Ausgabe August 2019 - Einunddreißig

Einunddreißig
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Ausgabe Nr. 26 August 2019

Tony Böhle

Editorial

Die etwas älteren Leser werden sich vielleicht noch erinnern, was sie am 21. Juli 1969 getan haben. Es ist vielleicht einer jener Tage, wie der 9. November 1989 oder der 11. September 2001, die sich für immer in das Gedächtnis einbrennen. Damit ist der Tag der ersten Mondlandung ist in gewisser Weise ein Paradoxon, da man ihn als einen der bedeutendsten und gleichzeitig unbedeutendsten Tage der Menschheitsgeschichte bezeichnen könnte. Anders als wohl jedes andere Ereignis, dem eine ähnliche Bedeutung zugemessen wird, ist er quasi folgenlos geblieben. Er hat weder politische, soziale noch wirtschaftliche Umwälzungen hervorgerufen, keine Krankheiten besiegt, kein hungriges Kind satt gemacht, keine Frieden geschaffen – bestenfalls den amerikanischen Anspruch auf die Vorherrschaft im Weltraum unterstrichen.
Schon damals regte sich von einigen Zeitgenossen Kritik, man hätte die enormen finanziellen Mittel für die Verwirklichung der Mondlandung sinnvoller einsetzen können. Praktisch gesehen ist diese Ansicht durchaus nachvollziehbar. Aber auch wenn es auf den ersten Blick nachvollziehbar erscheint, lässt sich die Frage nach der Sinnhaftigkeit von Dingen, denen wir keinen unmittelbaren großen Nutzen zumessen, wohl nicht so einfach und pauschal abbügeln.
Wissen Sie noch, wer ihren Lieblingsverein zur letzten Meisterschaft geführt hat, wer der Sänger ihres Lieblingsliedes ist oder mit wem Sie den ersten Kuss ausgetauscht haben? Die Antwort sollte nicht allzu schwer fallen. Welchen Nutzen also die Mondlandung hatte oder die Besteigung des Mt. Everest? Nun wohl den gleichen wie ein Fußballspiel, ein Song oder vielleicht auch ein Tanka, das wir schreiben. Sie bedeuten uns manchmal die Welt, auch wenn sie eben diese nicht verändern werden und anderen gleichgültig sind. So sollte vielleicht auch unser Blick auf das Tanka sein. Kein Versuch die Welt zu verändern, sondern ein Blick auf das Persönliche, Alltägliche und doch immer wieder Berührende, das dem Verfasser so viel bedeutet hat, um lange daran zu feilen und es der Öffentlichkeit zu präsentieren. Diese Erfahrung zu teilen, möchte ich alle Leser herzlich zur August-Ausgabe von Einunddreißig einladen.

Valeria Barouch

Das Tanka international Teil XIV - Cédric Landri

Cédric Landri lebt in der Normandie und experimentiert gerne in verschiedenen Lyrikformen: Tanka, Haiku, Pantun, freier Vers, sowie Fabeln. Zahlreiche Texte von ihm sind in Anthologien und Zeitschriften erschienen. Zu den Tanka-Veröffentlichungen zählen u.a. die 2ème anthologie du tanka francophone, 2015, die Anthologie La disparition - Tankas sans "e", 2018, die kanadische Tanka-Revue Cirrus, die Revue du tanka francophone, die Revue Pantouns et genres brefs. Er ist auch in folgenden Gedichtsammlungen vertreten: Une Poignée de Pierreries (Pantuns), Un haïku pour le climat, Dans la forêt lointaine on entend le haïku.
Des weiteren erschienen Texte in Traction-Brabant, Paysages écrits, 17 secondes und Lichen.
Er hat ausserdem vier eigene Bücher veröffentlicht: La Décision du Renard (Clapàs, 2013, Fabeln), Les échanges de libellules (La Porte, 2014), L'envolée des libellules (La Porte, 2015) und Plumes, Pluies et Pantouns (Mots Nomades, 2016).

Ciel azur
les hirondelles dessinent
des lignes sensuelles
le long de tes épaules
mes doigts fervents vagabondent

                Revue du tanka francophone,

                no 34, 2018 (RTF)

Azurblauer Himmel
die Schwalben zeichnen
sinnliche Linien
entlang deiner Schultern
gleiten innig meine Finger

               Revue du tanka francophone,
               no 34, 2018 (RTF)

jeu d'ombres
au milieu du parc
la belle illusion
je la revois s'éloigner
la brise effleurant sa robe

                Cirrus no 2, juillet 2014

Schattenspiel
im Herzen des Parkes
die schöne Täuschung
ich sehe sie entschwinden
die Brise streichelt ihr Kleid

                Cirrus no 2, juillet 2014

Quand l'algue frémit
un crabe part de guingois
s'éloignant des turbulances
chercher en vain dans le sable
ton bijou et mon passé

                RTF, no 29, 2016

Beim Zittern der Alge
flieht eine Krabbe seitwärts
fern der Turbulenz
vergebens such' ich im Sand
dein Juwel und meine Geschichte

                RTF, no 29, 2016

le soleil
reste sur les nuages
en toute saison
un arc-en-ciel
dans le creux de tes yeux

                Cirrus no 7, avril 2017

die Sonne
ruht auf den Wolken
zu allen Jahreszeiten
ein Regenbogen
tief in deinen Augen

                Cirrus no 7, avril 2017

colère estivale
l'orage s'abat soudain
sur les têtes
et dans le ciel un spectacle
emporte nos soucis

                Cirrus no 8, octobre 2017

sommerlicher Zorn
jäh bricht das Gewitter
über die Köpfe herein
das Schauspiel des Himmels
trägt unsere Sorgen fort

                Cirrus no 8, octobre 2017

été brûlant
les herbes se dessèchent
presque blanches
nos randonnées continuent
entre les sacs en plastique

                Cirrus no 10, octobre 2018

Hitzewelle
das Gras vertrocknet sich
beinahe weiss
wir wandern nun
zwischen Plastiksäcken

                Cirrus no 10, octobre 2018

Au sommet le coq
fait le fier malgré la bise
girouette du bourg
j'ai encore vu la belle
avec un nouvel amant

                2ème anthologie du tanka

                francophone, 2015

Der Turmhahn trotzt
mit geschwellter Brust dem Wind
des Dorfes Wetterfahne
die Schöne sah ich wieder
mit einem neuen Liebhaber

                2ème anthologie du tanka

                francophone, 2015

Les requins tournent
attendant les touristes
les crocs aiguisés
dans la rue les prédateurs
n'ont pas besoin d'océan

                RTF, no 34, 2018

Haie ziehen Kreise
warten mit geschärften Zähnen
auf die Touristen
das Raubwild der Strassen
braucht keinen Ozean

                RTF, no 34, 2018

l'azur se dilue
les bouleaux penchent encore
et les feuilles tombent
dans le carnet noter
quelques lignes d'automne

                Pantouns et genres brefs,

                no 21, 2018

der Himmel verwässert
die Birken biegen sich noch
die Blätter fallen
im Notizbuch ein paar Zeilen
zum Herbst festhalten

                Pantouns et genres brefs,

                no 21, 2018

un stand fin août
rond caillou scintillant
façon rubis
naïf tu crois toujours voir
maints joyaux dans du pur toc

                Anthologie "La disparition",

                2018

Marktstand Ende August
ein runder Stein glänzt
einem Rubin ähnlich
arglos siehst du noch immer
so manches Juwel im Ramsch

                Anthologie "La disparition",

                2018

 
Übersetzt und veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung des Autors.

Valeria Barouch & Tony Böhle

Tanka der Redaktionsmitglieder

Trockenpflaumen
während der Hitzewelle
reizen mich nicht
mir ist als betrachte ich
geschrumpfte Gehirne
             – Valeria Barouch

deine Tasche
legst du mir lässig
um die Schulter
eine Reviermarkierung
für fremde Frauen
             – Tony Böhle

Niemand hält inne
vor den paar Stolpersteinen
im Weinstädtchen
farbenfrohe Fassaden
halten Augen im Banne
             – Valeria Barouch

ein Sonntag im März –
du lehntest den Kopf an mein
azurblaues Hemd
und sprachst "Ich höre den Wind."
…erinnerst du dich?
             – Tony Böhle

Valeria Barouch & Tony Böhle

Tanka-Auswahl August 2019

Aus den Einsendungen, die zwischen dem 1. Mai 2019 und dem 30. Juni 2019 eingereicht wurden, hat die Jury, bestehend aus Valeria Barouch und Tony Böhle, für die August-Ausgabe von Einunddreißig eine Auswahl von 22 Tanka getroffen. Jeder Teilnehmer konnte bis zu zehn Tanka einreichen. Die ausgewählten Texte stehen nachfolgend alphabetisch nach den Autorennamen aufgelistet. Die Jurymitglieder haben jeweils ein Tanka, das sie besonders angesprochen hat, hervorgehoben und kommentiert.

Valeria Barouch

Ein Tanka, das mich besonders anspricht

dieses weiße Rechteck
an der Wand
eingebrannt
das Bild
das ich vergessen will

               – Frank Dietrich

Wer hat nicht schon versucht einem Raum einmal schnell ein neues Gesicht zu geben. Ein leichtes Unterfangen, sagt man sich. Was braucht es mehr, als ein paar Bilder zu verschieben oder auszutauschen? Solange man kleine Formate mit großen ersetzt, ist die Dekoration schnell geregelt. Im umgekehrten Fall jedoch, stößt man auf ein Gedächtnisproblem. Hinter dem Bild ist die Wandfarbe gespeichert, wie sie einmal war, in aller Frische, während rundherum die Zeit an einer dunkleren Patina gearbeitet hat. Da hilft kein Abstauben, kein Abwaschen, die hellen Flecken sind wie eingebrannt. Dagegen kann man nur mit großen Mitteln kämpfen, z.B. mit einem neuen Anstrich, der den unerwünschten Fleck definitiv begräbt.
Dieses Problem der Raumgestaltung kann eine schöne Metapher für Beziehungen sein. So manches Ereignis, manche Menschen, die unsere Wege kreuzten, möchte man vergessen, doch sie bleiben im Gedächtnis haften, eingebrannt. Je näher die Erinnerungen mit unseren Gefühlen verknüpft sind, umso länger dauert das Loslassen. Die semantische Bedeutung von "vergessen" ist "verlieren" und ist ein unbewusster Ablauf. Will man ein Ereignis oder eine Person aus seinem Gedächtnis tilgen, dann geht dieser Wunsch nicht automatisch in Erfüllung. Jean de la Bruyère (1645-1696), der französische Moralist stellte schon damals in seinem 1688 erschienen Werk "Die Charaktere" im Kapitel "Vom Herzen" fest: "Jemanden vergessen wollen heißt an ihn denken."
Um Erinnerungen zu überstreichen damit sie letztendlich verloren gehen, muss wohl auch das Gedächtnis mit neuen Erlebnissen und Begegnungen von größerem Format konfrontiert werden. Ein komplexes Thema wird in diesem Tanka gekonnt in einem schlichten weißen Rechteck präsentiert.

Tony Böhle

Ein Tanka, das mich besonders anspricht

verblühter Flieder
und auch die langen Tage
sind bald Geschichte –
wenn ich recht überlege
könnte auch ich nun gehen

                – Eva Limbach

Traditionell gilt in der japanischen Dichtung der Herbst als Jahreszeit des Abschieds und der Veränderung. Mit seinen fallenden Blättern, den bunten Farben und der bevorstehenden Erstarrung des Winters erscheint dies nachvollziehbar.
Trägt man eine solche klassische Erwartung im Hinterkopf, erscheint Eva Limbachs Tanka eher überraschend. Betrachtet man anhand der beobachteten Umgebung die jahreszeitliche Verortung, ist es mit der Fliederblüte in der Regel bis Anfang Juni meist vorüber. Mitten im Sommer trägt die eher depressive Stimmung des Texts etwas Befremdliches in sich. Auch wenn der Herbst noch weit entfernt ist, scheint er schon seinen Schatten auf das innere Befinden des lyrischen Ichs vorauszuwerfen. Man mag sich fragen, weshalb dem Betrachter in der sommerlichen Umgebung gerade der "verblühte Flieder" ins Auge fällt? Es sind wohl nicht so sehr die äußeren Veränderungen, die diese Stimmung hervorrufen, sondern die Ahnung davon, was nun noch folgen wird. Dies zeigt sich in der Fortsetzung "und auch die langen Tage / sind bald Geschichte", die – auf keiner unmittelbaren Beobachtung beruhend – schon in die Zukunft verweist.
Letztendlich scheinen  die eingetrockneten, nicht mehr besonders ansehnlichen Blütenstände des Flieders und die Ahnung kürzer werdender Tage sinnbildlich für das eigene herannahende Altern zu stehen. Treffender könnten unter diesem Blickwinkel die letzten beiden Zeilen kaum lauten als "wenn ich recht überlege / könnte auch ich nun gehen".
Vielleicht spricht hier eine diffuse Angst, die Zukunft würde weniger Lebens- und Erlebenswertes bereithalten als die vorangegangene Zeit. Zumindest ist diese Erkenntnis noch vorsichtig im Konjunktiv "könnte" formuliert und bleibt vorerst ein Gedankenspiel.

Valeria Barouch & Tony Böhle (Auswahl)

Die Tanka-Auswahl

Unsichtbar machte
Regen den Schnee, löschte
den Winter und deine Spur
Doch sehe ich dich
gehen und gehen und – friere

                – Reiner Bonack

und am Ende dann
prophezeiten die Alten
sei man alleine...
ich wähle das Weinglas mit
deinen Initialen

                – Eva Limbach

Noch blühten die Eisblumen
Noch schliefen die Schneeglöckchen
in kalter Erde
Noch wärmten deine Hände
vor dem Erkalten – meine

                – Reiner Bonack

gewiss kennt sie mich
die Straßenhure auf dem
bunten Campingstuhl
doch auch in diesem Jahr wagt
niemand den ersten Gruß

                – Eva Limbach

beim Abiball
schaut er ihr tief in die Augen
tanzt mit ihr
und sie lacht ihn an
den Vater ihrer Tochter

                – Ralf Bröker

verblühter Flieder
und auch die langen Tage
sind bald Geschichte –
wenn ich recht überlege
könnte auch ich nun gehen

                – Eva Limbach

dem Lauf der Zeit
einen Augenblick entreißen
ein Bild von dir
in mir bewahren können
als wäre es für immer

                – Ralf Bröker

Zäh geht die Traisen.
Da, wo die Forelle Staub
aufwirbelt,
verschwinden für Minuten
alle Spiegelungen.

                – Jonathan Perry

der Koi taucht ab
verschwindet im Dunkel
des Teichs
was bleibt ist
mein zweites Gesicht

                – Frank Dietrich

Ach ja, der Frühling...
Hier wiegen die Strohalme
In der lauen Brise;
Dort wühlen Raben im Müll,
Zerfleddern eine Eiswaffel.

                – Roman Rausch

meine Kindheitswunden
eingewachsen
in mein Leben

ein Baum
und seine Überwallungen

                – Frank Dietrich

Traute Einsamkeit.
Der warme Juniabend
duftet nach Hoffnung.
Befreie ein Glühwürmchen
aus verwaistem Spinnennetz.

                – Wolfgang Rödig

nachts im Hafenviertel
ein junger Mann
sturzbetrunken
spricht mich an
nennt mich "Papa"

                – Frank Dietrich

Ein letztes Mal noch
an der Achterbahn vorbei,
hin zur Losbude,
süchtig nach dem Risiko.
Man könnte ja Glück haben.

                – Wolfgang Rödig

dieses weiße Rechteck
an der Wand
eingebrannt
das Bild
das ich vergessen will

                – Frank Dietrich

Immer steht einer
näher am Strom und
der andere sitzt
auf seinen Gedanken
die Angel versunken im Tag

               – Angelica Seithe

Im Gegenlicht
glänzen die verblühten
Pampasgräser.
Ein schmaler Pfad führt hinein
gradewegs in die Höhe

                – Masami Ono-Feller

Sie fragt ihn
ob er unglücklich sei
Da erheben sich
schwarze Schwingen auf seinem
Gesicht und fliegen fort

               – Angelica Seithe

mein glas
am boden
zersprungen –
spiegelst noch einmal in jeder scherbe
das abendlicht…

                – Ruth Guggenmos-Walter

Trüber Tassengrund –
Die Worte von deiner Nachricht
aufgewirbelt
haben sich wieder gesetzt
Ich schlürfe den bitteren Tag

               – Angelica Seithe

den kostbaren Slip
aus nachtblauer Seide
trage ich nun
seiner flachen Nähte wegen
beim Fahrradfahren

                – Gabriele Hartmann

am Straßenrand
ein kleiner Apfelbaum
blattlos seine Zweige
nur die gelben Früchte noch
als goldne Perlenketten

               – Erika Uhlmann

Beate Conrad
Erinnerung


  Weiß die Schminke ab-
  geblättert im Kerzenlicht
  zunehmend ein Mond
  wie aus Stein Mutters Gesicht
  bei der letzten Nachtwache

manchmal träume ich von der alten Weide am Fluss, die ihre Schatten hat; wie die wandern, wie die manchmal schwinden. Wie sie versuchen einander zu fangen, aber sich eben nie erreichen. Und dann höre ich sie flüstern.

  Murmeltiermorgen –
  Himmel, Sonne und Erde
  tönen ihr Echo
  an die Wand einer Höhle,
  flackernde Schatten und wir.

Horst Ludwig
Totenmesse

Es war in Halle, wo ich zum ersten Mal Tote sah. Zu Hause sah ich immer nur den Sarg im offenen Leichenwagen mit den zwei Pferden oder in der Kirche vorn beim Requiem; aber hier, wo unser Zug nach einem Fliegerangriff am Hauptbahnhof eingetroffen war, da lagen sie auf dem Gehsteig auf der anderen Straßenseite, zugedeckt nur mit Bogen Packpapier, und ich sah eigentlich nur die Schuhe, die winklig schräg in die Luft zeigten. Meine Mutter sagte mir immer wieder: "Sieh da nicht hin", als wir da, so schnell es mit mir Kleinem an ihrer Hand möglich, aus der Stadt liefen, zu einem kleinen Bahnhof, sechs Kilometer; da sollte ein Zug weiter nach Westen eingesetzt werden, denn wegen der Zerstörung hatte er nicht bis zum Hauptbahnhof fahren können.
Als wir da ankamen, erklärte uns der Bahnvorsteher, dass alles doch repariert worden war, der Zug also vom Hauptbahnhof abfährt und hier nicht halten würde. Da sagte ihm Mutti, er müsse den Zug anhalten, denn wir würden unmöglich zurücklaufen können und müßten weiter. Aber das ginge nicht, er dürfe das nicht. Als wir den Zug dann in der Ferne sahen, kletterte meine Mutter hinunter aufs Gleis und wedelte wild mit den Armen und schrie, und ich betete laut zu Gott, dass der Zug sie nicht überfahren würde, und tatsächlich, es schien, dass der sich verlangsamte, und er kam kurz vor uns zum Stehen. Und wir winkten dem Lokomotivführer zu und kletterten in den ersten Wagen. Der Bahnhofsvorsteher schlug die Tür zu, pfiff und ließ mit seiner Kelle unsern Zug weiterfahren.

  Ich hab daheim nie
  Toten ins Gesicht geschaut,
  auch den Eltern nicht,
  wenn ich zu ihrem Abschied
  aus großer Ferne heimflog.

Rüdiger Jung
Rezension

Gabriele Hartmann
Sand in der Uhr / bin auch ich.
22 Tanka, inspiriert durch Holzschnitte von Kyoshi Hasegawa. 2019 im bon-say-verlag. Gabriele Hartmann, Ober der Jagdwiese 3, 57629 Höchstenbach. www.bon-say.de

Das wechselseitige Zwiegespräch von Lyrik und Bildender Kunst hat eine lange Tradition, deren Wege und Erscheinungsformen Prof. Gisbert Kranz in seinen Standardwerken zum Thema eindrücklich erfasst und protokolliert hat.

Im "Bildgespräch“ der Kölner / New Yorker Autorin Margot Scharpenberg hat diese literarische Form ihre besondere Zuspitzung erfahren. Solchem "Bildgespräch“ ist auch die fernöstliche Kunst offen – und reizt hier natürlich besonders zum Kurzgedicht nach japanischem Vorbild. Gabriele Hartmann hat sich der Herausforderung durch die Holzschnitte Kyoshi Hasegawas gestellt – in 22 Tanka‚ deren buchstäbliches Zwiegespräch ein so bemerkenswertes Resultat gezeitigt hat, dass ich zum Lob ein so altes wie kostbares Wort bemühen muss: ein Kleinod! Das Tanka ist als Gedichtgattung kurz und konzentriert und hat gleichwohl dem Haiku gegenüber, das an-deutet, etwas an-reißt, jenen längeren Atem, der eine Stimmung, eine Atmosphäre ausschwingen lässt. Unwillkürlich erweitern westliche Literatur, aber auch Bildende Kunst die Konnotationshöfe dieser eindrücklichen Wort-Bild-Begegnungen. Das Bild zu Seite 1 (den paginierten Textseiten steht jeweils eine unpaginierte Seite mit der Reproduktion des Kunstwerks gegenüber) lässt an Günter Eich denken ("wo ich wohne"). Füchsin und Fuchs sind gleichermaßen Fascinans (S. 4) und Tremendum (S. 9) – im letztgenannten Fall könnte die Erinnerung an Henri Boscos "Esel mit der Samthose" wach werden. Dicht auf den F/Versen der Bilder umspielen die Tanka der Seiten 10 und 11 die These vom Homo ludens. Gegenüber Seite 18 wird die Reminiszenz zu van Gogh greifbar, gegenüber Seite 7 jene zu so unterschiedlichen Protagonisten der Kunstgeschichte wie Vermeer‚ Magritte, M. C. Escher. Text und Bild teilen da eine klaustrophobische Stimmung:

  am Seidenfaden
  hängend übte ich fliegen
  sah ich doch
  in einer Kugel das Fenster
  aber ach – es ist geschlossen (S. 7)

Der Buchtitel ist jener Anmutung von Wehmut und Verletzlichkeit nahe, die der japanischen Poesie seit ihren Anfängen eingeschrieben ist; passend dazu ein Notat der Vergänglichkeit:

  wie üppig doch
  Blüten borden des Nachts
  im Sake-Traum
  und wie sie welken
  bleich am Morgen (S. 8)

In geradezu biblischer Manier wird der Vergänglichkeit des Menschen aber auch ein zumindest ansatzweise positives Attribut zugesprochen – jenes nämlich der ausgleichenden Gerechtigkeit:

  im Schatten von Schloss
  und Kirche spielten wir einst
  mit den Kindern
  der Herrschaft und werden einst
  mit ihnen dort begraben (S. 13)

"einst" - spiegelbildlich am Ende der zweiten wie der zweitletzten Zeile – könnte den Zug der Endlichkeit schon relativieren: indem es zu beidem, zur Vergangenheit (Zeile 2) wie zur Zukunft (Zeile 4) die Verbindung herzustellen vermag. Tatsächlich erschleicht sich in den Texten die zyklische Wahrnehmung der Zeit das Vorrecht gegenüber der linearen:

  schließt sich der Kreis
  von werden und Vergehen
  ums andre Mal
  dreh ich die Sanduhr um
  und lausch dem Spott der Drossel (S. 2)

Ein Taschenspieler-Trick, den "der Spott der Drossel" bloß stellt? Nicht unbedingt! Die Autorin jedenfalls bleibt sich treu, indem sie dem möglichen linearen Schluss (“erst oben, dann unten“) den iterativen, zyklischen vorzieht:

  wie die Rose blüht
  und welkt, so welkt
  die Zeit und blüht
  wie der Sand in der Uhr
  bin auch ich - mal oben, mal unten (S. 12)

Der Chiasmus der ersten drei Zeilen hat den Aufstand, den Tabu-Bruch gegen die dräuende Macht der Sanduhr als barocker Vanitas schon eingeleitet: das leise, winzige "mal" fordert die Ewigkeit! Ein Hintergrund, der die Resilienz auf S. 18 fassbarer macht:

  der Mensch
  zwischen Himmel und Erde
  gestutzt
  wie jene Ulme
  grünt Jahr für Jahr aufs neu

Da nimmt es auch nicht mehr Wunder, dass da, wo eigentlich das Kalkül, die Determination die Oberhand hat, plötzlich die Freiheit diese für sich in Anspruch nimmt:

  am Ende
  kannte ich alle
  Bauern und König
  und sang nach jedem Glas
  ihr Lied von der Freiheit (S. 10)

Wo das Haiku vielleicht einen spröden Kuss zulässt, taugt ein Tanka schon zur innigen Umarmung. Die Liebesgedichte unter den Tanka Gabriele Hartmanns – präzise und genau wie die übrigen Texte – wollte ich nicht missen:

  das Universum
  in einer Hutschachtel
  navigiere ich
  durch ein Wurmloch
  meine Gedanken zu dir

Das "Wurmloch“ despektierlich zu lesen – im Blick auf den Minimalismus – ginge fehl. Reicht doch die kleine fünfzeilige und in ihrem Ursprung 31-silbige Form vollkommen aus, aller Ambivalenz Raum zu geben:

  ich wünschte mir
  die Sterne vom Himmel
  holte sie dir herab...
  langsam wird es eng
  in meinem Schneckenhaus (S. 6)

Ständig schweift mein Blick beim Lesen dieses Buches vom Bild zum Text zum Bild zum Text ... wenn das nicht Beleg genug ist – für ein gelungenes‚ den Leser/Betrachter einbeziehendes, faszinierendes Zwiegespräch!

Beate Conrad
Sommernacht

Beate Conrad & Horst Ludwig
Tanka-Folge [ohne Titel]


  ein sternklares Licht,
  nicht das rohe der Sonne,
  hat sie gefunden.
  Doch es wusste nichts von ihr
  und ihrem Leben am Fernrohr

  der Stern im Fernrohr
  wie er ihr plötzlich leuchtet
  um wieviel stärker
  als allen anderen – und
  wie einsam er plötzlich ist

  Er scheint dem Himmel
  verloren in der Stille, der Stille,
  und sie voller Scham
  mit ihrem Fernrohr weicht sie
  weiter seinen Blicken aus

  einzig ihr Spiegel
  diese dämmernde Nacht
  – und sie besteht aus
  so vielen Punkten – doch wo
  ihr Anfang, wo ihr Ende?


  Dunkle Materie
  im tiefblauen Ozean
  wogender Sterne
  Wie die Hälfte des Lebens
  die andre zu Grabe trägt.

  Blauer Ozean...
  welche Fernen sich öffnen
  dem wagenden Geist!
  Gleitende Stahlstrukturen
  zu Wasser, Erde, zur Luft

  Wogende Sterne –
  doch unter hohem Dome
  zitternde Seelen.
  Kaum unter Menschen und schon
  weit Bazillen verbreitet.

  Hälfte des Lebens
  billig wie Butterfahrten
  – Flüge nach Vegas –
  man will ja schließlich auch mal
  was zu erzählen haben.

  Andre am Grabe
  wussten 's auch noch sehr genau,
  die Luftangriffe,
  und wie böse jeder war,
  jeder 's Feuer verfluchte

  BC: 1, 3; HL: 2, 4, 5

Wettbewerbe, Termine und Veranstaltungen

Doppeltanka auf Zitronenfalterflügeln
Sehr geehrte Damen und Herren, werte Autoren!
Ein Jeder kann 1 seinen Doppeltanka laut meiner Regeln an die Redaktion (pawelek@mail.ch) hinsenden.
Ich werde alle lesen und die schönsten Doppeltanka auf Zitronenfalterflügeln in der Rubrik "Die schönsten Doppeltanka anderer Autoren" einfügen. Also Seien Sie kreativ und schicken Sie Ihr Bestes!
Meine Regeln:
  • Dopeltanka bestehend aus zwei ideologisch zusammengeschlossen Tankas: der erste Tanka muss naturbezogen sein, der zweite dagegen muss rein philosophisch sein.
  • es gibt Verse mit Silben: 5,7,5,7,7 und 5,7,5,7,7 so wie bei zweien traditionellen Tankas. Diese Tankateile sind mit Pause abgetrennt.
Ich freue mich auf die Ihrige Einreichung über die Webseite: https://pawelek3.wixsite.com/tanka/ausschreibungen

nächste Ausgabe

Die nächste Ausgabe von Einunddreißig erscheint am 15. November 2019. Der Einsendeschluss ist der 30. September 2019. Für die Einsendung von Beiträgen bitte ich, die Teilnahmebedingungen zu beachten.

(C) 2019
Alle Rechte bei Tony Böhle und den Autoren.
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