Ausgabe Mai 2021 - Einunddreißig

Einunddreißig
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Ausgabe Nr. 33 Mai 2021

Tony Böhle

Editorial

Es gibt wohl kaum jemand, der noch keine Erfahrungen mit ihnen gesammelt hat oder sie nicht kennt: die runden Bratlinge aus Rinderhack zwischen zwei weichen Brötchen, eher sparsam belegt mit Tomate, Salat und einer Scheibe saurer Gurke. Kaum eine größere Autobahnraststädte oder Fußgängerzone kommt noch ohne eine Filiale des weltweit bekannten Burger-Riesen aus, der heute seinen Geburtstag feiert. Das erste dieser Schnellrestaurants wurde von den Brüdern Richard und Maurice McDonald am 15. Mai 1940 in San Bernardino, Kalifornien, eröffnet und hat es geschafft mit seinen Produkten buchstäblich in aller Munde zu sein. Das Erfolgsrezept ist wohl klar: keine allzu anspruchsvolle Küche, einfach mit den Händen zu essen, im Geschmack etwas süß, fettig und weich. Dazu gilt: egal, ob in der kleinsten Filiale oder im größten Fast-Food-Restaurant: Einrichtung, Angebot und Geschmack sind überall – bis auf minimale Abweichungen – gleich. Doch es mangelt auch nicht an Kritik: Umweltzerstörung für Weideflächen, fragwürdige Hygiene- und Arbeitsbedingungen, die Zerstörung der Esskultur und dass Burger, Currywurst und Co. nicht unbedingt gesund sind, dürfte ohnehin jedermann bekannt sein. Dennoch floriert diese Art der Gastronomie, vielleicht auch deshalb, weil der schnelle und unkomplizierte Konsum – nicht nur von Essen – nach wie vor ein Symptom unsere Zeit ist. Wer daran noch zweifelt, dem seien nur YouTube und WhatsApp als weitere Beispiele genannt.
Und wie steht es um die Lyrik? Darf es hier auch der schnelle Snack zwischendurch sein oder lieber das große Sternemenü à la Ballade? Etwas Exotischeres vielleicht, wie ein arabisches Ghasel? Oder die Fusionsküche? Gewissermaßen ist auch das Tanka eine Art von lyrischem Fastfood. Schnell und einfach gelesen, wenn uns der lyrische Hunger plagt, kann es ein kleiner Leckerbissen zwischendurch sein, aber auch Appetit auf mehr machen. So passt es eigentlich ideal in unsere Gegenwart. Herauszufinden, ob es zu unserer Lieblingsspeise wird oder eher schwer im Magen liegt, lade ich alle zur Mai-Ausgabe von Einunddreißig ein, denn Geschmäcker sind bekanntlich verschieden.

Valeria Barouch

Das Tanka international Teil XXI - Monique Mérabet

Monique Mérabet lebt auf der Insel La Réunion, wo sie 1949 auf die Welt kam. Sie unterrichtete Mathematik am Gymnasium. Sie ist eine leidenschaftliche Leserin und schreibt seit etwa drei Jahrzehnten Gedichte, Erzählungen, Novellen... wobei sie bemüht ist, die Umwelt ihrer Heimat La Réunion mit dem Leser zu teilen.

Auch die Kurzformen Haiku, Tanka und Pantun begeistern sie und sie nährt ihren Blog http://patpantin.over-blog.com beinahe täglich mit Haibuns und Tanka-Prosa.

Sie hat zahlreiche Bücher veröffentlicht. Zuletzt erschienen sind:

Le rire des étoiles (Éditions du Tanka Francophone, 2018)
Parenthèse d’automne (Éditions Muse, 2019)
Tankas de veille (Éditions du Tanka Francophone, 2020)

Orange est l’instant
d’une fin d’après-midi
lumière en cavale
Ah! renaître de son deuil
quand luira l’aube nouvelle!

Orange ist der Moment
am Ende eines Nachmittags
Licht auf der Flucht
Ah! aus der Trauer aufleben
wenn der neue Morgen strahlt!

Grignotant sans cesse
le fil de mon existence
d’être funambule
le temps songe-t-il parfois
que nous périrons ensemble?

Beharrlich nagt sie
am Faden meines Daseins
als Seiltänzerin
bedenkt die Zeit manchmal
dass wir gemeinsam vergehen?

En trois tours de clé
le maître du carillon
ranimait le temps
ce balancier immobile
m’en ramène souvenance

Der Glockenspielmeister
mit drei Schlüsseldrehungen
kurbelte die Zeit an
dieser unbewegliche Pendel
lässt mich daran denken

La felouque glisse
vers le temple de Philae
âme des roseaux
cet été de tous les dieux
que l’on apprend à connaître

Die Feluke gleitet
zum Tempel von Philae
Seele des Schilfes
dieser Sommer aller Götter
die man kennen lernt

Ocre du désert
quelque part au bout d’un monde
l’horizon rosit
du haut de ses longues pattes
un gros marabout nous toise

Ockerfarbene Wüste
irgendwo am Ende der Welt
rötet sich der Horizont
von seinen langen Beinen herab
mustert uns ein dicker Marabu

Noyé dans les feuilles
que ressent le chat qui danse
sous le réverbère
je ne vois que les paillettes
reflets d’or sur son pelage

Verloren in den Blättern
was empfindet die tanzende Katze
unter der Straßenlaterne
ich sehe nur die Pailletten
Goldschimmer auf ihrem Fell

Pages recouvertes
de rendez-vous ennuyeux
hachurant nos jours
l’oisillon seul sur le fil
me promène en infini

Seiten gefüllt
mit langweiligen Terminen
schraffieren unsere Tage
der Jungvogel allein auf dem Draht
bringt mich hinaus ins Unendliche

Instants dérobés
près de ces pierres enfouies
aujourd’hui dans l’herbe
qui se soucie des baisers
amants devenus poussière?

Gestohlene Momente
bei diesen Steinen überwuchert
heute mit Gras
wen kümmern die Küsse
der Liebenden zu Staub geworden?

Recouvrant les chiffres
le cadran noyé de fleurs
les iris d’un jour
n’ont pas vu passer les heures
ni l’absence en ma maison

Verborgene Zahlen
das Zifferblatt von Blumen überladen
die Taglilien
sahen nicht den Lauf der Stunden
noch das Fehlen in meinem Heim

Lent ruissellement
au sablier retourné
coulée de secondes
combien pèse un grain de sable
qui pourrait tout arrêter?

Langsames Rinnen
der umgekehrten Sanduhr
Strom der Sekunden
wie viel wiegt ein Sandkorn
das alles aufhalten könnte?

 
Übersetzt und veröffentlicht mit freundlicher Genehmirgung des Autorin.

Tony Böhle
Wie viel Form braucht das Tanka?

Schlägt man den Begriff Tanka nach, stößt man in der Literatur auf verschiedene Definitionsversuche. Gemein ist den meisten die Beschreibung als ca. 1300 Jahre alte reimlose japanische Gedichtform. Was die Formgebung betrifft, gehen die Ausführungen wahlweise von 31 Moren bzw. Silben aus, die im Schema 5-7-5-7-7 gegliedert sind. So griffig und verlockend einfach diese Definitionen auch sein mögen, bedürfen sie aus mehreren Gründen durchaus einer kritischen Betrachtung.
Was die Gliederung fünf Phrasen zu 5-7-5-7-7 Silben betrifft, stehen wir immer noch unter dem Einfluss der älteren Tanka-Übersetzungen, die größtenteils aus Übersetzungen von klassischen Waka-Sammlungen in eben diesem Silbenschema stammen und bisweilen noch heute als Vorlage für eigene Tanka-Versuche dienen. Dieser Einfluss hat bis heute eine zwiespältige Wirkung hinterlassen. Einerseits ist es gelungen, einem breiteren Publikum Einblicke in die klassische japanische Dichtung zu geben und vielleicht einen Hauch der Faszination ihrer Formen zu vermitteln. Andererseits führt dies auch zu einer verzerrten Wahrnehmung dessen, was ein Tanka ist und vermag, da die Entwicklungen des 20. Jh. hin zur modernen Lyrik, nicht abgebildet wurden. Zunächst einmal erscheint eine Übertragung der japanischen Tanka (oder Waka) in eine fünfzeilige Form mit 31 Silben logisch oder sogar zwingend, da die Zeilenumbrüche die Phrasen auch optisch verdeutlichen und der Unterschied zwischen Silben und Moren nicht allzu offensichtlich erscheint. Zudem schaffen solche vermeintlich "einfachen" Strukturen und Regeln schnell ein gut handhabbares Orientierungsmuster. Unterzieht man diese 5-7-5-7-7-Silben-Konvertierung (feste Form) einer genaueren Betrachtung, kann sie nicht unumstritten bleiben.
Wie bereits verschiedentlich diskutiert wurde, sind Moren (Einzahl Mora). Im Vergleich zur Silbe eine kleinere Lauteinheit. Dieser Umstand soll deshalb hier nicht noch einmal ausführlich diskutiert (werden), sondern zur Erinnerung nur mit einem Beispiel unterstrichen werden: Nippon hat in Japanisch vier Moren (ni-p-po-n), aber im Deutschen nur zwei Silben (nip-pon). In der Folge können deutschsprachige Tanka in der festen Silbenform schnell überfrachtet wirken im Vergleich zu dem, was uns die japanischen Originale in ihren 31 Moren bieten. Zwei weitere Punkte, die seltener betrachtet werden, sollen aber auch noch angesprochen sein. Zum Ersten sollte beachtet werden, dass die japanische Schriftsprache mit ihren zahlreichen Kanji eine zusätzliche Gestaltungsebene besitzt, auf die wir in unserer Sprache beim Verfassen eigener Texte gänzlich verzichten müssen. Zweitens stellte – und stellt – die Form der 31 Moren, aufgeteilt in Phrasen zu 5-7-5-7-7 Moren, seit den Anfängen des Waka, des klassischen Tanka, bis hin zum modernen Tanka zwar ein Ideal dar, in der bis heute auch der überwiegende Teil der Tanka verfasst werden, aber sie galten und gelten nicht als absoluter Maßstab für die Zugehörigkeit eines Gedichts zu dieser Form. Schon in den ersten Waka-Sammlungen finden sich Beispiele für Tanka mit weniger oder mehr als 31 Moren, die wegen ihrer abweichenden Morenzahl nicht als mängelbehaftet angesehen wurden. Diese Techniken der fehlenden (ji-tarazu) oder überzähligen (ji-amari) Moren wurde bewusst als Technik eingesetzt. Besonders gewichtige inhaltliche Aussagen können durch ein Segment mit „Überlänge“ auch äußerlich repräsentiert, Unzulänglichkeiten durch "verkürzte" Segmente veranschaulicht werden.
Daneben existieren noch weitere Techniken, die mit den Regeln der festen Form spielen. Tanka die eine Morenzahl von 5-7-5-9-5 oder 8-4-5-7-7 aufweisen sind Beispiele für Aufspaltungen (ku-ware) und Spreizungen (ku-matagari).

   tatoeba kimi (6)
   gasatto ochiba (7)
   sukuu yo ni (6)
   watashi o saratte (8)
   itte wa kurenu ka (8)
         – Kawano Yuko [1]

for instance, sweetheart –
won’t you sweep me off
as if
you are scoping up
an armful of fallen leaves
    – Kawano Yuko [1]

Wie wäre es, Du!
Könntest du nicht mal, schwupps
– wie man nach einem
fallenden Blatt hascht –
zupacken und mich entführen?
     – Kawano Yuko [2]

   haha no na wa akane (8)
   ko no na wa (4)
   kumo nari ki (5)
   oka o shizuka ni (7)
   kudaru yaseiba (7)
          Kazuhiko Ito [3]
mother's mane, Crimson
son’s name Cloud
down the hill
they amble quietly
those horses
      Kazuhiko Ito [3]
Der Name der Mutter Karmin,
Wolke der des Sohns.
Hügelabwärts
trotten sie ruhig,
diese Pferde.
      Kazuhiko Ito

Aufteilungen wie diese können ähnlich einem Fermate oder einer Synkopierung in einem Musikstück wirken [4]. Dieser Vergleich mag auf den ersten Blick weiter hergeholt erscheinen, als er eigentlich ist, denn Tanka wurden ursprünglich in einer Art von Sprechgesang dargeboten. Daneben ist auch ein reiches Spiel mit der Aufteilung zwischen Oberstollen (kami-no-ku) und Unterstollen (shimo-no-ku). Auch wenn diese traditionell zwischen der dritten und vierten Phrase erfolgt (5-7-5 / 7-7), gibt es Fälle, in denen gar kein Schnitt gesetzt wird bzw. an einer anderen Stellen (z. B. 5-7 / 5-7-7 oder 5-7-5-7 / 7).
Diesbezüglich darf allerdings nicht außer Acht gelassen werden, dass der Gebrauch dieser Gestaltungsmittel nur in Bezugnahme auf die feste Formgebung Sinn ergibt, sich also als ein Spiel mit dieser versteht. Entsprechend wurde die 31-Moren-Form des Waka bzw. Tanka bis zum Anfang des 20. Jh. nicht grundsätzlich in Frage gestellt und gilt bis heute als "Normalzustand". Gleichwohl vertrat schon Masaoka Shiki (1867-1902) die Ansicht, man könne Tanka mit 33 Moren gelten lassen, ohne ihre Überlänge – wie früher zumeist – als Mängel zu betrachten. Yosano Akiko (1878-1942), die Galionsfigur der romantischen Bewegung, erweiterte ihre Tanka aus stilistischen Gründen gelegentlich um wenige zusätzliche Moren, insbesondere im ersten und letzten Segment, inhaltlich und vom Gehalt her durch ihre kühne Verwendung von Stilfiguren. Schließlich meinte Ishikawa Takuboku (1886-1912), das traditionelle Metrum sei zu eng, man könne auch 41 oder gar 51 Moren erlauben [5].
Dies mag einen ersten Eindruck vermitteln, wie uns die Transformierung der japanischen Tanka-Form in westlichen Sprachen vor einige Herausforderungen stellt, die nur bedingt zu überwinden sind – auch vor dem Hintergrund, dass die liebgewonnene Vorstellung, japanische Tanka wäre immer im 5-7-5-7-7-Morenschema verfasst, sich als trügerisch erweist.
Mit der tieferen Beschäftigung vieler Tanka-Enthusiasten in den westlichen Ländern, allen voran den USA, wurde versucht, dem Original auf andere Weise näher zu kommen. Dahingehend verfassen viele westliche Autoren ihre Tanka im Phrasenschema kurz-lang-kurz-lang-lang wobei die "langen" Phrasen maximal sieben Silben tragen sollen und die längste der "kurzen" Phrasen kürzer sein soll als die kürzeste der "langen". Dies bewahrt das Liedhafte der japanischen Urform und gibt eine ausreichende Reminiszenz an das Ideal des Formschemas. Man kann daher wohl nicht sagen, dass die feste Form näher am Original ist, als die Abfassung in kurzen und langen Phrasen. Andere Autoren gehen noch weiter und beschränken sich lediglich auf das Einhalten der fünf Zeilen und eine relative Kürze des Textes. Dies entfernt sich allerdings ein ganzes Stück weiter von der Urform, nötigt dem Verfasser aber die wenigsten Zugeständnisse an formale Aspekte ab.
Ein Aspekt, der bislang kaum Anlass für Diskussionen bot, ist die Frage, in wie vielen Zeilen ein Tanka notiert werden sollte. Den traditionellen japanischen Waka und Tanka war ein Aspekt gemein: über tausend Jahre lang hatte man sie in einer Zeile notiert. So erscheint es auch wenig erstaunlich, dass erst nach der Öffnung Japans in der zweiten Hälfte des 19. Jh. und den Eindrücken europäischer Literatur eine Reform des Tanka einsetzte, deren bekannteste Gestalten Masaoka Shiki und Yosano Tekkan (1873-1935) waren. Diese betraf nicht nur eine thematische und sprachliche Öffnung, sondern auch Gesichtspunkte der Notierung. Dabei experimentierte Tekkan beispielsweise mit der Schreibung in zwei Zeilen, was sich jedoch noch an die traditionelle Struktur des Tanka und dessen Aufteilung in Oberstollen und Unterstollen anlehnte. Schon vor Takuboku, im April 1910, hatte Tiki Aika, den Takuboku im folgenden Januar kennenlernen sollte, in seiner in lateinischer Schrift veröffentlichten Tanka-Sammlung Nakiwarai die dreizeilige Form gewählt. Doch war es Takuboku, der mit seinen Tanka den entscheidendsten Einfluss ausübte [6]. Zur Illustration soll hier das vielleicht bekanntestes Tanka aus der Sammlung Eine Handvoll Sand (Ichiaku no Suna; 一握の砂) von 1910 dienen.

  東海の
  小島の磯の
  白砂に
  われ泣きぬれて
  蟹とたわむる

    東海の小島の磯の白砂に
    われ泣きぬれて
    蟹とたわむる
  tōkai no
  kojima no iso no
  shirasuna ni
  ware naki nurete
  kani to tawamuru

    tôkai no kojima no iso no shirasuna ni
    ware nakinurete
    kani to tawamuru
  Im weißen Sand
  des Strandes einer kleinen Insel
  im östlichen Meer
  in Tränen aufgelöst
  spiele ich mit den Krabben

    Im weißen Sand des Strandes einer kleinen Insel im östlichen Meer
    in Tränen aufgelöst
    spiele ich mit den Krabben. [7]

Strukturell gesehen handelt es sich um ein Tanka in der traditionellen Form mit einer Aufteilung in 5-7-5-7-7 Moren. Entsprechend werden Übersetzungen bis heute noch oft in der fünfzeiligen Form vorgenommen, obwohl diese nicht der Vorgabe des Autors entspricht. Takuboku selbst fasste die ersten drei Moren-Phrasen (5-7-5) in einer Zeile zusammen und setzte dazu die beiden folgenden Moren-Phrasen (7 und 7) jeweils in eine eigene Zeile. Dies mag auf den ersten Blick ein marginaler Unterschied sein, findet aber durchaus eine inhaltliche Begründung: "Im weißen Sand / des Strandes einer kleinen Insel / im östlichen Meer" erzeugt unter Verwendung der sog. Zoom-Technik das Gefühl der Winzigkeit bzw. Bedeutungslosigkeit des lyrischen Ichs und setzt eine objektive Ortsangabe, die zunächst keinen Berührungspunkt mit dem inneren menschlichen Kosmos findet. Dagegen werden die beiden letzten Segmente durch Umbrüche abgesetzt. Das Segment "in Tränen aufgelöst" bietet einen Einblick in den Gefühlszustand, jenen inneren menschlichen Kosmos, den die erste Zeile verweigert hat. Das Segment "spiele ich mit den Krabben" zeigt schließlich eine Aktion, vielleicht als Reaktion, auf. Es ist sicherlich müßig zu spekulieren, weshalb Takuboku im Einzelfall die jeweilige Notierung wählte, doch lässt sich in diesem Beispiel eine Strukturierung der Zeilenform nach dem Inhalt erkennen, die über einen reinen Umbruch zwischen Oberstollen und Unterstollen hinausgeht.
Interessant in diesem Zusammenhang ist auch die Tanka-Literatur japanischer Emigranten, die im späten 19. Jh. und frühen 20. Jh. begannen, ihre Werke in Englisch, also einer westlichen Sprache ohne Moren und Hiragana, Katagana und Kanji, zu verfassen. Auch sie mussten sich mit der Frage konfrontiert sehen, ob und wie das Tanka in eine andere Sprache zu konvertieren wäre, wobei sich durchaus verschiedene Resultate ergaben. Einer dieser Tanka-Pioniere war Sadakichi Hartmann (1867-1944), ein Japaner deutscher Abstammung, der im frühen 20. Jh. von Japan über Hamburg schließlich in die USA gelangte. Er veröffentlichte seine Tanka (Tanka and Haikai: Japanese Rhythms, 1916, rev. 1920) in der bekannten festen Form als Fünfzeiler.

   Winter? Spring? Who knows?
   White buds from the plumtrees wing
   And mingle with the snows.
   No blue skies theses flowers bring,
   Yet their fragrance augurs Spring. [8]
         Sadakichi Hartmann

   Winter? Frühling? Wer weiß?
   Weiße Blühten wehen vom Pflaumenzweig
   Und mischen sich mit dem Schnee.
   Diese Blühten bringen keine blauen Himmel,
   Doch ihr Duft verheißt den Frühling.
         Sadakichi Hartmann

Weitaus experimentierfreudiger zeigte sich hingegen Jun Fujita (1888-1963). Geboren in Nishimura, einem Dorf in der Nähe Hiroshimas, wanderte er als Jugendlicher nach Kanada und später in die USA aus, um dort als Fotojournalist, Fotograph und Stummfilmdarsteller zu arbeiten.

   On a country road
   An old woman walks;
   The autumn sun casts her shadow
   Long and thin. [9]
        – Jun Fujita

   Entlang einer Landstraße
   Zieht eine alte Frau;
   Die Herbstsonne wirft ihren Schatten
   Lang und dünn.
        – Jun Fujita

Häufig sind seine als "Tanka" betitelten Gedichte in vier Zeilen verfasst, denen teilweise Titel vorangestellt sind. Die Minderzahl dieser Tanka sind dabei Fünfzeiler, welche oft auch in "freier" Form mit hypometrischen oder hypermetrischen Zeilen verfasst sind. Ungeklärt bleibt, warum Fujita eine vierzeilige Übertragung bevorzugte; möglicherweise als Adaption an die anglophone Lyrik, in der vierzeilige Notierungen gängiger sind. Obwohl davon auszugehen ist, dass er mit klassischen Waka vertraut war, scheint die Formvorstellung von fünf Phrasen in fünf Zeilen kein entscheidender Teil seiner Tanka-Definition gewesen zu sein. Vorrang scheint die Übertragung des Tanka-Charakters zu bekommen – ob in eine vierzeilige oder fünfzeilige Form –, statt zu versuchen, ihn in ein schlechtsitzendes Korsett zu zwingen [10]. Dieser Ansatz stellt einen weitaus radikaleren Bruch mit den traditionellen Formvorstellungen dar, als das o. g. dreizeilige Tanka Takubokus, da dieses in seinem inneren Aufbau mit 5-7-5-7-7-Moren-Schema dem klassischen Idealbild verpflichtet bleiben und durch eine mehrzeilige Notierung nur ein zusätzliches Gestaltungselement erhält.
Neuere Transformierungsansätze, wie die der japanisch-stämmigen Herausgeberin des kanadischen Tanka-Journals Gusts, Kozue Uzawa (*1942), propagieren eine Orientierung an der Wörterzahl (10-15, maximal 20 Wörter für ein Tanka im Englischen) statt einer Zählung der Silben. Diese Art, das Tanka formal zu umreißen, wird u.a. vom amerikanischen Tanka-Autor Orrin PréJean verfolgt.

   as fresh as lettuce in a salad
   this anger I harbor
   behind a tight smile
          – Orrin PréJean

   so frisch wie Lattich im Salat
   dieser Zorn den ich hege
   hinter einem verkrampften Lächeln
          – Orrin PréJean [11]

Erwähnenswert ist diesbezüglich auch, dass einige Übersetzer und Übersetzerinnen, wie Juliet Winters Carpenter und Tamae K. Prindle, für die Übertragung von Tawara Machis (*1962) Sarada Kinenbi und Ishikawa Takubokus verschiedener Tanka-Sammlungen bewusst eine durchgängig dreizeilige Form wählen [12, 13].

空の青 海のあおさの その間 サーフボードの君をみつめる
I watch you on your surfboard
poised between blueness
of sky and sea [14]


Auf deinem Surfbrett beobachte ich dich
schwebend zwischen dem Blau
des Himmels und des Meeres

Soweit stellen die genannten Punkte theoretische Überlegungen dar. Doch was würde eine Tanka-Notierung abweichend von der typischen fünfzeiligen Form für uns in der Praxis bedeuten?
Zum einen kann eine von der Norm abweichende Notierung natürlich als Gestaltungselement genutzt werden, das seine Wirkung aber nur voll entfaltet, in Referenz zur fünfzeiligen Form – d. h. also, wenn dem Leser das Tanka in seiner fünfzeiligen Form bekannt ist. Ein weiterer Punkt dabei ist, dass die Mehrzahl der Tanka bei uns nicht in 5-7-5-7-7 Silben verfasst ist, sondern – wenn überhaupt – im Phrasenschema kurz-lang-kurz-lang-lang. Bei einer Notierung in der festen Form funktioniert dieses Erkennen wohl noch gut. Greift der Autor allerdings auf eine Form mit Phrasen im kurz-lang-kurz-lang-lang-Schema, oder mehr noch, in einer freien Form zurück, ist dies wohl schon deutlich schwieriger. Innerhalb der einschlägigen Zeitschriften, Webseiten und Formen ist das wohl möglich. Im Kontext allgemeiner Lyrik(zeitschriften) wäre ein solches Tanka wohl nicht mehr als dieses erkennbar. Doch ohnehin ist das Tanka als Versform in Deutschland noch so wenig bekannt, dass es wohl kaum jemand wahrnehmen würde. Dennoch könnte eine "Verschleierung" der fünfzeiligen Tanka-Form eine gewisse Wirkung besitzen, da das Tanka bislang noch als etwas Exotisches wahrgenommen werden, das man nicht ganz so ernst zu nehmen braucht oder das durch eine gewisse Erwartungshaltung in ein bestimmtes "japanisches" Licht gerückt wird.
Die soweit angeführten Punkte machen eines wohl klar: lässt man die formalen Aspekte der 31 Lauteinheiten und deren Aufteilung in fünf Zeilen bzw. Phrasen beiseite, wird es schwerfallen, eine allgemeingültige Definition des Tanka zu finden – schwerer zumindest, als beim verwandten Haiku. Gibt es dort die Möglichkeit auch jenseits der Formgebung gewisse Eigenheiten wie den Naturbezug, das Kigo, eine gewisse Unpersönlichkeit bzw. Konzentration auf einen besonderen Augenblick und relative Kürze als Gattungskriterien heranzuziehen. Vielleicht mögen es diese Umstände auch einfacher machen, Texte als Haiku zu erkennen bzw. akzeptieren, die weder genau 17 Silben in der Aufteilung 5-7-5 enthalten noch eine andere Nachempfindung der ursprünglichen japanischen Form.
Solche Landmarken gibt es für das Tanka nicht, oder zumindest scheinen sie uns nicht so offensichtlich. Murō Saisei (1889–1962), ein Romanautor, der auch Haiku verfasste, jedoch keine Tanka, befand das Tanka als novellistisch (shosetsuteki), während er dem Haiku einen moralistischen Charakter (dotokuteki) zuerkannte. Was Sasei mit "novellistisch" meinte, ist, dass das Tanka narrative Elemente enthält und vom Kosmos menschlicher Befindlichkeiten – emotionalen, mentalen, spirituellen oder physischen – besiedelt sind. Solche menschlichen Befindlichkeiten stehen nicht im Zentrum des Haiku, wo die Natur – wie immer wir diese definieren möchten – vorherrscht, der Mensch in den Hintergrund tritt, um mit ihr im Gleichklang zu stehen [15].
Für jeden, der sich beginnt erstmals mit dem Tanka zu beschäftigen, können solche Ideen, Ausführungen und Diskussionen verwirrend sein, da sie den klar umrissenen und taghellen Raum der 31 Silben in fünf Zeilen in ein verwinkeltes Gebäude mit lichten und schattigen Flecken verwandeln. Dennoch sind differenzierte Betrachtungen nötig, denn so wenig wie alles, was in 5-7-5-7-7 Silben verfasst wird, auch ein Tanka ist, schließt eine Notierung abweichend von 31 Silben und fünf Zeilen aus, dass es sich um ein Tanka handeln kann!
Am Ende bleibt eines festzuhalten: eine einhundertprozentig getreue Übertragung der japanischen Tanka-Form in eine westliche Sprach ist unmöglich. Wir können nur versuchen, ihr auf verschiedene Weisen nahe zu kommen, auch dadurch eigene Wege zu gehen. Dies erfordert vielleicht einiges an Mut, jedoch noch mehr ein weiterreichendes Verständnis dessen, was ein Tanka ist oder sein kann. Dennoch ist es möglich, so paradox es auch scheint, sich dem Kern des Tanka zu nähern, indem man sich scheinbar von ihm entfernt.
Aus dieser Sicht – der eines Tanka-Autors – erfolgen auch ausdrücklich die angestellten Überlegungen, die gewissermaßen durch beschlagene Brillengläser erfolgen, da die verwendeten zusammengetragenen Darstellungen aus deutschen und anglophonen Übersetzungen bzw. Sekundärliteratur zusammengetragen sind.

Literatur
[1] Kawano, Yuko; Nagata, Kazuhiro (2017): For Instance, Sweetheart: Forty Years of Love Songs (1970-2010), Ginninderra Press.
[2] Sasaki, Yukitsuna; Klopfenstein, Eduard (Hg.) (2009): Gäbe es keine Kirschblüten … Tanka aus 1300 Jahren; Japanisch - Deutsch. 1. Aufl.: Reclam, Philipp, jun. GmbH, Verlag, S. 189.
[3] Uzawa, Kozue; Fielden, Amelia (2006): Ferris wheel. 101 modern contemporary tanka: Cheng & Tsui Co; Bilingual edition, S. 51.
[4] Ishikawa, Mina (2016): About Tanka. In: Jung Journal 10 (1), S. 32–36.
[5] Wenzel, Udo (10.09.2006): Der Geschmack des Tanka. Ingrid Kunschke im Gespräch mit Udo Wenzel. Interview mit Ingrid Kunschke. Online verfügbar unter: https://www.haiku-heute.de/archiv/kunschke-wenzel-der-geschmack-des-tanka/, zuletzt geprüft am 01.04.2021.
[6] Ishikawa, Takuboku; Schamoni, Wolfgang (1994): Trauriges Spielzeug. Gedichte und Prosa. 1. Aufl.: Insel Verlag (Japanische Bibliothek im Insel-Verlag).S. 175-176, 181.
[7] Linhart, Ruth (1971): Ishikawa Takuboku und der japanische Naturalismus. Ein Beitrag zur Ergänzung des Takuboku-Bildes in der japanischen Literaturgeschichte. Dissertation. Universität Wien, Wien. Institut für Japanologie.
[8] Hartmann, Sadakichi (2017): Tanka and Haikai: Japanese Rhythms. 1. Aufl.: Andesite Press.
[9] Garrison, Denis M. (Hg.) (2007): Jun Fujita, Tanka Pioneer. 1. Aufl.: Modern English Tanka Press. S. 59
[10] Garrison, Denis M. (Hg.) (2007): Jun Fujita, Tanka Pioneer. 1. Aufl.: Modern English Tanka Press. S. 16
[11] Barouch, Valeria: Das Tanka international Teil XX - Orrin PréJean. In: Einunddreißig, Bd. 32. Online verfügbar unter http://www.einunddreissig.net/ausgabe-februar-2021.html, zuletzt geprüft am 01.04.2021.
[12] Tawara, Machi; Carpenter, Juliet Winters; van Starrex, Rudi (1990): Salad anniversary. 1. Aufl. New York, N.Y: Distributed in U.S. by Kodansha International/USA.
[13] Ishikawa, Takuboku (2010): On Knowing Oneself Too Well: Selected Poems of Ishikawa Takuboku. Unter Mitarbeit von Tamae K. Prindle. 1. Aufl.: Syllabic Press.
[14] Tawara, Machi; Carpenter, Juliet Winters; van Starrex, Rudi (1990): Salad anniversary. 1. Aufl. New York, N.Y: Distributed in U.S. by Kodansha International/USA, S. 9.
[15] Gotō, Miyoko; Tsukimura, Reiko (1988): I am alive. The tanka poems of Gotō Miyoko, 1898 - 1978. 1. Aufl.: Katydid Books (Asian poetry in translation Japan, 10), S. 14.

Valeria Barouch & Tony Böhle

Tanka der Redaktionsmitglieder

Sturmwarnung –
ich sollte mich wohl fürchten
doch welch Leid
kann ein Wind bringen der mich
mit Kirschblüten bewirft

                – Valeria Barouch

Die Cola-Dose
öffnest du mit einem TSCCHHHT!!!
und saugst dir den Finger,
als hättest du gelernt: verletzt man dich,
zeig niemals, dass du blutest!
               – Tony Böhle

den Wettstreit
am Hochzeitstag wer wem
Frühstück serviert
sollen wir ihn nächstes Jahr
im Duell austragen

                – Valeria Barouch

Auch mit ihm scheint dich
eine Liebschaft zu verbinden:
Mit einer Geste
voller Unbekümmertheit
streift der Fahrtwind dir durchs Haar.
               – Tony Böhle

Valeria Barouch & Tony Böhle

Tanka-Auswahl Mai 2021

Aus den Einsendungen, die zwischen dem 1. Januar und dem 31. März 2021 eingereicht wurden, hat die Jury, bestehend aus Valeria Barouch und Tony Böhle, für die Mai-Ausgabe von Einunddreißig eine Auswahl von 27 Tanka getroffen. Jeder Teilnehmer konnte bis zu zehn Tanka einreichen. Die ausgewählten Texte stehen nachfolgend alphabetisch nach den Autorennamen aufgelistet. Die Jurymitglieder haben jeweils ein Tanka, das sie besonders angesprochen hat, hervorgehoben und kommentiert.

Valeria Barouch

Ein Tanka, die mich besonders anspricht

die Schwalben sind wieder
aus dem Süden zurück
höher und höher
der Stapel mit meinen
ungelesenen Büchern

                – Eva Limbach

Wer kennt es nicht das Sprichwort "Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer", oder je nach Land "...noch keinen Frühling". Sie sind jedenfalls ab Mitte März gerngesehene Frühlingsboten und die langsam erwachende Natur lockt uns dann auch aus den warmen Stuben zu immer längeren Wanderungen. Die steigenden Temperaturen sind bei vielen Menschen von einem Syndrom begleitet – dem SuB [1]. Dieser SuB kann auch unabhängig von den Jahreszeiten in ein RuB, TuB oder in ganz schlimmen Fällen in ein ZuB mutieren. Bis zum TuB sind die Wirkungen nicht schwerwiegend, man leidet höchstens an schlechtem Gewissen, welches durch Aufschieberitis ausgelöst wird. Letztere wiederum kann die verschiedensten Gründe haben. Der Frühling bringt zwar vieles zum Sprießen, doch beim Wachsen von Bücherstapeln ist er nicht der einzige Schuldige.  Leseratten lassen sich leicht zu mehr Käufen verleiten, als sie verdauen können. Bei so manchem Bestseller, stellen wir nach wenigen Seiten fest, dass wir uns vergriffen haben. Aber das Buch ist nun mal hier und wir versprechen uns, dass wir es irgendwann ganz sicher lesen werden. Ein RuB wird oft in bester Absicht angelegt und ist als eine Art "Altersvorsorge" gedacht. Das sind die dicken Schmöker und unzähligen Gattungen von Sachbüchern, denen wir uns widmen wollen, sobald wir genügend Zeit haben. Das Problem ist nur, diese gut bestückten Regale entstehen zu einer Zeit, in der wir noch ignorieren, dass man im Ruhestand keineswegs über mehr Zeit zum Lesen verfügt als früher. Jetzt ist der Moment gekommen sich endlich all den Interessen zu widmen, für welche im Berufsleben kein Platz war. Zu alten gesellen sich neue Liebhabereien oder vielleicht Freiwilligenarbeit und so bleibt die Wegzehrung für die Pension oft unangetastet. Für alle diese leichteren Fälle von Stapeleien gibt es ein schnell wirkendes Mittel mit Namen "Telefonzelle". Die Austauschbibliotheken helfen allerdings nur, wenn man seinen Stapel nicht gegen einen neuen austauscht.
Der interessanteste Haufen ist wohl der ZuB. Ein Zimmer ungelesener Bücher zeugt von einer ungewöhnlichen Sammelleidenschaft. Diese wurde lange Zeit als Bibliomanie, also als Krankheit angesehen. Mit dem Wort Bibliophilie wurde gegen Ende des 18. Jh. aus dem Laster eine Tugend. Wie dem auch sei, Bibliotheken verdanken sowohl der ‑manie wie auch der -philie ihre wertvollen Schätze, die über Jahrhunderte gesammelt, manchmal bedroht, zerstört und oft heldenhaft verteidigt wurden. Diese faszinierende Geschichte hat Richard Ovenden, Direktor der Bodleian Library in Oxford in "Bedrohte Bücher" festgehalten.
Doch kommen wir zum Tanka zurück. In Japan heißt das Anhäufen von ungelesenen Büchern Tsundoku. Das Wort taucht häufig in Zeitungen und auf Foren auf, fast immer begleitet vom Begriff "Krankheit", etwa im Sinne von "eine Leidenschaft ist etwas das notgedrungen Leiden schafft". Doch wie eine Schwalbe noch keinen Sommer macht, ist ein Stapel noch zu lesender Bücher kein Grund zu Schwarzmalerei. Im Gegenteil, ich sehe darin nur Quellen bevorstehender Abenteuer. Ein schönes Tanka, das mich zu einer interessanten Entdeckungsreise motiviert hat.

[1] SuB, RuB, TuB, ZuB auf Foren verwendete Abkürzungen für: Stapel..., Regal..., Tisch..., Zimmer ungelesener Bücher

Tony Böhle

Ein Tanka, das mich besonders anspricht

die junge Nachbarin
bringt den Müll raus
wie trostlos
wäre der Hinterhof
ohne sie

                – Frank Dietrich

Selten war ein schönes Zuhause so wichtig wie in den letzten Monaten. Durch den mehr oder weniger dauerhaften Lockdown und die Kontaktbeschränkungen bleibt auch nicht viel anderes übrig. Die Geschäfte jenseits des Grundbedarfs sind geschlossen, Treffen mit Freunden sind eingeschränkt und oft bleibt sogar der Kontakt mit Kollegen aus, weil das Homeoffice die neue Arbeitsstätte ist. Besonders hart trifft es dabei viele Menschen in den ohnehin schon „anonymen“ Großstädten. Ist man dann noch Single und frisch zugezogen wegen einer neuen Arbeitsstelle oder des Studiums, wird es ganz schnell vollkommen einsam. Und statt ein bisschen Ablenkung im Grünen gibt es nur die Tristesse der grauen Hinterhöfe in die man vom eigenen Balkonen aus blicken kann.
Den Eindruck eines solchen Hinterhofs, den das lyrische Ich als "trostlos" erlebt, bekommen wir durch das oben stehende Tanka vermittelt. Was für einen Grund sollte es also geben, sich diesen Anblick aufzubürden? Immerhin scheinen dort ja auch noch ein paar Mülltonnen zu stehen, die bei entsprechend warmem Wetter nicht nur einen unangenehmen Anblick verbreiten. Sicherlich kann man ein paar Sonnenstrahlen erhaschen oder in Ruhe eine Zigarette rauchen, ohne die Wohnung zu verräuchern. Doch dem lyrischen Ich scheint es hier um etwas anderes zu gehen. Es ist "die junge Nachbarin", die ihm wohl schon öfter aufgefallen ist, beim Herausbringen des Mülls. Diese erregte Bemerkung ist es auch schließlich, mit der das ganze Tanka beginnt! Ihr Anblick relativiert auch gleich die Trostlosigkeit des Hinterhofs, denn "trostlos" "wäre der Hinterhof / nur ohne sie". Wie erhellend ihr Anblick wahrgenommen werden muss, lässt sich aus dem Ungesagten im Tanka deuten. Wir bekommen keine Hinweise darauf, dass zu der jungen Nachbarin irgendeine Beziehung besteht. Für das lyrische Ich scheint sie namenlos zu sein, eben anonym, wie vielleicht das ganze Leben in der Stadt. Auch wird kein Blick, Lächeln oder ein nettes Wort ausgetauscht. Obwohl es sicher ein Einfaches wäre, sie einmal anzusprechen, wirkt die Nachbarin in der Szenerie geradezu entrückt, wie die Erscheinung aus einer anderen Welt. Unerreichbar.

Valeria Barouch & Tony Böhle (Auswahl)

Die Tanka-Auswahl

tanzender Staub
und Duft von frischem Kaffee
wir schweigen
und lächeln uns
ein Geheimnis zu

                – Christof Blumentrath

die letzte Reise
hat Vater angetreten
weise Worte
und seine Wanderstiefel
bleiben mir… zu groß

                – Gabriele Hartmann

dein treuer Blick
hinter ihm wächst dein Tod
liebe Freundin
trau’ ich mich, bei dir zu sein
wenn du die Augen schließt

                – Ralf Bröker

er küsst mich
mit einem Aroma von Erdnussbutter…
ich träume
vom erotischen Reiz,
der von Dieben ausgeht

                – Birgit Heid

ich hab dir
heute Morgen eine Blume
an die Eier gelegt
vor Rührung hast du sie
ohne Salz gegessen

                – Ralf Bröker

lass uns ein Eis essen,
sagt er leise, die Ersparnisse
schmelzen dahin
seit der Heimunterbringung
meiner Eltern

                – Birgit Heid

krummer Zweig
er erinnert sich
an die Last des Schnees
noch als er
in Blüte steht

                – Stefanie Bucifal

die erste offline-Besprechung
seit dem zweiten Lockdown
fühlt sich befreiend an –
doch ich merke, dass ich
menschenscheu geworden bin

                – Birgit Heid

in den Vorgärten
erste Zeichen
von Grün
etwas in mir
beginnt zu knospen

                – Stefanie Bucifal

wohin gehen wir
wenn der Kirschbaum wieder in
voller Blüte steht...
die Sandalen von damals
sind mir so fremd geworden

                – Eva Limbach

In fast jedem Baum
durchlichtet eine Wolke
von rauschendem Grün
so warm eine Umarmung
für Augen, Leib und Seele

                – Beate Conrad

die Schwalben sind wieder
aus dem Süden zurück
höher und höher
der Stapel mit meinen
ungelesenen Büchern

                – Eva Limbach

die Milchstraße
im schwarzen Spiegel
des Teichs
ein Wasserläufer
müsste man sein

                – Frank Dietrich

Chor der Zikaden;
dazwischen ein Vogelruf
so leicht und leise
Der Lärm einer fernen Stadt
brandet vor dem Klostertor.

                – Conrad Miesen

es war wohl nur
das Blinken
eines Flugzeugs
ich nehme
meinen Wunsch zurück

                – Frank Dietrich

Katzenkopfpflaster.
Es gibt Worte, die gehen
quer durch den Körper
und brunnentief ins Gemüt…
Übersetzen heißt finden!

                – Conrad Miesen

er muss sich irgendwie
durch den Traumfänger
gezwängt haben
der Traum in dem
eine Schlange mein Herz fraß

                – Frank Dietrich

der viele Schnee
von heute Früh
schon wieder fort
neiderfüllt
gedenke ich seiner

                – Jonathan Perry

die junge Nachbarin
bringt den Müll raus
wie trostlos
wäre der Hinterhof
ohne sie

                – Frank Dietrich

Wie sie es auch schüttelt
das leere Schachtelchen
meine Tochter
die Dunkelheit
will einfach nicht heraus

                – Jonathan Perry

die Sonne sinkt
das Spektrum des Rot
hinab
die Erde dreht sich
tiefer und tiefer ins Blau

                – Frank Dietrich

Ausräumarbeiten.
Die verstorbene Tante
lebte zurückgezogen.
Ihr Leiden dokumentiert
in der Hausapotheke.

                – Wolfgang Rödig

an der Kreuzung
mein Verstand nimmt
den Weg nach Hause
meine Erinnerung
den Weg zu dir

                – Frank Dietrich

im alten Kirchhof
ich träume den marmornen
Engel als Buddha
der Mond steht gut und man sieht
ihr Gemeinsames – Lächeln

                – Dyrk-Olaf Schreiber

Flohzirkus
einfangen will ich
meine Lügen
doch sie springen
in alle Richtungen davon

                – Frank Dietrich

Dein Besuch
und soviel Vorbereitung
für ein Glücksgefühl
das kurz nur ins Bewusstsein steigt –
und dennoch

                – Angelica Seithe

um die alte wäschestange
wachsen veilchen
wie segel blähten sich
die laken
als ich klein war…

                – Ruth Guggenmos-Walter

Beate Conrad
Gedehnt in Cis

Mein Gehirn passt perfekt die Bodenfarben der Übzelle in meine Vorstellung ein, hat aber Probleme, mit dem Linien- und Punktmuster der Partitur mitzuhalten. Ich war schon immer besser darin, die Zeit in der Musik zu begreifen, als ein Musikstück in der Zeit, also in korrektem Tempo zu spielen.  Mit oder ohne Hilfe des Metronoms lassen Spike-Proteine nun meine Tage ineinandergleiten

 Königreich in Moll
 wie die Mondscheinsonate
 doch ohne Echo
 auszuloten bleibt dieses
 Paradoxon der Tiefe

die Anatomie
meine Unzufriedenheit
Fanfarensignal
einer prägnanten Pause
in leeren Konzertsälen

Als Doppel- oder Spiegel-Tanka:  Eine Parallelform des Ineinanderfließens und gegenseitigen Spiegelns bei gleichzeitiger Eigenständigkeit der Einzeltanka.

Horst Ludwig
Tanka-Prosa

Auf meinen Fahrten von der Mitte des nordamerikanischen Kontinents, wo ich wohne, nach Seattle, wo meine Töchter jetzt wohnen, beeindruckt mich immer wieder, wie die mächtigen Bergketten in den Blick kommen, die Black Hills, hinter die die Abendsonne sinkt, heilige Berge für die Kultur der Sioux-Indianer, die Rocky Mountains, auf deren verschneite Felsengipfel die Morgensonne scheint und die zu durchqueren auch heute noch eine echte Herausforderung ist. Früher, auf Ferienreisen und oft mit Besuchern aus Deutschland, fuhr ich auch zu weiter abliegenden Nationalparks und Gedenkstätten; aber die sind mir eingeprägt und ich erlebe noch im Geiste Erdgeschichts- und Naturgeschichtsperioden und die kulturellen Leistungen großer spiritueller Führer wie Sitting Bull und Seattle. Am Little-Bighorn-Schlachtfeld halte ich aber auch heute noch immer, denn es liegt gleich an meiner Straße und es ist meist meine Mittagszeit, und der Hauptvortrag, von Forschern mit verschiedenen Sichten, ist immer lehrreich.

   Nunmehr bin ich alt,
   sofagebunden, und wie
   alles einem schmerzt.
   Spät nachts seh ich oft den Mond
   in den Westen sich senken.

Wettbewerbe, Termine und Veranstaltungen

Fleeting Words Tanka-Wettbewerb 2021
Die United Haiku and Tanka Society (UHTS) bittet um Einsendungen für ihren jährlich stattfindenden Fleeting Words Tanka Contest. Bis zu 10 Tanka in englischer Sprache können für den Wettbewerb von 1.-31. Mai 2021 über die Webseite der UHTS eingereicht werden. Die Teilnahme ist kostenlos und eine Mitgliedschaft in der UHTS ist nicht erforderlich. Alle weiteren Informationen und die Teilnahmebedingungen sind auf der UHTS zu finden: https://unitedhaikuandtankasociety.com/contest-submission-guidelines

Sanford Goldstein International Tanka Contest 2021
Für den Sanford Goldstein International Tanka Contest der Tanka Society of America können noch bis zum 31. Mai 2021 Beiträge eingereicht werden. Die Teilnahme steht sowohl Mitgliedern als auch Nichtmitgliedern offen. Tanka in englischer Sprache können in beliebiger Zahl eingereicht werden. Alle weiteren Details finden sich auf der Homepage der TSA:

nächste Ausgabe

Die nächste Ausgabe von Einunddreißig erscheint am 15. August 2021. Der Einsendeschluss ist der 30. Juni 2021. Für die Einsendung von Beiträgen bitte ich, die Teilnahmebedingungen zu beachten.

(C) 2020
Alle Rechte bei Tony Böhle und den Autoren.
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