Ausgabe Februar 2019 - Einunddreißig

Einunddreißig
ein Online-Magazin für Tanka und verwandte Formen
Direkt zum Seiteninhalt

Hauptmenü:

ältere Ausgaben > 2019

Ausgabe Nr. 24 Februar 2019

Tanka-Bilder / Foto-Tanka

Tanka-Prosastücke

Tanka-Sequenzen

Mitteilungen

Tony Böhle

Editorial

Vor einiger Zeit war ich auf einem kurzen Besuch in der Stand Halle a. d. Saale. Zugegeben, Halle gilt nicht eben als eine Perle unter den deutschen Großstädten, doch besitzt sie jenseits grauer Plattenbauviertel noch einen ansehnlichen Standkern, in dessen Zentrum die Stadt ihrem größten Sohn, dem Komponisten Georg Friedrich Händel, ein Denkmal gesetzt hat.
Auch wenn dieser heute oft im Schatten seines Zeitgenossen Johann Sebastian Bach steht, war Händel zu seinen Lebzeiten der weitaus bekanntere Künstler und einer der ersten Pop-Stars überhaupt. In Großbritannien bereits zu Lebzeiten ein Klassiker mit guten Beziehungen zum Königshaus wurde ihm als erstem Künstler noch zu Lebzeiten ein Denkmal gesetzt. Händels Leben wird heute oft als eine Aneinanderreihung von Erfolgen geschildert, dabei waren es eher die Misserfolge, die ihn groß werden ließen, allem voran die mehrmaligen Bankrotte seiner Londoner Operngesellschaften. War das Publikum zunächst fasziniert vom Spektakel der italienischen Opera Seria, mit ihren Starensembles aus Primadonnen und Kastraten, dem komplexen Regelwerk, den abenteuerlichen und schillernden Geschichten von Helden, Königen und Zauberinnen, wandelte sich dieser Geschmack bald wieder und die Begeisterung verebbte. Der ganze Opernprunkt und Glanz wurde zunehmend als künstlich empfunden und Händels zwei bis drei Opernproduktionen pro Jahr wurden – wenngleich musikalische Meisterwerke – zu Kassenflops. Gleichzeitig feierte das wahrscheinlich erste Musical der Welt  – The Beggar’s Opera – sensationelle Erfolge, indem es auf populäre Melodien, eine lebensnahe, satirische Handlung, Laiendarsteller und englische Sprache setzte. Händels Erfolg kehrte erst zurück, als er das Operngeschäft zur Seite legte und nach neuen Möglichkeiten suchte und sie in der Komposition englischsprachiger Oratorien fand. Auch wenn Händels Oratorien damals wie heute großen Anklang finden, waren sie zu Lebzeiten nicht unumstritten: so galt sein berühmtestes Werk – Der Messias – mit seinem Libretto aus Bibelzitaten zur Abendunterhaltung so manchem als Blasphemie.
Kommt Ihnen diese Geschichte vielleicht bekannt vor? So erging es auch einmal dem Waka, dem Vorläufer unseres modernen Tanka. Durch die Erstarrung in höfischen Konventionen engten sich die Ausdruckmöglichkeiten ein und ließen das Waka zunehmend lebensferner werden. Insofern mag es nicht verwundern, dass vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Veränderungen und einer ökonomisch erstarkenden Schicht von Händlern und Kaufleuten neue Formen wie das Haiku als Gegenpol zur höfischen Waka-Dichtung aufkamen und schnell zur Blüte gelangten. Erst mit der Öffnung Japans und den neuen Eindrücken der westlichen Literatur reformierte sich die höfische Waka-Dichtung zum modernen Tanka.
Doch was können wir daraus lernen? Wem es nicht gelingt progressiv und innovativ zu bleiben, sich den Gegebenheiten und Erfordernissen der Zeit – das heißt auch den Bedürfnissen der Leser – anzupassen, wird es schwer haben erfolgreich zu bleiben. An die wörtliche Rede im Tanka haben wir uns schon eine Weile gewöhnt, wie auch an die Nennung von Markennamen, Emojis, Webadressen oder Quantenphysik. Auch solche Ideen haben zahlreiche Kritik auf sich gezogen. Doch wohin wird die Reise als nächstes gehen? Die ersten Schritt auf diesen Weg zu wagen, lade ich alle Leser zur Februar-Ausgabe von Einunddreißig ein.

Valeria Barouch

Das Tanka international Teil XII - Aya Yukhi

Aya Yuhki wurde in Tokyo, Japan geboren und lebt auch heute noch in ihrer Geburtsstadt. Sie schreibt Tanka und andere Gedichte und ist Übersetzerin, Vorsitzende der International Tanka Society und Herausgeberin des Magazins International Tanka.
In den 70er Jahren lebte sie in San Francisco und entdeckte dort ihr Interesse für japanische Gefangenenliteratur und begann traditionelle Tanka zu schreiben. Als 1992 die Japan Tanka Poets' Society das Tanka Journal gründete, wurde Aya Yuhki Mitglied. Sie fuhr fort Tanka in Englisch und Japanisch zu schreiben, aber auch freien Vers und Essays.
Sie hat zahlreiche Bücher veröffentlicht, darunter 8 Tanka Anthologien in Japanisch (The Sounds at the Sea-Bed, 1990 - The Green Echoes, 1997 - Prayer, 1998 - Yakushima, 2003 - A Splendid Hand, 2003 - The Rain on August 15th, 2010 - Tanka have New-born Life, 2011 - Fujimi, 2017), ein Essay (Study of Kuzuhara Taeko, 1995), eine zweisprachige Tanka Anthologie (Drops of Dew, 2995), eine dreisprachige Tanka Anthologie (Destination, 2003), Anthologien von Austausch-Tanka mit Anna Holley (White Flower in the Sky, 2005 - Spreading Ripples, 2009). Ausserdem hat sie Bücher auf Japanisch übersetzt (Soul's Inner Sparkle von Fr. Neal H. Lawrence, 1999, Cold Waves von Anna Holley, 1999) und ins Englische (Everlasting River  von Hiroshi Takeyama, 2008).
Sie ist Mitglied verschiedener Vereine: The Japan Tanka Poets' Society, The Japan Poets Club, The Japan Pen Club, The Japan Comparative Literature Association, The Emily Dickinson Society of Japan, Tanka Society of America, red light, Gusts Tanka Canada.

Tanka have New-born Life

before me
the rivulet of TANKA
sparkling
with sun rays
flows to the ocean
              Tanka Journal No 40

in the countries
beyond the masses of clouds
piled low on the horizon
continuously TANKA
are being born

the vessel of TANKA
is too small to express
what we think,
but TANKA can be
an ocean current

my translations,
reciting TANKA in English
with more intonation
than Japanese
my heart, the evening, brightens

on the eastern edge
of the Eurasian continent,
like a suspension bridge,
the curved archipelago of Japan
is the homeland of Tanka
              Tanka Journal No 41

even after the War
Japanese hasn't perished
TANKA
as well as HAIKU,
are worldwide genres of poetry

TANKA
travelling abroad
have gained
a new-born life
the everlasting life of the sea

endeavoring to clear
the walls of languages
and religions,
poets from afar
gather here
              red lights - April 15, 2017

hoping to make
flowers of images into bloom
I scoop
the words of winds
shaking the leaves of trees

I am one
who witness the era
when we wrote
and read tanka, overcoming
the barriers of languages

Tanka werden neu geboren

vor mir
das Rinnsal von TANKA
glitzernd
im Sonnenlicht
fließt zum Ozean
              Tanka Journal No 40

in Ländern
jenseits der Wolkenmassen
am Horizont gestaut
erblicken immerwährend
TANKA das Licht der Welt

das TANKA-Gefäß
ist zu klein um darzutun
was wir denken,
dennoch TANKA können
Meeresströmung werden

meine Übersetzungen,
in Englisch lese ich TANKA
mit mehr Intonation
als in Japanisch
mein Herz erhellt den Abend

am östlichen Rand
des eurasischen Kontinentes
wie eine Hängebrücke,
Japans Archipelbogen,
ist die Heimat des Tanka
              Tanka Journal No 41

selbst nach dem Krieg
ist die japanische Sprache
nicht  verblüht
TANKA wie auch HAIKU
sind weltweite Poesie-Genres

TANKA
sind ins Ausland gereist
und sind so
zu neuem Leben erwacht
das ewige Leben der See

um die Mauern
von Sprachen und Religionen
abzubauen
Wortkünstler aus der Ferne
haben sich hier versammelt
              red lights - April 15, 2017

Blumen aus Bildern
möcht' ich zum Blühen bringen
ich schöpfe
die Worte der Winde
im Laub der Bäume

die Epoche
habe ich miterlebt
als wir Tanka
schrieben und lasen,
die Sprachgrenzen besiegend

 
Übersetzt und veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung des Autors.

Valeria Barouch & Tony Böhle

Tanka der Redaktionsmitglieder

Zur Bushaltestelle
mich heimzubegleiten
bist du gekommen –
jählings so licht
der dustere Ort

                – Valeria Barouch

umfasst behutsam
ein angeschlagenes Ei
mit beiden Händen –
auch als kinderlose Frau
trägst du diese Liebe in dir!
               – Tony Böhle

Ich bewundere
dein abendliches Ritual
der Wahl des Filmes –
Morpheus' Arme sind sie
trauter mit Niveau umrahmt?

                – Valeria Barouch

kritisch beäugt
als sei sie ein weniger
respektables Wesen
eine Frau, Größe 50,
im Victoria's Secret
               – Tony Böhle

Valeria Barouch & Tony Böhle

Tanka-Auswahl Februar 2019

Aus den Einsendungen, die zwischen dem 1. Oktober 2018 und dem 31. Dezember 2018 eingereicht wurden, hat die Jury, bestehend aus Valeria Barouch und Tony Böhle, für die Februar-Ausgabe von Einunddreißig eine Auswahl von 31 Tanka getroffen. Jeder Teilnehmer konnte bis zu zehn Tanka einreichen. Die ausgewählten Texte stehen nachfolgend alphabetisch nach den Autorennamen aufgelistet. Die Jurymitglieder haben jeweils ein Tanka, das sie besonders angesprochen hat, hervorgehoben und kommentiert.

Valeria Barouch

Ein Tanka, das mich besonders anspricht

Rosenmontagszug
woher das rote Hütchen
wage nicht es aufzusetzen
schimpft die Mutter
und wirft es vor die Räder

                – Erika Uhlmann

Was hat wohl die Entrüstung und die, wie es den Leser anmutet, doch recht übertriebene Reaktion der Mutter veranlasst? Ist es die Form oder die Farbe des Hütchens? Ob in Köln oder Mainz, Rot ist eine der vier offiziellen Karnevalsfarben und somit kann eine Zuschauerin damit am Rosenmontagszug kaum auffallen. Ist der Stein des Anstosses in der Form zu suchen - zu witzig, zu frech, zu clowneske? Wir können dem Text nur entnehmen, dass die Mutter es vorher noch nie gesehen hat: "woher das rote Hütchen"? Inmitten einem Heer von Kostümen dürfte jedoch eine extravagante Kopfbedeckung keine Ausnahme sondern die Norm sein. Ihr Unbehagen hat vielleicht komplexere Gründe und dies liess meine Gedanken in andere Zeiten wandern.
Das "rote Hütchen" und das "wagen" riefen Erinnerungen wach. Ich musste an meine Mutter denken, die vor Jahrzehnten in einem Kaufhaus zu hören bekam: "Aber, gnädige Frau, auf gar keinen Fall dieses Kleid! Sie kennen doch sicher den Spruch - Lila, mein letzter Versuch". Meine Mutter wagte schon immer nur das zu tragen, was ihr gefiel und nicht was die Gesellschaft vorschrieb und so erhielt die Verkäuferin einen vernichtenden Blick und es wurde "Violett" gekauft. Gerade Frauen wurde früher oft vorgeschrieben, welche Kleidung es sich schickte zu tragen und in gewissen Kurlturkreisen ist dies auch heute noch der Fall.  Mit fortschreitendem Alter wurden Frauen früher auch unsichtbar, denn dezente Farben waren angesagt. In einem Wort, sie wurden zu grauen Mäusen. Heute bekennen Frauen jeden Alters Farbe und riskieren nicht ihren Ruf, sondern höchstens ein amüsiertes Lächeln von Passanten, wenn sie ihr Haar mit grünen, roten oder violetten Strähnen schmücken, oder gleich mit allen drei Tönen.
Farben werden Bedeutungen zugeschrieben. So steht Grün für Hoffnung, Blau für Treue und Rot für Freude, Liebe, Erotik und natürlich auch Zorn. Ein Generationenkonflikt braucht kein grosses Spielfeld, ein kleines rotes Hütchen kann genügen, wenn verschiedene Lebensansichten aufeinanderprallen. Vielleicht sieht die Mutter darin ein Warnzeichen. Wozu ist die Tochter noch fähig, wenn sie es wagt so einen Hut zu tragen? Die vor einem Jahr verstorbene englische Dichterin Jenny Joseph hat 1961 in ihrem Gedicht "Warnung" beschrieben, was sie später alles tun will: "Wenn ich eine alte Frau bin, werde ich Lila tragen und einen roten Hut, der nicht dazu passt und mir nicht steht." Was sie sonst noch so vorgesehen hatte, können sie über den untenstehenden Link erfahren, auf der Internetseite der "Roten Hüte Deutschland". Dieses populäre Gedicht war nämlich der Anlass zur Gründung der "Red Hat Society" im Jahr 1998 in den USA, eine Organisation, die sich inzwischen in zahlreichen Ländern verbreitet hat.
Beim Lesen des Tanka dachte ich spontan an diese Organisation und an lebensfreudige Frauen, die es wagen sich zu amüsieren, wie es ihnen gefällt, sei es gegen den Widerstand ihres Umfeldes.

Tony Böhle

Ein Tanka, das mich besonders anspricht

Morgendämmerung
die sanfte Schwelle
zwischen Nacht und Tag
die Sorge meiner Augen
dass die Schwelle Mauer wird

                – Erika Uhlmann

Was mögen Sie lieber? Die aufgehende Sonne, die symbolisch auch für Aufklärung stand, oder doch den Sonnenuntergang, der etwas für Romantiker ist? Was man auch bevorzugt vielleicht schätzt man auch beides dafür mag jeder seine eigenen Gründe haben. Doch gerade jetzt im Winter, wenn die Tage noch kurz sind, ist die Gelegenheit günstig, die besondere Stimmung der Morgen- oder Abenddämmerung wahrzunehmen.
Wer schon einmal einen Sonnenaufgang nahe am Äquator erleben durfte, wird wissen, wie schnell es dort hell oder dunkel wird. In unseren Breiten jedoch, ist dies ein etwas längerer Prozess. Die Morgendämmerung als "sanfte Schwelle zwischen Nacht und Tag" zu beschreiben, hat also ihre Berechtigung. Es ist eben ein schwierig zu differenzierender Punkt, an dem diese Grenze – sprich Schwelle – liegt. Doch was wäre, wenn man solch ein tägliches, ja selbstverständliches Naturereignis nicht mehr wahrnehmen könnte? Nicht weil die Zeit oder das Bewusstsein dafür fehlt, sondern die Augen schlichtweg den Dienst versagen.
Kann man eine Schwelle, zumal eine sanfte, noch problemlos übertreten, ist das bei einer Mauer eine ganz andere Herausforderung. Diese kann nicht mehr ohne weiteres überwunden werden. Wahlweise grenzt sie aus oder sperrt ein. Gerade diese Angst bringt Erika Uhlmanns Tanka einprägsam zum Ausdruck, indem es die Sorge vor einer Ausgrenzung vom alltäglichen Wahrnehmen vermittelt. Das lyrische ich distanziert sich allerdings von dieser Vorstellung, indem es seine eigenen Befürchtungen zur Sorge seiner Augen deutet.
Eine Regel beim Tankaschreiben lautet, die mehrfache Benutzung von Wörtern zu vermeiden. Auffällig ist unter diesem Blickwinkel die zweimalige Verwendung des Wortes "Schwelle". Allerdings ist darin nicht unbedingt ein Verstoß gegen die etablierte Ästhetik zu sehen, sondern eine bewusste Betonung dieses Wortes und des gewählten Bildes der Umwandlung zur undurchdringlichen Mauer.

Valeria Barouch & Tony Böhle (Auswahl)

Die Tanka-Auswahl

Das Meer     das Meer     das Meer
Keiner   schaut hinaus
im Haus   gegenüber
Noch einmal nur
das Meer     sehen

                – Stefan Blaschke

Verschwunden
im Schlund eines Drachen
in weiter Ferne
wie tröstlich zu sehen
das Ende des Tunnels

                – Silvia Kempen

vor deinen Schuhen –
kleine Igel
behutsam weichst du
aus als lebten
die Kastanien darin

                – Reiner Bonack

nach dem Gewitter
so leicht und frei fühl ich mich
an der frischen Luft
wie das Laub der Bäume
von Staub und Schweiß befreit

                – Silvia Kempen

Nach all den weißen
Sommersegeln der Wolken
endlich, endlich der Herbst
hängt am Himmel
schmutzige Wäsche auf

                – Reiner Bonack

aufgeplatzt
längst vergangene Wunden
in die Erde
lege ich Samen um Samen
für eine gute Zukunft

                – Silvia Kempen

Nur eine Weide, alt
und mit wirrem Haar
steht hier am Weg
Wo ist das Kindheitsversteck
mit dem Vorhang aus Laub

                – Reiner Bonack

Blütenblätter
die Decke meiner Träume
mit feinen Stichen
in fröhlichen Farben
für ein buntes Leben

                – Silvia Kempen

in der neuen Stadt
riechen die Frauen anders
nach fremdem Pfeffer
jeder Pflasterstein
bietet mir Brüderschaft

                – Ralf Bröker

Duft frischer Brötchen...
ich nehm eins, mach drei Kreuzl
mit dem Messer drauf
wie's Muttelchen auf den Laib
Ritterswälder Brot früher.

                – Horst Ludwig

auf fremdem Bett
decke ich uns behutsam zu
mit neuen Farben
schmücke deine Nacht
mit bunten Federn

                – Ralf Bröker

heimatlicher Frost
ein zu lesendes Gedicht
ich schreibe den Brief
an meinen herzlichsten Freund
der von schönen Herbsten träumt

                – Paweł Markiewicz

Jugendliebe
nach vierzig Jahren steht er
wieder vor der Tür
auf dem Klingelschild
ein neuer Name

                – Pitt Büerken

Jetzt will man's wissen.
Erster Streit an Silvester.
Die frisch Verlobten
sich die goldene Zukunft
beim Bleigießen verbauen.

                – Wolfgang Rödig

SOKO Dingsbums
in vierzig Minuten
jeder Fall gelöst
die nachfolgende Werbung
verspricht Schmerzfreiheit

                – Pitt Büerken

Frieden auf Erden!
Tönernem Weihnachtsengel
fehlen die Flügel,
seit er letztes Jahr zum Fest
durchs Wohnzimmer geflogen.

                – Wolfgang Rödig

Ja, einen Traumbaum,
den möchte ich wohl finden,
und so neigt sich
mein Angesicht ganz langsam
dem Sonnenlicht entgegen.

                – Beate Conrad

Ein wenig zitternd
ging ich heimlich den Schulweg.
Und dann schnell zurück.
Bunt und laut kam ein Ausflug
vorbei... Mein Bus war pünktlich.

                – Dyrk-Olaf Schreiber

ob draußen Schnee liegt
will sie wissen
und ich lüge ihr
die Landschaft weiß
mit spielenden Kindern

                – Frank Dietrich

dich vergessen –
den Augenblick, da
ein einziger Blitz
die Adern der nackten
Ulme aufleuchten ließ?

                – Angelica Seithe

Winternacht
nicht ein einziger Stern
gefallen
nicht einer meiner Wünsche
erfüllt

                – Frank Dietrich

an roter Leine
und auf goldnen Grund gemalt
das zahme Zebra –
als plötzlich ein einziger
Hufschlag den Rahmen sprengt

                – Angelica Seithe

in den Schlaf geweint...
am nächsten Morgen
der blaue Himmel
jenseits
der Eisblumenwelt

                – Frank Dietrich

Du bügelst
dein blau-violettes
Leben
Doch schon unterm Eisen
bilden die Falten sich neu

                – Angelica Seithe

mitten in der nacht
eine sms
von meiner ex
aber    ohne text
draußen fällt schnee

                – Frank Dietrich

Morgendämmerung
die sanfte Schwelle
zwischen Nacht und Tag
die Sorge meiner Augen
dass die Schwelle Mauer wird

                – Erika Uhlmann

verließ mich
im Morgengrauen
der Geliebte
was mir blieb?
das Tuscheln der Nachbarn

                – Gabriele Hartmann

Rosenmontagszug
woher das rote Hütchen
wage nicht es aufzusetzen
schimpft die Mutter
und wirft es vor die Räder

                – Erika Uhlmann

der Mensch
zwischen Himmel und Erde
gestutzt
wie jene Ulme
grünt Jahr für Jahr aufs neu

                – Gabriele Hartmann

fahler Himmel
schwarze Wolkenbank
wenn ich dort oben säße
wäre unter mir das Land
ein farbenprächt'ges Mosaik

                – Erika Uhlmann

nichts habe ich
zu fürchten... außer
Mutters guten Rat
aus dem halb offenen Fenster
riskier ich einen Blick

                – Gabriele Hartmann

Michaela Nutz
Folge-Tanka

Im Juli 2018 habe ich in einer Grazer Buchhandlung mit der Idee mich inspirieren zu lassen und wieder einmal mit einer anderen Form des geschriebenen Wortes in Kontakt zu kommen ein hübsches Buch des japanischen Dichters Yoshimi Kondō erstanden. Mir war die Gedichtform des Haiku vertraut, doch das Tanka war mir neu und eröffnete aufgrund seiner längeren Form neue Möglichkeiten. Ich begann jeden Tag ein Tanka zu verfassen genauer gesagt schlichen sich mit der Zeit bei mir bald so benannte "Folge-Tanka" ein. Folge-Tanka definieren sich folgendermaßen: man formuliert den Oberstollen (5-7-5 Silben) und zur selben Szene nicht nur einen sondern zwei bis drei Anschlussstollen (je 7-7 Silben). Der Oberstollen repräsentiert wie im klassischen Tanka ein Bild, eine Idee oder einen Gedanken – in den Anschlusstollen finden sich dann neue Gedankenrichtungen dazu. Jeder dieser Anschlussstollen kann eine eigene Richtung oder Perspektive zu dem Thema widerspiegeln oder einen Gedanken in eine bestimmte Richtung vertiefen.

Tony Böhle
Stundenvorhang

Alle Dinge haben ihre Zeit, so heißt es. Es gibt eine Zeit zum Suchen und eine Zeit zum Verlieren, eine Zeit zum Behalten und eine Zeit zum Zusammennähen, eine Zeit zum Schweigen und eine Zeit zum Reden.
Alle Dinge haben ihre Zeit, so ist es auch mit der Vertrautheit. Ab und an verlasse ich das Haus eine Stunde eher als gewohnt. Blicke ich dann die Häuserblöcke entlang, zähle Stockwerk um Stockwerk ab, wirkt das Muster der erleuchteten Fenster ungewohnt. Geschlossen die Geschäfte, leer die Gassen, abwesend

   die bekannten
   Gesichter der Fremden
   im Bus,

deren Namen man nicht kennt, doch deren Anblick eine Art Geborgenheit vermittelt. Bleibt die Stadt mit ihren Gebäuden und Straßenzügen auch die gleiche, scheint es, als beträte man eine andere Wirklichkeit, die weder Vergangenheit noch Zukunft ist, sondern jenseits aller gängigen Vorstellungen von Zeit. Merkwürdig vertraut, aber

   näher – das spür ich – lässt mich
   diese Stadt nicht kommen,

bleibt sie stets durch den unsichtbaren Vorhang jener einzelnen Stunde versperrt, dessen Rauschen hier und da nur von einem Außenstehenden vernommen werden mag.

Eva Limbach
Wie's Sterben ist


   ungefragt hast du
   neben mir Platz genommen
   wie ein alter Freund
   der weiß mit welcher Sehnsucht
   ich ihn erwartet habe

   noch ein kühles Bier
   im Gemeinschaftsraum der
   Palliativstation
   der nagelneue Flaschenöffner
   fest angekettet

   umfallen
   wie ein alter Baum
   wenn die Zeit gekommen ist
   genügt das Gewicht
   einer Schneeflocke

   die ersten Schritte
   mit dem neuen Rollator
   wie unbefangen
   als hätte unser Winter
   gerade erst begonnen

   wie's Sterben ist
   wag ich mich endlich
   zu fragen...
   schau mir einfach zu
   sagt die Schneeflocke

Beate Conrad & Horst Ludwig
Tanka-Folge [ohne Titel]

Beate Conrad & Horst Ludwig
Tanka-Folge [ohne Titel]


   Schwarzes Gewitter...
   Großvater erzählt wieder
   vom ersten Weltkrieg,
   für alle Zeit sollte er
   alle Kriege beenden.

   Er erzählt wieder
   und immer wieder, wie er
   mit dem Schuss im Arsch
   wegrobbte, in 'ne Kuhle,
   wie der Himmel stahlblau pfiff.

   Im ersten Weltkrieg...
   wie Menschen zu Soldaten,
   zu Tieren werden.
   Sinne benebelnd der Schmerz
   auch beim Zähnezusamm'nbeiß'n.

   Alle Zeit, alle
   per omnia saecula...
   das unterscheidet
   den Menschen, er opfert sich
   vernünftigem Kommenden.

   Kriege beenden...
   Wenn der Haussegen schief hängt
   (na, 's kommt doch vor
   in den besten Familien)
   irgendwie geht's schon weiter.

   BC: 1, 3; HL: 2, 4, 5


   Novembersonne
   wie sie sich ihren Weg sucht
   in die Dunkelheit.
   Menschen stellen Kerzen auf
   rund um die Stolpersteine.

   Wie sie ihren Weg
   ziehen, flackernd, die Seelen
   in irren Winden
   Astern nach dem ersten Frost
   hängend verblasste Farben

   In die Dunkelheit
   Seelen und Reiterschatten...
   Sieben Sendbriefe
   wie einst Johannes diktiert
   'was Lob und 'was Tadel

   O Mensch, stell' Kerzen
   am Altar auf, tön' Lieder
   herrlichem Leben.
   Teil 's gegebne Brot und Wein
   mit allem, was um dich ist.

   Die Stolpersteine
   stabgereimt fürs Gedächtnis
   der Muttersprache,
   ihrer Schatten und ihrer Sonnen
   Zeugen stiller Teilhabe

   BC: 1, 3; HL: 2, 4, 5

Wettbewerbe, Termine und Veranstaltungen

21. Januar 2019 - Tanka-Lesung mit Mariko Kitabubo
Vom 3. bis zum 5. Mai 2019 wird die zweijährlich stattfindende Mitgliederversammlung der DHG in Traben-Trarbach abgehalten. Im Rahmen des Tagungsprogramms wird die japanische Tanka-Autorin Mariko Kitakubo am 5. Mai im Stadthaus "Alter Bahnhof" eine Lesung eigene Werke mit musikalischer Untermalung halten. Anschließend ist eine Diskussion mit dem Publikum möglich. Die Veranstaltung beginnt um 10 Uhr.

nächste Ausgabe

Die nächste Ausgabe von Einunddreißig erscheint am 15. Mai 2019. Der Einsendeschluss ist der 31. März 2019. Für die Einsendung von Beiträgen bitte ich, die Teilnahmebedingungen zu beachten.

(C) 2019
Alle Rechte bei Tony Böhle und den Autoren.
Zurück zum Seiteninhalt | Zurück zum Hauptmenü