Ausgabe Februar 2018 - Einunddreißig

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Ausgabe Nr. 20 Februar 2018

Editor: Tony Böhle

Artikel und Essays
Editor: Valeria Barouch

von Valeria Barouch & Tony Böhle

Editoren: Valeria Barouch & Tony Böhle

Tanka-Bilder / Foto-Tanka
Editoren: Valeria Barouch & Tony Böhle

Tanka-Prosastücke
Editoren: Valeria Barouch & Tony Böhle

Tanka-Sequenzen
Editor: Tony Böhle

Mitteilungen
Editor: Tony Böhle

Tony Böhle

Editorial

Ich erinnere mich an meine Großmutter, die gern alte Fotoalben durchblätterte und dann gelegentlich seufzte "ja, wie die Zeit vergeht". Für ein Kind, dem damals noch die Vorstellung von Jahren und Jahrzehnten fehlte, waren solche Aussprüche kaum greifbar. Als Valeria und mich beim Erstellen der mittlerweile 20. Ausgabe von Einunddreißig dann Glückwünsche und das eine oder andere Geschenk erreicht haben, begann ich nachzudenken. Tatsächlich waren schon fünf Jahre seit der ersten Ausgabe ins Land gegangen. Und plötzlich passierte es mir auch… "wie doch die Zeit vergeht"!
Am Anfang war ich mir noch recht unsicher, ob sich Einunddreißig lange halten würde, überhaupt ein ausreichendes Interesse am Tanka besteht, die Idee einer reinen online-Zeitschrift von Autoren und Lesern angenommen werden würde oder ob sich die Mühe für ein so unsicheres Unterfangen lohnt. Umso erleichterter kann ich sagen, dass die Antwort fünf Jahre später lautet "ja"! Und noch viel mehr als das – mittlerweile hat sich das deutschsprachige Tanka als eigenständige Form neben seinem wesentlich berühmteren Verwandten, dem Haiku, etabliert, obwohl es noch immer etwas in seinem Schatten steht. Unter den Autoren hat es ebenfalls eine treue Anhängerschaft gefunden. Immerhin ist die Mehrzahl derer, die im Jahr 2012 mit ihren Tanka in die erste Ausgabe starteten, heute noch dabei und auch neue Namen finden sich immer wieder in den Autorenlisten. Besonders freut mich jedoch, dass Einunddreißig ein übernationales Magazin geworden ist, das nicht nur in Deutschland sein Publikum gefunden hat. Dies spiegelt sich nicht zuletzt in der Erweiterung der Redaktion wieder, der seit März 2017 Valeria Barouch angehört und es ermöglicht, dass das mit dem Erfolg des Magazins gestiegene Arbeitspensum noch bewältigt werden kann. Denn nicht nur was das Tanka selbst betrifft, ist einiges geschehen, sondern auch in seinen verwandten Formen. Neben der Tanka-Auswahl, mit der das Magazin als Herzstück einmal gestartet war, machen die Sonderbeiträge mittlerweile den Großteil der Ausgaben aus. Tanka-Sequenzen erfreuen sich immer größerer Beliebtheit und in kaum einer Nummer dürfen Tanka-Bilder oder Tanka-Prosastücke fehlen.
Zuletzt bleibt noch der Blick in die Zukunft. Was wohl noch alles geschehen wird, welche Neuerungen, Projekte und Experimente angestoßen werden, lässt mich mit Spannung auf jede neue Ausgabe warten. Doch letztendlich sind es die Einsender, die mit ihrem Engagement, Ideen und Texten das weitere Schicksal von Einunddreißig bestimmen werden, dessen neueste Ausgabe nun online steht.

Valeria Barouch

Das Tanka international Teil VIII - Lavana Kray

Lavana Kray stammt aus Iaşi, Rumänien. Sie widmet sich mit Leidenschaft dem Schreiben und der Fotografie, wobei die Natur und persönliche Erlebnisse die Quellen ihrer Inspiration sind. Ihr erstes Foto-Haiku-Buch erschien 2017 unter dem Titel "Tempo rubato".
Als Fotografin nahm sie an einigen Kollektivausstellungen teil und organisierte ebenfalls zwei eigene in ihrer Heimatstadt.
Die World Haiku Association wählte einige ihrer Werke für die Foto-Haiku-Ausstellung, die im Rahmen der Konferenz 2017 in Parma, Italien, stattfand.
Sie gewann verschiedene Preise und war WHA Master Haiga Artist 2015. Ihre Arbeit ist in einer großen Anzahl von gedruckten und digitalen Medien erschienen: Haiku Canada Review, Haiku Masters, The Mainichi, Ginyu, Daily Haiga, Haiga Online, Ribbons, Atlas Poetica, Eucalypt, Cattails, Chrysanthemum, Diogen, Bamboo hut, Cirrus: tankas de nos jours, Revue du Tanka francophone, etc.
Sie war ebenfalls unter den Haiku Euro Top 100 im Jahr 2016. Ihr Blog ist: http://photohaikuforyou.blogspot.ro

après ton départ
la vie a pris la touche
d'un chocolat périmé 
l'empreinte
de mes dents
                 Cirrus no 8, 2017

nach deinem Weggang
hat das Leben den Geschmack 
verfallener Schokolade 
der Abdruck 
meiner Zähne

encore un dimanche
quand il sort
avec ses copains...
le parfum
de l'autre femme
                 Cirrus no 7, 2017

wieder ein Sonntag
wo er ausgeht mit
seinen Freunden...
das Parfum
der anderen Frau

Il a neigé
sur le bois de chauffage
toute la nuit 
un peu de vin rouge
dans ton verre d'hier
                 Cirrus no 6, 2016

Auf das Brennholz 
ist Schnee gefallen 
die ganze Nacht 
ein Rest von Rotwein 
in deinem Glas von gestern

pas de questions
sur le récent diagnostic 
elle orne
l'arbre de Noël
dans une nuit d'août
                 Cirrus no 6, 2016

keine Fragen
zur jüngsten Diagnose 
sie schmückt
den Weihnachtsbaum
in einer Augustnacht

a midnight train
dwindling with you...
only my eyes
need several minutes
to adjust to darkness
                 Cattails, Sept. 2016

ein Mitternachtszug
entschwindet mit dir...
nur meine Augen
brauchen Minuten um sich
dem Dunkel anzupassen

le gong de minuit
fait tomber les ailes de l'horloge
une après l'autre...
je tiens à t'écrire quelques lignes
mais c'est l'encre qui tremble
                 Revue du tanka francophone,
                 no 28, 2016

der Mitternachtsgong
lässt die Flügel der Uhr fallen
eine nach der anderen...
ein paar Zeilen möcht' ich dir schreiben
doch nun zittert die Tinte

my life
as the colorless fluid
of sky...
a wounded crane looks
at the migrating flock
                 The Bamboo Hut - Spring 2016

mein Leben
wie das farblose Fluid
des Himmels...
ein verletzter Kranich schaut
dem ziehenden Schwarm hinterher

old manor 
dragging out
his few remaining days
dad plants
chrysanthemums
                 International Tanka Festival
                 Karuizawa 2016, Award of Excellence

der alte Gutshof –
sich durch seine wenigen 
bleibenden Tage quälend 
pflanzt Vater 
Chrysanthemen

first snowflakes
on the wreckage
of a boat...
the same dog from yesterday
waiting on the shore
                 Eucalypt, no 7, 2014

erste Schneeflocken 
auf das Wrack
eines Bootes... 
derselbe Hund wie gestern 
wartet am Ufer

black tulips
swept away by the storm 
in the basket of the florist
nothing but her hands
affected by vitiligo
                 Atlas Poetica 25, June 2016

schwarze Tulpen
vom Sturm hinweggefegt 
im Korb der Blumenhändlerin
nichts außer ihrer Hand
von Vitiligo betroffen

Übersetzt und veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung der Autorin.

Haruhiko Ichinomura
Warum Einunddreißig? - Die Unizitätlsänge eines Gedichtes

Das Tanka ist ein 31-silbiges Gedicht aus Japan und besteht aus 5-7-5-7-7 Silben. Seine Entstehung kann bis in die Zeit vom 4. bis zum 8. Jahrhundert zurückverfolgt werden. Man kann wohl sagen, dass das Tanka ein extrem kurzes Gedicht ist, das nach über tausend Jahren immer noch lebendig ist. Natürlich können wir einige kurze deutsche Gedichte anführen.


     KLANG, nichtmehr mit Gehör
     messbar. Als wäre der Ton,
     der uns rings übertrifft,
     eine Reife des Raums.
                 –  Rainer Maria Rilke (1875-1926)

KLANGnichtmehrmitGehörmessbarA
lswärederTonderunsringsübertri
ffteineReifedesRaums
80 Buchstaben


     ROSE, oh reiner Widerspruch, Lust,
     Niemandes Schlaf zu sein unter soviel
     Lidern.
                 –  Rainer Maria Rilke (1875-1926)

ROSEohreinerWiderspruchLustNie
mandesSchlafzuseinuntersovielL
idern
65 Buchstaben


     Im Tor schon
     hobst du den Blick.
     Wir sahen uns an.

     Eine große Blüte stieg
     leuchtend blass
     aus meinem Herzen.
                 –  Hilde Domin (1909-2006)

ImTorschonhobstdudenBlickWirsa
henunsanEinegroßeBlütestiegleu
chtendblasausmeinemHerzen
85 Buchstaben


     Nicht müde werden
     sondern dem Wunder
     leise
     wie einem Vogel
     die Hand hinhalten.
                 –  Hilde Domin (1909-2006)

NichtmüdewerdensonderndemWunde
rleisewieeinemVogeldieHandhinh
alten
65 Buchstaben


Auch das Haiku ist ein besonders kurzes Gedicht, vielleicht das kürzeste.


     夏草や兵どもが夢の跡  ([4], S. 57, S. 106)

     A mound of summer grass:
     Are warriors’ heroic deeds
     Only dreams that pass?
                 –  Matsuo Basho (1644-1694)

AmoundofsummergrassArewarriors
heroicdeedsOnlydreamsthatpass
59 Buchstaben


     閑さや岩にしみ入る蝉の声  ([4], S. 62, S. 109)

     In this hush profound,
     Into the very rocks it seeps –
     The cicada sound.
                 –  Matsuo Basho (1644-1694)
 
InthishushprofoundIntotheveryr
ocksitseepsThecicadasound
55 Buchstaben


Diese Beispiele sind zwar nicht genug, aber man kann sagen, je länger das Gedicht ist, desto verständlicher wird es. Das gilt ähnlich auch für Entschlüsselungen. Im Entschlüsselungsfall gibt es die Unizitätslänge oder Eindeutigkeitsdistanz ([2], S. 66).
 
Eine Unizitätslänge ist die Größe, mit der diejenige Länge eines Textes gemeint ist, die dieser mindestens aufweisen muss, damit er als eindeutige Lösung eines Geheimtextes aufgefasst werden kann.

Die Unizitätslänge einer monoalphabetischen Substitutions-Chiffre beträgt zum Beispiel 25 Buchstaben ([2], S. 67). Also braucht es über 100 Jahre, um folgende Kirchhoff-Chiffre aus 13 Buchstaben zu entschlüsseln.

Kirchhoff-Chiffre (1794) ([1], S. 64)



Der Schlüssel ist



und der Originaltext oder Klartext ist "rememberdeath" d. h. "Remember death".

Wie also entschlüsselt man diese Chiffre? Es gibt 4 Methoden ([2], S. 26, und https://de.wikipedia.org/wiki/Kryptoanalyse). Von oben nach unten wird der Angriff einfacher. Hier bedeutet der Angriff oder die Entschlüsselung, dass der Angreifer den Schlüssel findet.

Geheimtext einzig (ciphertext only attack)
Der Angreifer kennt einen oder mehrere Geheimtexte und versucht mit deren Hilfe, auf den Klartext beziehungsweise den Schlüssel zu schließen.
bekannter Klartext (known plaintext attack)
Der Angreifer besitzt Geheimtext(e) und die/den zugehörigen Klartext(e). Beide werden benutzt, um den Schlüssel zu ermitteln.
selbst gewählter Klartext (chosen plaintext attack)
Hierbei kann der Angreifer (Kryptoanalytiker) die zu verschlüsselnden Klartexte frei wählen und hat Zugang zu den entsprechenden Geheimtexten.
selbst gewählter Geheimtext (chosen ciphertext attack)
Der Angreifer hat temporär die Möglichkeit, Geheimtexte seiner Wahl zu entschlüsseln.

Die Deutung eines Gedichtes ist auch eine Entschlüsselung wie "Geheimtext einzig". Der Leser (Angreifer) kann die Absicht (Schlüssel) des Autors nur durch sein Werk verstehen, und mehr Gedichte geben dem Leser nähere Auskünfte.

Hier möchte ich ein Beispiel aus "In Thickets of Memory" von Fumi Saito (1909-2002, [3]) erläutern. Fumi Saito war die Tochter des Generalmajors und Tanka-Dichters Ryu Saito (1879-1953). Er wurde festgenomen im Zusammenhang mit der "Militärrevolte in Tokyo vom 26. Februar 1936". Das Gericht war nicht gerecht, und nach dem Krieg wurde er rehabilitiert. Dennoch verlor Fumi zwei ihrer befreundeten Offiziere durch Erschießungen. In der Zeit vor und nach dem Krieg waren Unglück und Probleme allgegenwärtig, aber Fumi war dazu noch Angehörige eines Verurteilten. Deshalb sind ihre Tanka sehr persönlich und auch eigen. Sie verschüsselt manchmal eine Seite ihrer unterdrückten Gefühle als einen Code "鬼 (Oni)" Dämon. Es gibt acht Tanka, die Oni verwenden in "In Thickets of Memory". Die durchschnittlich 92,5 Buchstaben dieser acht Tanka sind genug, den Code zu lösen:


     鬼火よりさびしきいろに眼を燃せば夜のほどろにひらくゆふがほ  (S. 176)

     Burning my eyes to
     a flame more solitary
     than will-o’-the-wisps –
     in the depths of night, flowers
     of bottle gourds opening.

Burningmyeyestoaflamemoresolit
arythanwillothewispsinthedepth
sofnightflowersofbottlegourdso
pening
96 Buchstaben


     先行くも鬼と知りつつ從 (つ) きて來しわれの一期 (ご) の身の捨てどころ  (S. 176)

     I went on, knowing
     full well I was following
     another demon,
     to the place where my body’s
     life was to be cast away.

IwentonknowingfullwellIwasfoll
owinganotherdemontotheplacewhe
remybodyslifewastobecastaway
88 Buchstaben


     振りむかば形相 (ぎやうさう) は鬼 坂道をのぼりつくしし逆光の中  (S. 194)

     If I turn back now
     my face must appear to be
     that of demon
     after climbing to the top
     of the hill against the light.
 
IfIturnbacknowmyfacemustappear
tobethatofdemonafterclimbingto
thetopofthehillagainstthelight
90 Buchstaben


     爪燃せば鬼が來るとふ 堕ちてゐるひとりの夜のそれも客人 (まろうど)  (S. 214)

     If we burn our nails,
     so people say, the devil
     will appear. – At night,
     as I am sinking down, even he
     is my welcome visitor.
 
Ifweburnournailssopeoplesaythe
devilwillappearAtnightasIamsin
king downevenheismywelcomevisit
or
92 Buchstaben


     老いはてて盲母 (はは) が語るは鬼語ならむわれの視えざるものに向かひて  (S. 222)

     My blind mother, who
     touches the end of old age –
     faced with the thing I
     cannnot see – is that the tongue
     of demons she is speaking?
 
Myblindmotherwhotouchestheendo
foldagefacedwiththethingIcannn
otseeisthatthetongueofdemonssh
eisspeaking
101 Buchstaben


     花見ると鬼もやさしきまなこせむ我はもとよりふはふはとなる  (S. 228)

     To view the cherry
     blossoms, even a demon
     might soften his glance.
     – But I, from the very start,
     grow utterly frivolous.
 
Toviewthecherryblossomsevenade
monmightsoftenhisglanceButIfro
mtheverystartgrowutterlyfrivol
ous
93 Buchstaben


     鬼の顔に黒き眼鏡を描きゆけば涙をかくす誰やらに似る  (S. 318)

     As I draw the dark
     sunglasses on the face of
     a demon, it starts
     to resemble somebody
     I know well, hiding her tears.

AsIdrawthedarksunglassesonthef
aceofademonitstartstoresembles
omebodyIknowwellhidinghertears
90 Buchstaben


     鬼の役たのしと言へり生真面目 (きまじめ) に生きて吼 (ほ) えたる日のあらざれば  (S. 374)

     I really love
     playing the role of devil –
     living seriously
     allowed not even one day
     when I could let myself howl.
 
Ireallyloveplayingtheroleofdev
illivingseriouslyallowednoteve
nonedaywhenIcouldletmyselfhowl
90 Buchstaben


Weil das Tanka ein Gedicht ist, das die Gefühle des Autors ausdrückt, steht "鬼 (Oni)" für Fumis Zorn. Aber dieser Zorn ist nicht glühend rot, sondern kalt, wie blaues Irrlicht. Wir können den Vorgang des Verständnisses mit folgendem Bild illustrieren.



Dieser Vorgang ist dem Prozess des asymmetrischen Kryptosystems sehr ähnlich.


 
Also vermute ich, dass ein Gedicht auch eine Unizitätslänge besitzen muss. Vielleicht sind einunddreißig Silben, d. h. 90 ~ 100 Buchstaben mehr als die "Gedicht-Unizitätlslänge".
Die siebzehn Silben des Haiku sind noch immer größer als die Gedicht-Unizitätslänge, aber ist nicht ausreichend, um für Laien leicht verständlich zu sein. Deshalb glaube ich, als Basho "Auf schmalen Pfaden durchs Hinterland" schrieb, hatte er das Jahrezeiten-Lexikon im Sinn.

Grundlage für diesen Aufsatz ist eine japanischsprachige Arbeit, welche der Verfasser gemeinsam mit Professor M. Yamasita verfasst hat: "Tanka and short poems as asymmetric cryptography. JIIARS (ISBN 2433-0205), Vol.1 No.1 (2017), 123-128."
Schließlich danke ich Herrn Dr. R. J. Grinda für das Korrekturlesen.
 
Literatur
[1] D. E. R.Denning, Cryptography and data security. Addison-Wesley 1983
[2] D. G. Stinson, Cryptography, Theory and Practice, 3rd ed. CRC Press, 2006
[3] Fumi Saito, In Thickets of Memory. Miwa-Shoten, 2002 (齋藤史歌集, 記憶の茂み [和英対訳], ジェイムス・カーカップ, 玉城周訳. 三輪書店 2002)
[4] A Haiku Journey, Basho’s Narrow Road to a Far Province. Kodnsha Internatinal, 2002 (松尾芭蕉, 奥の細道 (英文版), ドロシー・ブリトン訳. 講談社インターナショナル (株) 2002)

Valeria Barouch & Tony Böhle

Tanka der Redaktionsmitglieder

Hobarts Hafen 
verlockend glänzt der Apfel
in der Abendsonne
ein weher Biss in die Erkenntnis
den Ort zum letzten Mal zu sehen

                 – Valeria Barouch

kurz leuchten sie auf
im Schein der Straßenlampen
und verblassen wieder:
Schneeflocken wie Menschen,
keiner gleicht dem anderen

                 – Tony Böhle

Hello Hello 
er wird uns wohl überleben
Nachbars Papagei
wär' es nicht an der Zeit
ihm bye bye beizubringen

                 – Valeria Barouch

vom Schnee bedeckt
steh‘n sie in sorgenvoller
Haltung da –
wie menschlich wirken heut' Nacht
die Lindenbäume im Park

                 – Tony Böhle

Valeria Barouch & Tony Böhle

Tanka-Auswahl Februar 2018

Aus den Einsendungen, die zwischen dem 1. November 2017 und dem 31. Dezember 2017 eingereicht wurden, hat die Jury, bestehend aus Valeria Barouch und Tony Böhle, für die Februar-Ausgabe von Einunddreißig eine Auswahl von 24 Tanka getroffen. Jeder Teilnehmer konnte bis zu zehn Tanka einreichen. Die ausgewählten Texte stehen nachfolgend alphabetisch nach den Autorennamen aufgelistet. Die Jurymitglieder haben jeweils ein Tanka, das sie besonders angesprochen hat, hervorgehoben und kommentiert.

Valeria Barouch

Ein Tanka, das mich besonders anspricht

Auf welken Blättern
Schreibt mir ein Doppelgänger
Vergangener Tage.
Denn ich bin schon ein anderer,
Oder etwa nicht?
                 – Roman Rausch

Ein Tagebuch schreiben ist fotografieren mit einem Bleistift, so das Zitat eines Unbekannten. Was immer die welken Blätter sein mögen, dieses Tanka lässt mich an Fotos in Sepiabraun und an Tagebücher denken, denn sie haben vieles gemeinsam. Sie sind Erinnerungsträger, die uns verflossene Tage näher bringen sollen, in die wir uns später oft nicht mehr hineinversetzen können.
Tagebücher werden mit Vorliebe in jungen Jahren begonnen, zur Zeit der Persönlichkeitsbildung und so ist es denn auch nicht erstaunlich, dass man später beim Lesen vom Gefühl heimgesucht wird, in das Leben eines  Doppelgängers einzudringen. Die mit dem Bleistift fotografierte Innenwelt verbleicht oft noch schneller als Fotos. Es müssen keineswegs viele Tage vergehen, um Geschriebenes in welke Blätter zu verwandeln. Bei Fotos wird der Abstand zwischen gestern und heute entweder mit Erheiterung oder Wehmut quittiert und beschränkt sich meistens auf Oberflächliches: Sah ich so aus damals? Beim Geschriebenen ist das Wiedersehen mit sich selbst mehr auf dem Niveau des Reifungsprozesses und kann ambivalente Gefühle hervorrufen. Der Autor dieses Tanka drückt dies ganz treffend aus: "Denn ich bin schon ein anderer, oder etwa nicht?"
Doppelgänger treffen wohl besonders jene, die ein Tagebuch schreiben, das sie gerne geheim halten möchten, in dem sie ehrliche, ungeschminkte Gedanken niederlegen. Der Schock der Begegnung ist  auch heftiger, je größer die Zeitspannen zwischen den Eintragungen.
Daneben gibt es Tagebücher, in denen der Schreiber zweifellos nur die Person trifft, die auch der Rest der Welt entdecken soll  nämlich Bücher, die im Hinblick auf eine Veröffentlichung verfasst werden. Verständlicherweise, braucht es für die Weltbühne einen präsentablen Doppelgänger  ein leicht geschminkteres Ich, als jenes, das sich zwischen schützenden Buchdeckeln alleine wähnt.
Da drängen sich mir spontan auch Bilder von zwei Arten von Notizbüchern auf. Das mit dem niedlichen Schloss  mehr Schmuck als Schutz  im ersten Fall und das Moleskin im zweiten. Ja, auch die "Maulwurfshaut" (mole skin) ist ein Prominenter, der hinter einem glamourösen Lebenslauf eine viel bescheidenere Herkunft verbirgt.
Wussten Sie, dass die Forschung sich nicht nur für Persönlichkeiten als Zeitzeugen interessiert, sondern auch für unsere Alltagsgeschichten? Seit 1998 sammelt das Deutsche Tagebucharchiv (http://tagebucharchiv.de/) Erinnerungen aus dem deutschen Sprachraum.  Es soll Leute geben, die bereits zu Lebzeiten jedes vollgeschriebene Buch gleich selbst dorthin senden.
Da stelle ich mir wieder die Frage, wen trifft man da zwischen den Seiten? Jemand, der im Laufe der Zeit authentische Doppelgänger hinter sich lässt? Ist es im Grunde genommen nur ein papierener Blog? In unserer digitalisierten Welt ist doch das Tagebuch längst ein anderes geworden  oder etwa nicht?

Tony Böhle

Ein Tanka, das mich besonders anspricht

Dieser Abend ist still
Auch das wehende Gras
kam zur Ruhe, erstarrte
 
Langsam gehe ich nun
dem Winter entgegen
                 – Reiner Bonack

Wie unterschiedlich doch die Assoziationen sind, die wir mit dem Winter verbinden. Dies war mein erster Gedanke, als ich einige der Tanka-Einsendungen für die Februar-Ausgabe gelesen hatte.
Aus kindlicher Erinnerung heraus mögen die Winterzeit und der Anblick von frisch gefallenem Schnee viele mit einem Gefühl innerer Freude und Besinnlichkeit erfüllen. Frost und Schnee – vielleicht Dinge, die man als Kind mit dem Weihnachtsfest verbunden hat. Für andere ist der Winter die Zeit von Kälte, Einsamkeit und Depression, so wie sie auch in Schuberts Vertonung von Wilhelm Müllers Winterreise zu finden ist. Auch wenn es hier vordergründig um Auszug eines jungen Mannes in die Welt nach einer verlorenen Liebe geht, steht doch das Motiv der erstarrten, zurückweisenden winterlichen Landschaft als Bild für die gesellschaftliche und politische Erstarrung der Metternich-Jahre subtil im Hintergrund.
Auch Reiner Bonack verarbeitet das Motiv der Erstarrung in seinem Tanka. Hier aber nicht auf gesellschaftliche Umstände bezogen, sondern auf die persönliche Empfindung des Alterns. Die abendlich Stille, die Erstarrung des Grases im Frost, hier zunächst als natürliche Erscheinungen genannt, werden wohl vom lyrischen Ich als Widerhall des inneren Empfindens verstärkt wahrgenommen. Das Gefühl von Stille und Einsamkeit mag wohl für das fortschreitende Alter symptomatisch sein: die Kinder haben das elterliche Haus verlassen, ein eigenes Leben und wenig Zeit, vielleicht sind schon einige der einstigen Weggefährten oder gar der langjährige Partner verstorben und das Rentenalter mit dem Abschied von Arbeit und Kollegen rückt näher. Das lyrische Ich ist sich wohl dieser Situation bzw. der kommenden Umstände des Lebensabends bewusst, wie das erste Segment mit dem Worten: "Dieser Abend ist still" zeigt.
Das Bild des erstarrenden Grases wird im Tanka als Prozess (wehend - kam zur Ruhe - erstarrte) angelegt und so ein Blick von der eigenen Vergangenheit ("das wehende Gras") über die Gegenwart ("kam zur Ruhe") zur Zukunft ("erstarrte"). Zunächst scheint dieser Vorgang noch positiv besetzt zu sein: In jungen Jahren von den Herausforderungen und Härten des Lebens noch hin und her geworfen wie Gras im Wind, folgt irgendwann die Ruhe und Gelassenheit des mittleren Alters. Das weitere Fortschreiten, das Erstarren, des hohen Alters (nicht nur in Ansichten und dem Nachlassen geistiger Fähigkeiten, sondern auch im physischen Sinn), wirkt dann nicht erstrebenswert.
Mit diesem Bild der Natur vor Augen, geht das lyrische Ich "dem Winter entgegen", akzeptiert, was es nicht ändern kann. Wohl aber in dem Wissen, das ihm bis dahin noch etwas Zeit bleibt, wie die Einschränkung "langsam" im vierten Segment zeigt. Ein ruhiges, gelassenes Tanka, das unter seiner glatten Oberfläche doch tief schürft.

Valeria Barouch & Tony Böhle (Auswahl)

Die Tanka-Auswahl

Nach so langer Zeit...
dennoch haben wir uns gleich
wiedererkannt und

sind aneinander vorbei-
gegangen wie zwei Fremde.

                 – Stefan Blaschke

eintauchen
ins aquamarin
deiner augen
tiefer und tiefer
soweit der atem reicht

                 – Frank Dietrich

schweigende Stille
quillt süsslich in den Morgen
Sonntagseinsamkeit
frisch gepflückte Narzissen
leuchten mit gelber Kälte

                 – Benjamin Bläsi

allein
am Silvesterabend
die graue Leere
am Ende
des Kalenders

                 – Frank Dietrich

ein roma im sonntagsanzug
spielt auf der geige
vor dem supermarkt
 
wie im konzertsaal entrückt
schließt er die augen

                 – Gerald Böhnel

Herzliche Grüße
per WhatsApp und ein Foto
vom Weihnachtsgebäck
sorgfältig dekoriert mit
knallbunten Liebesperlen

                 – Eva Limbach

Funkelnde Stille
zwischen Düne und Wald
Nach der Sturmnacht
tropft von der kleinen Kiefer
das Meer

                 – Reiner Bonack

und wenn ich wieder
mit dem Rauchen beginne
ohne jeden Grund
so wie der Frühlingsregen
aufs brachliegende Land fällt

                 – Eva Limbach

Dieser Abend ist still
Auch das wehende Gras
kam zur Ruhe, erstarrte
 
Langsam gehe ich nun
dem Winter entgegen

                 – Reiner Bonack

was geblieben ist
vom ersten Schnee
die flüchtige Illusion
wir könnten uns voreinander
verbergen

                 – Eva Limbach

Bis an ihr Ende
ging sie Umwege zur Stadt
Einmal, leise, der Satz
 
Über die Brücke
fuhr damals dein Vater davon

                 – Reiner Bonack

noch ein Gläschen
von dem alten Single Malt
für Vater und mich
und dann frag ich ihn endlich
wie er schmeckt  dieser Winter

                 – Eva Limbach

über die Buchseiten
leuchtet das erste Grün
weiter Felder
in das Nimmerzurück
des Handlungsreisenden

                 – Ralf Bröker

Frierende Vögel
am Futterhäuschen und wir
Dezember-Kinder
hungern so sehr nach dem Licht
trotz Neon-Festbeleuchtung...

                 – Miesen Conrad

Schwerlich etwas Rast
auf ihrer langen Reise
ein paar Lichtpunkte
suchen hier und suchen da
wohl Menschen, die menschlich sind

                 – Beate Conrad

Auf welken Blättern
Schreibt mir ein Doppelgänger
Vergangener Tage.
Denn ich bin schon ein anderer,
Oder etwa nicht?

                 – Roman Rausch

Früher zu Hause,
erst gabs Bowle, dann gab's Krach
zur Silvesternacht.
Nun ist alles zugeschneit,
als stünd sie still, die Zeit.

                 – Beate Conrad

Kastanien im Sand
der kleine Junge wäscht sie
in einer Pfütze
sie verwandeln sich - werden
Äpfel, Birnen, Kirschen

                 – Helga Schulz Blank

spiegelglatter see
du wirfst ein wort
in die stille
es springt drei mal
dann sinkt es wie ein stein

                 – Frank Dietrich

unterm Walnussbaum
windgepflückt
mir vor die Füße
ein Wort in dem man
überwintern kann

                 – Angelica Seithe

Winterdepression
das letzte Blau des Himmels
wurde
zu Wildgänsen
und zog davon

                 – Frank Dietrich

statt Blätter
immer mehr Sonnenlicht
in den Zweigen
die gläserne Luft 
blau von Zeit

                 – Angelica Seithe

Sekundenschlaf…
aus den Tiefen des Devon
DUNKLEOSTEUS
seine Augen
die Lichter des Lkws

                 – Frank Dietrich

anklopfen bei dir
mit dem rostigen Ring
auf gemaserter
Tür – dass sie sich öffne
für eine Erinnerung

                 – Angelica Seithe

Beate Conrad et al.
Tankabilderserie zur Feier der 20. Ausgabe von Einunddreißig

Zur aktuellen 20. Ausgabe von Einunddreißig, die zugleich mit dem fünfjährigen Bestehen zusammenfällt, erreichte die Redaktion zur Feier des kleinen Jubiläums ein besonderes Geschenk, nämlich eine Tanka-Bilderserie, die an die Präsentationsweise der ersten Tanka-Bilderserie zur 10. Ausgabe von Einunddreißig anknüpft und auf einigen Tanka verschiedener Autoren aus den letzten zehn Einunddreißig-Ausgaben basiert. Die Redaktion freut sich über dieses Geschenk, das auf anschauliche und schlichte Weise den bei Einunddreißig gemeinsam gegangenen Weg des deutschsprachigen Tanka Revue passieren und dabei auf Neues Ausschau halten lässt.
An dieser Stelle möchten wir den gestaltenden Initiatoren, allen Beitragenden sowie interessierten Lesern von Einunddreißig danken.

Ingrid Kunschke
Laub

"Ach, an Vatis Geburtstag ist’s schon bis fünfe hell", versprach Mutter uns früher an allzu dunklen Wintertagen. "Und wenn ich erst Geburtstag habe, blühen die Schneeglöckchen." So war es und so ist es immer noch gewesen, wenn auch manches Mal nur knapp – und nicht etwa weil der Frühling auf sich warten ließ.

     einmal mehr
     blühen die Schneeglöckchen
     ganz wie sonst
     im letzten Winterwind
     ist auch auf Mutter Verlass
 
schrieb ich vor Jahren erleichtert. Seitdem nisten diese Zeilen sich jeden Winter in meine Gedanken ein.

Dieses Jahr sind beide dreiundachtzig geworden, erst Vater dann Mutter. Es war hell um fünf und ja, die Schneeglöckchen blühten. Zuvor hatten wir uns auf Skype wieder einmal darüber unterhalten. Ich konnte Vaters rechtes Ohr sehen und weiter hinten im Rauschen Mutters Ärmel; ihre Hand ruhte auf dem Rollator. "Ich habe doch dieses Foto, wo ich als Kind neben den Schneeglöckchen sitze", sagte sie bestimmt. "Hat sie nicht", dachte ich sofort und hasste mich dafür. Ich kenne ihre Alben; wir sehen sie uns gern gemeinsam an. In einem hockt ein fremdes Mädchen in schwarz-weiß neben schwarz-weißen Osterglocken.
 
Ihre Jugend ist ihr präsenter als die glanzlose Gegenwart. Vielleicht hatte Mutter das trügerische Bild deshalb so klar vor Augen? An ihrem Geburtstag blätterten wir jedenfalls in ihren Alben und der Name des Mädchens war nebensächlich. Und als sie anfing, von meiner Mutter zu sprechen ("‘Reden‘, das sagten wir früher nicht: Es heißt ‚sprechen‘."), taten wir das mit einem Lachen ab, denn wirklich, das war sie ja selbst. Es war genauso schnell vorbei wie ihr "Herzlichen Glückwunsch zu deinen… Töchtern?" als sie mir an meinem Geburtstag die Hand gedrückt hatte.
 
Merkwürdig, wie etwas so unbedeutendes plötzlich so dringlich erscheint. Sie haben keinen Garten mehr und in meinem, weiter im Osten, hält der Frühling später Einzug. Deshalb hatte ich das Laub, unter dem die Schneeglöckchen sich noch versteckt hielten, schon früh beiseite geschafft. Etwas zittrig standen sie also auf dem Foto, das Vater in seinem Postfach fand und gleich Mutter zeigte. Vielleicht, dachte ich da noch, ist sie an ihrem Geburtstag klarer, aber vielleicht, befürchtete ich, finden wir sie erst blätternd in ihren Alben.
 
     einmal mehr
     blüht Mutter auf
     ganz wie sonst
     im letzten Zeitenwind
     ist auch auf Stille Verlass

Ingrid Kunschke
Beschwingt

Wo die A30 in Richtung Niederlande tiefer verläuft als die Hügel zur Linken aber höher als die Felder rechts, flog ein Bussard kurz neben unser Auto einher. Von schräg oben sahen wir seinen Rücken und die breiten Schwingen, seinen Kopf mit dem gelben Schnabelansatz, sogar das Blitzen seiner flinken Augen. Die kleinen Federn im Wind, die genau bemessenen Flügelschläge und dann wieder dieses Gleiten: Für einen Moment schienen auch wir so frei zu fliegen.

     Im Auge
     des Vogels die Felder
     die vielen
     vielen Wege, die fort
     und zueinander führen

daran musste ich denken, als ich in Minden, wo die anfangs breite Ladenstraße stetig hinunter zur Weser führt, neben einer jungen Frau herging. Flott geradeaus, aufrecht und mit unseren Augen überall, so gingen wir eine Weile zufällig im Gleichschritt. Aus meinen Augenwinkeln musterte ich sie und lächelte und sah auch ihr bübisches Lächeln. Nun lachten wir uns offen an, immer schnellen Schrittes. Sie war jung, beschwingt, hatte locker eingeflochtenes braunes Haar, in dem der Wind spielte. Derselbe Wind, der ihre Wangen erröten ließ. Leuchtende Augen, auch das. Und im Weitergehen, getragen von unserem Lachen, sagte sie mit perlendem Akzent: "Ich muss hier wirklich links…" und ich: "Ach, wir waren gerade ein so gutes Team…" Da ging sie, aufrecht, ihre Hand zum Gruß weit in die Luft. Und ich, ich ging weiter und winkte ihr Lebwohl.

Horst Ludwig
ein Tanka-Prosastück


     Die Fesselballons
     übern Berglchen hinten
     helfen beim Siegen,
     so der Uniformierte
     lautstark zur Information.

Vortags hatte meine Mutter noch geholfen, den Flüchtlingen aus einem Dorf nur 15 Kilometer weg bei uns Unterkunft zu organisieren, mit dem Hinweis auch auf die Hl. Familie und ihre Flucht nach Ägypten. Angekündet war eine Entsatzarmee, und alle würden in vielleicht nicht mal zwei Wochen zurückkehren können. Doch spät abends kam die Nachricht, dass auch unser Dorf evakuiert wird, um fünf Uhr zieht unser Treck nach Süden, die Kirchenglocke läutete ununterbrochen, meine Mutter tutete die Feuertute alle Viertelstunde, und die Leute luden  Sachen auf ihre Wagen und in Radbern.

     Omama half noch
     den Ziegen im lichten Stall,
     weil die zickelten.
     Ich konnt aber nicht zuschaun;
     sowas ist nichts für Jungen.

Tony Böhle
Nomaden

Ingrid Kunschke
Vorbei


     Falten, ins Gesicht
     geschrieben von endlosen
     Stunden unterwegs –
     wie viel tiefer wirken sie,
     im Weiß des Neonlichts

     das Schlagen der Tür,
     das Schrillen der Pfeife,
     so verschlingt
     der Zug die Menschen, die nur
     anzukommen hoffen

     die Tüte m&m‘s
     gekauft am Automaten –
     in meiner Hand
     halt ich sie fest, wie ein
     Versprechen kindlichen Glücks

     das beständige
     Klack-Klack der Räder unter
     mir dem Rhythmus
     eines Herzschlags gleich:
     der Zug ein Lebewesen

     ein Pappbecher voll
     Kaffee, die Zeitung auf dem
     Schoß: Insignien
     all derer, die anderswo
     ihr Glück zu suchen wagten

     zwischen hier und da
     ungezählte Zeit verbracht
     in Gedanken
     wird sie zu Regentropfen,
     die sich zum Fluss vereinen

     umherzuziehen,
     doch niemals anzukommen…
     des Nomadenseins
     müde, heiß ich den Stein
     in meinem Herz Zuhaus

     gepflügt die Felder,
     bepflanzt, dann abgeerntet –
     vor meinen Augen
     wird ein Tag zur Woche,
     der Monat bald zum Jahr

                    *

     einem Schulkind gleich,
     das Gelerntes nie vergisst,
     kann ich sie heut noch
     nennen: all die Stationen
     hin zur Arbeit Tag für Tag


     Tag für Tag
     fahren die Züge vorbei
     werfen Reisende
     matt einen flüchtigen Blick
     auf was ich liebgewonnen
 
     Tag für Tag
     eilen die Züge vorbei;
     im Schlaf noch
     bin ich denen nah
     die unterwegs sind
 
     Tag für Tag
     gleiten die Nebel vorbei
     und jene
     die hierher gebracht
     in die Stille einzugehn
 
     Tag für Tag
     betören diese Hügel
     wo sie damals
     denn Arbeit macht frei
     leicht fährt man vorbei
 
     Tag für Tag
     backe ich das Brot, streue
     das Salz
 
     stehn kupfern die Wälder
     an den Hängen
     ist zu laut ist zu leise
     das Gellen der Geleise

Beate Conrad & Horst Ludwig
Eine Tankafolge [ohne Titel]

Beate Conrad & Horst Ludwig
Eine Tankafolge [ohne Titel]


     Mit dem Versprechen
     fällt langsam der erste Schnee
     zur Jahreswende
     all die Farben der Sonne
     hinter geschlossenen Augen

     Fällt langsam der Schnee,
     scheint Luzia übern See
     gefährliche Nacht,
     reiben sich die Rekruten
     die Hände überm Feuer.

     Zur Jahreswende
     frisch glänzt eine Kinderwelt
     aus Seifenblasen
     übers weite, weiße Feld
     jagt heulend ein schwerer Wind

     Farben der Sonne
     im Vergehen des Tages...
     der Tage, langsam, ...
     und doch mit der Zeit spürbar,
     spürbar schwindend... und eilig.

     Geschlossnen Augen
     Sicht ins Weite auf die Schrift,
     auf schweren Wänden,
     dass du nicht getan hättest,
     was du hättest tun mögen.

     (Beate Conrad: 1, 3; Horst Ludwig: 2, 4, 5) 

     Der goldne Becher
     des alten Königs am Meer
     vage, verschwommen.
     Ausgestellt der Sonderschatz,
     hinter Glas, drei Schritt Abstand.

     Der König am Meer
     und ein Hubschrauber hebt ab,
     weiß wie Schnee spritzt Gischt
     der Himmel zwischen Wolken
     mondlichterleuchtet ein Pfeil

     Vage, verschwommen
     zu tiefer Nacht romantisch
     weitere Nebel.
     Wie doch lange Geschichten
     sich weben auch in meiner.

     Zur Schatzausstellung
     gesondert ein Geigerzähler
     und Reliquien,
     doch um die Atmosphäre
     sorgte sich wohl kaum einer.

     Glas, drei Schritt Abstand,
     auch Überwachungstechnik
     zum Schutze, sagt man,
     in Gegenwart und Zukunft
     unser Weltkulturerbe.

     (Horst Ludwig: 1, 3; Beate Conrad: 2, 4, 5)

Wettbewerbe, Termine und Veranstaltungen

2. Januar 2018 - NeverEnding Story
Für den englisch-chinesischen Tanka-Blog NeverEnding Story können Tanka in englischer Sprache eingereicht werden. Ausgewählte Werke werden auf der Seite veröffentlicht, die jeweils besten 66 Werke werden später in einer Tanka-Anthologie zusammengefasst, die als E-Book erscheint.
Der Initiator und Herausgeber der Anthologie, Chen-ou Liu, ist ein international bekannter Tanka-Autor und macht sich seit Jahren um die länderübergreifende Verbreitung des Tanka verdient. Die Teilnahmebedingungen können auf der Webseite des Blogs (http://neverendingstoryhaikutanka.blogspot.de/2018/01/2018-one-mans-maple-moon-call-for-tanka.html) eingesehen werden.
Die 2017 entstandene Tanka-Anthologie im E-Book-Format kann unter dem nachfolgenden Link eingesehen werden:

nächste Ausgabe

Die nächste Ausgabe von Einunddreißig erscheint am 15. Mai 2018. Der Einsendeschluss ist der 31. März 2018. Für die Einsendung von Beiträgen bitte ich, die Teilnahmebedingungen zu beachten.

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