschwiegen vor Gericht.


17. 街消えて銀河きらめく黒き海遠き銀河は灼熱の星
まちきえてぎんがきらめくくろきうみ とおきぎんがはしゃくねつのほし

Verschwindende Stadt
  schön funkelnde Galaxis
  über schwarzer See
Ferne glitzernde Sterne
  Glühende heiße Sterne


18. 街消えてきらめく銀河黒き海君が無言に何を祈らむ
まちきえてきらめくぎんがくろきうみ きみがしじまになにをいのらん

Verschwindende Stadt
  schön funkelnde Galaxis
  über schwarzer See
Worfür bete ich wohl
  in dieses Todesschweigen


19. 炭酸ガスプラスマイナスゼロとなりやがて消え行く篝火の薪
たんさんガスプラスマイナスゼロとなり やがてきえゆくかがりびのまき

Kohlendioxid
  Abgase aus dem Feuer
  plus und minus null,
bald schwindet unterdessen
  das Holz des Feuers ganz hin.


20. いとほしきこのひとときを止めむと炎に集ふ我も蛾も
いとおしきこのひとときをとどめんと ほむらにつどうわれもひひるも

Verweile, Stunde!
Bleibe ewig hier, Moment,
der den Glanz umgibt.
Ich und die Motte stehen
Entflammt in dieser Stunde.


Epilog
 
内部で

Im Inneren
Mai 2015, Juli 2015

何ものでもない何かが拡がる
なにものでもない なにかがひろがる

混沌の中で叫ぶ
こんとんのなかで さけぶ

青空
あおぞら

言葉がそれを捕らへたのだ
ことばが それを とらえたのだ

それは理解といふ深い眠りに落ちる
それは りかいという ふかいねむりにおちる

内部で
ないぶで

星も、月も、太陽も、海も
ほしも、つきも、たいようも、うみも
捕らへられ眠つてゐる
とらえられ ねむっている

内部で
ないぶで

反乱を恐れて眠らせてゐるのだ
はんらんをおそれて ねむらせているのだ

内部で
ないぶで



Etwas Niemand verbreitet sich da oben.

In Chaos höre ich mich schreien:
Himmel!

Mein Wort fasst es.

Es fält in tiefen Schlaf
  auf dem Bett des Verstehens.
Im Inneren.

Auch die Sterne, der Mond, die Sonne,
  und die See werden gefasst, und schlafen.
Im Inneren.

Ich lasse sie schlafen, dass sie nicht rebellieren.

Im Inneren. 

Wettbewerbe, Termine und Veranstaltungen

Tanka Society of America Contest
Für den Sanford Goldstein International Tanka Contest der Tanka Society of America können vom 1.April bis 31.Mai 2017 Beiträge eingereicht werden. Die Teilnahme steht sowohl Mitgliedern als auch Nichtmitgliedern offen. Tanka in englischer Sprache können in beliebiger Zahl eingereicht werden. Eine Teilnahmegebühr von $1,00 wird für jeden Beitrag erhoben. Alle weiteren Details finden sich auf der Homepage der TSA.
 
Tanka für Atlas Poetica
Für die Zeitschrift Atlas Poetica sucht der Herausgeber M. Kei Tanka und Kyoka zum Thema "Arthropod" (Gliederfüßler). Einsendeschluss ist der 31. Mai 2017, die Teilnahme ist kostenlos. Der Ausschreibungstext lautet wie folgt:

We’re happy to announce that Atlas Poetica is seeking submissions for a collection of 25 Arthropod tanka and kyoka to be edited by Grunge to be published at AtlasPoetica.org.
Love them or hate them, every human lives alongside these creepy, crawly creatures, no matter geographic location or culture. And their forms are as varied as their habitats, whether they’re beetles, roaches, ants, scorpions, butterflies, spiders or even millipedes. There is a long tradition of insects and arachnids as the subjects of poetry, but even if you’ve never written about the buzz of a honeybee’s wing, we encourage you to take a moment to consider the world in which our tiny neighbors live.
Thank you to everyone participating. We’re looking forward to seeing your many-legged creativity!
Submissions: Poets may send up to twenty poems each, but only one poem will be chosen from each poet. Original poems are being sought, however, tanka previously published on personal social media accounts will also be considered, as long as publication information is provided. We are not accepting tanka prose, nor poetry that has been published in journals, books or other collaborative websites prior to being submitted to the Arthropod special feature.
All submissions must adhere to the general guidelines listed on the Atlas Poetica website. Therefore we ask that all poets be 16 years of age or older, and that all poems are sent in the body of the email. If you have a relevant file that needs to be sent as an attachment, please query the editor before sending.
To see the full list of guidelines, as well as our special features from the past, head on over to our main webpage.
Deadline: All submissions to the Arthropod Special feature must be sent in no later than May 31. Our planned publication is scheduled for this fall.
Email address for submissions: ap.arthropods (at) gmail (dot) com – subject line: 25 Arthropod Tanka and Kyoka

nächste Ausgabe

Die nächste Ausgabe von Einunddreißig erscheint am 1. August 2017. Der Einsendeschluss ist der 30. Juni 2017. Für die Einsendung von Beiträgen bitte ich, die Teilnahmebedingungen zu beachten.

 
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