Ausgabe August 2018 - Einunddreißig

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Ausgabe Nr. 22 August 2018

Editorial (Tony Böhle)

Artikel und Essays

(Valeria Barouch & Tony Böhle)

Tanka-Bilder / Foto-Tanka

Tanka-Sequenzen

Mitteilungen (Tony Böhle)

Tony Böhle

Editorial


    Kirschblüten, Kirschblüten,
    Kirschblüten! Sie brechen auf,
    verblühen und
    im Park ist alles wieder
    als sei nichts geschehen.

So lautet eines meiner Lieblings-Tanka, das von der bekannten japanischen Autorin Tawara Machi stammt. Ich mag es besonders, weil es einen kritischen Blick auf unsere schnelllebige Betrachtung der Welt um uns herum wirft. Ein so bedeutendes Ereignis wie es die Kirschblüte in Japan ist – die auch immer wieder als Sinnbild des menschlichen Lebens und dessen Vergänglichkeit verwendet wurde – es dauert nur kurze Zeit und alles ist wieder vergessen. Die Kirschblüten sind weg und die Erinnerung daran im allzu lauten Rauschen des Alltags mit seinen ständigen neuen Reizen verschüttet.
Ganz ähnlich ist es auch mit der Fußballweltmeisterschaft, die am 15. Juli mit der Krönung eines neuen Weltmeisters ihr Ende fand. Rund vier Wochen später möchte man fast fragen "War eigentlich etwas?". Sicherlich, nach dem historisch schlechten Abschneiden der deutschen Mannschaft möchte man sich wohl auch lieber nicht daran zurückerinnern. Interessant war wieder einmal zu sehen, dass es einige Mannschaften mit herausragenden Einzelspielern gab, die aber allesamt recht früh im Turnier ausschieden. Auch die als Titelverteidiger gestartete deutsche Mannschaft konnte diesmal trotz vieler hervorragender Einzelspieler als Team nicht überzeugen. Da verwundert das Resultat kaum.
Doch was hat das mit dem Tanka zu tun? Auch wenn das Schreiben eher ein individueller Prozess ist, kommt es doch auch maßgeblich auf das Zusammenspiel der einzelnen Autoren, Leser und Interessenten an, um erfolgreich eine Tanka-Landschaft gestalten zu können. Diskussionen, Fragen, neue Ideen, das Verstehenwollen, Nachhaken - sprich, sich gegenseitig die Bälle zuspielen - dies sind die Elemente einer lebendigen Tanka-Szene. Doch wohin geht die Entwicklung? Ist es wirklich diese lebendige Kultur oder eher das Absetzen von eigenen Tanka, die man veröffentlicht sehen will? Und wie ist der eigene Umgang auch mit diesem Magazin? Ein schneller Blick, ob der eigene Beitrag veröffentlicht wurde oder eine genauere Lektüre, um auch sich selbst weiterzuentwickeln?
Sich diese Frage zu beantworten, lade ich alle Tanka-Freunde herzlich zur August-Ausgabe von Einunddreißig ein, die jetzt online steht.

Valeria Barouch

Das Tanka international Teil X - Mariko Kitakubo

Mariko Kitakubo wurde am 4. Oktober 1959 in Tokyo geboren, wo sie auch heute noch lebt, im Stadtteil Mitaka. Sie ist nicht nur Tanka Dichterin, sondern auch Tanka Vorleserin und Performerin. Ihre Gedichte sind in sechs Büchern erschienen, wovon drei zweisprachig sind (Japanisch/Englisch): "On This Same Star", "Cicada Forest" und "INDIGO". Sie hat ebenfalls eine CD mit ihren Texten produziert unter dem Titel "Messages".
Mariko Kitakubo ist eine erfahrene Performerin, die ihre Gedichte in nicht weniger als 197 Lesungen vorgetragen hat, davon 147 ausserhalb Japans (Stand Juni 2018). Sie hofft damit das Interesse am Tanka und dessen Praxis bei Lyrik-Liebhabern weltweit zu fördern.
Auskünfte über ihre Tätigkeit findet man auf ihrer reichhaltigen Internetseite: www.en.kitakubo.com
Die nachfolgende Auswahl ist dem Buch "INDIGO" entnommen.

tiny drop
of the ancient ocean
our story has begun...
can you hear the lullaby
waves are still playing now
               (page 8)

ein winziger Tropfen
des alten Ozeans
unsere Geschichte hat begonnen...
hörst du das Wiegenlied
Wellen spielen es immer noch
               (Seite 8)

Milky Way
like a sleeping Buddha
on the Mekong ---
history is settling
in the bottom of the river
               (page 58)

Milchstraße
wie ein schlafender Buddha
auf dem Mekong ---
auf dem Grund des Flusses
setzt sich Geschichte fest
               (Seite 58)

I don’t wish
to harm the forest
at dawn
the sound of mist swirling
the sound of trees sleeping
               (page 82)

im Morgengrauen
möchte ich den Wald
nicht verletzen
den Klang wogenden Nebels
den Klang schlafender Bäume
               (Seite 82)

pure silence...
deep sleep of Mt. Fuji,
they appear,
the forest god and
the god of water
               (page 86)

klare Stille...
tief schläft der Berg Fuji,
sie erscheinen,
der Gott des Waldes und
der Gott des Wassers
               (Seite 86)

whiteness
of the lilies...
they don’t need
to express their love
just stand as they are
               (page 102)

Das Weiss
der Lilien...
sie haben es nicht nötig
ihre Liebe auszudrücken
sie stehen nur da wie sie sind
               Seite 102

five years now
since I sat there
with late mother
supping on noodles
flavored with citron
               (page76)

fünf Jahre schon
seit ich dort saß
mit der verstorbenen Mutter
Nudelsuppe genießend
mit Zitronengeschmack
               (Seite 76)

cobalt blue
was my favorite
color...
until I could see it
in atomic waste
               (page10)

Kobaltblau
liebte ich am meisten
von allen Farben...
bis ich es sehen konnte
im Atommüll
               (Seite 10)

between the date
of Hiroshima & Nagasaki
my sweat seeps
into the small puncture hole
where they drew my blood
               (page 4)

zwischen dem Datum
von Hiroshima & Nagasaki
sickert mein Schweiß
in das schmale Stichloch
wo sie mir Blut entnahmen
               (Seite 4)

when
will my later years
start? ---
a mother cat has babies
at the ruined village
               (page 12)

wann
werden meine späteren Jahre
beginnen? ---
eine Katzenmutter hat Babys
in den Ruinen des Dorfes
               (Seite 12)

intently flowing
the river empties
into the sea,
its mouth like a border
between life and death
               (page 121)

unerschütterlich
leert sich der Fluss
in die See,
seine Mündung wie eine Grenze
zwischen Leben und Tod
               (Seite 121)

 
Übersetzt und veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung der Autorin.

Valeria Barouch & Tony Böhle

Tanka der Redaktionsmitglieder

Laurentiustränen
wie sollen sie mich rühren
diese Lichter
dort drüben am Berg
sind mir schon fremd

                – Valeria Barouch

Papierschiffchen,
ausgesetzt als kleines Kind
am Fluss –
das Meer haben sie
wohl niemals erreicht

                – Tony Böhle

Kopf und Herz
als wärs noch immer Frühling
mit dem Gerüst
verbiete ich den beiden
jedes Zwiegespräch

                – Valeria Barouch

Montag, Dienstag,
Mittwoch… all den Tagen
Namen zu geben,
die sich wie Eier gleichen,
erscheint mir recht merkwürdig

                – Tony Böhle

Valeria Barouch & Tony Böhle

Tanka-Auswahl August 2018

Aus den Einsendungen, die zwischen dem 1. Mai 2018 und dem 30. Juni 2018 eingereicht wurden, hat die Jury, bestehend aus Valeria Barouch und Tony Böhle, für die August-Ausgabe von Einunddreißig eine Auswahl von 25 Tanka getroffen. Jeder Teilnehmer konnte bis zu zehn Tanka einreichen. Die ausgewählten Texte stehen nachfolgend alphabetisch nach den Autorennamen aufgelistet. Die Jurymitglieder haben jeweils ein Tanka, das sie besonders angesprochen hat, hervorgehoben und kommentiert.

Valeria Barouch

Ein Tanka, das mich besonders anspricht

In der Kapelle
viele Gedenktäfelchen.
Ich betrachte sie,
und ohne besondren Grund
fügt ich auch gern eins hinzu.
               – Horst Ludwig

Tanka, infolge ihrer Kürze, geben uns manchmal Rätsel auf, besonders wenn sie Themen ansprechen, mit denen wir nicht unbedingt vertraut sind. Die ersten drei Linien weckten jedoch Erinnerungen an eine Kapelle, wo ich vor ein paar Jahren mit großem Interesse zahlreiche Exvotos betrachtet hatte und so nahm ich an, dass es sich bei den Gedenktäfelchen um solche Votivtafeln handelt. Bei diesem Gedanken kam auch gleich die Frage auf: "Gibt es diesen Brauch auch heute noch?" Um sie zu klären, ließ ich mich von diesem Gedicht zu einer Entdeckungsreise verleiten. Der Hitzewelle trotzend fuhr ich ins Tal hinunter zu einem Ort, wo ich Votivtafeln zu finden hoffte, und wurde nicht enttäuscht. Außerhalb von Sion, Kanton Wallis, liegt die Einsiedelei "Longeborgne". Das Wort "liegen" ist, was die Topografie betrifft, etwas irreführend, denn sie schmiegt sich auf einem schmalen Vorsprung an die steilen Felsen hoch über der Schlucht, durch welche die Borgne sich ihren Weg zur Rhone bahnt. Longeborgne, so erfuhr ich, hat eine 500-jährige Geschichte und besitzt die größte Sammlung von Exvotos im Wallis, wovon das älteste Bild aus dem Jahre 1662 stammt.
Votivtafeln wurden von Bittstellern in Auftrag gegeben, um zu bekunden, dass ihre Gebete um Hilfe in der Not erhört worden waren. Auf diesen kleinen Gemälden stehen meistens nur die Worte Exvoto und eine Jahreszahl, nur wenige beinhalten eine längere Legende. Es sind nicht Worte, sondern die Malerei, die uns die Notlage erraten lassen. Ich möchte hier nur ein Bild beschreiben, das mich ganz besonders fasziniert hat. Es zeigt eine steile Straße auf der ein Pferdegespann und seine Last, ein Mühlstein, in einen tiefen Spalt stürzen. Im Gefährt sind zwei Männer, und zwei identisch gekleidete stehen auf der Straße mit zum Himmel erhobenen Armen. So nahm ich denn richtig an, dass die beiden Verunglückten mit dem Leben davongekommen waren. Für die Pferde sah die Situation allerdings hoffnungslos aus. Ich war nicht wenig überrascht in einer Broschüre zu lesen, dass die Legende auf dem Bild (kaum mehr lesbar) besagt, dass auch die Pferde den tiefen Sturz überlebt hätten.
Die Frage, die mich zu diesem interessanten Besuch veranlasste, wurde schon am Eingang der Kapelle beantwortet. An der Außenmauer befinden sich Gedenktäfelchen neueren Datums. Doch welch ein Unterschied zu ihren Vorfahren! Hier sind es nur noch kleine Marmorschildchen mit ein paar Worten "In Dankbarkeit an Maria", mit oder ohne Jahreszahl, oder ein kurzes "Danke". Sozusagen eine SMS an den Himmel. Hier können wir keine Malkunst mehr bestaunen und keine Lebensschicksale herauslesen.
Was mich an diesem Tanka besonders anzog, war die Formulierung "und ohne besondren Grund". In dem Moment, in dem ich an die Exvotos dachte, gewann sie einen besonderen Wert. Mir schien plötzlich, dass "kein besonderer Grund" vielleicht gerade der schönste Grund ist. Nicht weil man etwas erhalten hat, dessen man versprochen hat zu gedenken, sondern einfach so, spontan aus einer Herzensregung heraus. Was beim Autor diesen Wunsch geweckt hat, gehört ihm. Es ist diskret aufgehoben in dieser Formulierung. So diskret wie auch Votivtafeln sind keine Namen, keine Erklärungen. Es ist dem Betrachter oder hier dem Leser überlassen für sich eine Geschichte auszumalen.

Tony Böhle

Ein Tanka, das mich besonders anspricht

Du im Spiegel
ich daneben –
für einen Moment
glauben wir, dass dieses Paar
zusammenpasst, solang es lacht
               – Angelica Seithe

"Spieglein, Spieglein an der Wand…" so heißt es in einem Märchen der Brüder Grimm, in dem die böse Königin natürlich nur eine Antwort auf ihre Frage akzeptieren will. Über Jahrhunderte waren Spiegel nur den Reichen und Mächtigen vorbehalten. Angefangen von Bronzespiegeln in der Antike bis zu den ersten Glasspiegeln im Mittelalter. Dem einfachen Volk blieb oft nur der Blick in eine glatte Wasseroberfläche um sich des eigenen Antlitzes bewusst zu sein. So verwundert es wenige, dass in Märchen dem Spiegel oft etwas Magisches zugeschrieben wird. Wenn wir heute in einen Spiegel blicken, dann wohl meistens aus praktischen Gründen. Sitzt der Liedstrich oder die Frisur richtig? Bekomme ich da einen Pickel oder muss ich mir wieder die Augenbrauen zupfen? Jenseits davon gibt es aber auch den erkundenden und ergründenden Blick in das eigene Antlitz. Das grüblerische, zweifelnde und manchmal enttäuschte sich selbst ins Gesicht Schauen und dem Stand zu halten.
Ob es ein eher praktischer oder grüblerischer Blick ist, den das Paar in Angelika Seithes Tanka in den Spiegel geworfen hat, bleibt offen. Vielleicht prüft man gemeinsam das Outfit für den Fototermin oder eine Familienfeier? "Dieses Paar", das sich selbst im Spiegel betrachtet, "lacht" jedenfalls. Wie trügerisch und fragil dieses scheinbare Glück ist, offenbart sich nicht dem Beobachter dieser Szene, sondern dem Leser, der Anteil an den Gedanken des lyrischen Ichs nehmen darf: "für einen Moment / glauben wir, dass dieses Paar / zusammenpasst, solang es lacht".
Verräterisch, was den Blick auf die eigene Beziehung betrifft, ist besonders der Gebrauch der Pronomen "du" und "ich" in den ersten beiden Segmenten – "du" und "ich" sind eben nur zwei Personen nebeneinander ("du im Spiegel / ich daneben") und kein wir. Und um den Eindruck dieses Nebeneinanders noch zu intensivieren, sind die beiden Wörtchen "du" und "ich" sogar noch in verschiedenen Segmenten platziert worden. Dennoch zeigt sich eine Verbundenheit der beiden, in dem Gedanken ("glauben wir"), der – wie auch immer gearteten –Zusammengehörigkeit ("dass dieses Paar / zusammenpasst"). Auffällig ist dabei die sprachlich unterschiedliche Gestaltung zwischen Oberstollen und Unterstollen. Im ersten Teil herrscht eher eine Atmosphäre der Nüchternheit und distanzierten Beobachtung, wie sich in der kühlen Angabe der Positionen beider Personen ("im Spiegel" und "daneben") sowie dem Gebrauch der Pronomen "du" und "ich" zeigt. Dagegen dominiert im zweiten Abschnitt eher eine warme Sprache, die sich an Wörtern "wir", "Paar", "zusammen", "glauben", "lacht" und "zusammenpasst" fest macht.
Wie pessimistisch das Tanka auch wirken mag, es hat doch auch eine helle, hoffnungsvolle Seite. Das gemeinsame Lachen, der Glaube an die Zusammengehörigkeit, auch wenn er nur kurz ist, und das Übereinstimmen gewisser Gedankengänge.

Valeria Barouch & Tony Böhle (Auswahl)

Die Tanka-Auswahl

Sommernacht
Auf der Wiese liegend
unter den Sternen höre ich
aus der Tiefe des Alls
die Mücken surren
                – Reiner Bonack

In der Kapelle
viele Gedenktäfelchen.
Ich betrachte sie,
und ohne besondren Grund
fügt ich auch gern eins hinzu.
                – Horst Ludwig

Die Falter des Sommers
vor den Augen der Kinder
zum Anfassen nah
Gläsern das Licht
in den Vitrinen
               – Reiner Bonack

Hör wie sie zwitschert...
ich such sie im Himmelsblau
bis ich sie sehe,
den Punkt, der fröhlich flatternd
so ganz eins ist in ihm selbst.
                – Horst Ludwig

Ich hatte meine Jahre
niemand kann sie mir nehmen
sagt er, verstummt
vergräbt sein Gesicht
nach der Visite im Kissen
                – Reiner Bonack

Zaghafte Rufe
der Wasservögel am Steg
von Maria Laach.
Zeit, Siesta zu halten!
Der Apfelwein wirkt noch nach –
                – Conrad Miesen

Blass der Sommermond
und wohl kaum genug Regen,
für kleinste Kirschen
dürr am Zweig fallen sie in
Vierteln, Achteln, Sechszehnteln, ...
                – Beate Conrad

Mit Harz versiegelt
unsere Hosenböden
bei der Sommerrast.
Wir sprachen über Bäume
und nehmen ihr Signum mit.
                – Conrad Miesen
                  in memoriam Mario Fitterer

dieser Falter
der unermüdlich
um die Laterne kreist
heute Nacht kenne ich
seine Gedanken
                – Frank Dietrich

Ein Feriengast,
auf seiner Erlebnistour,
filmt den Waldboden,
von seiner Frau kommentiert.
Ameisen bei der Arbeit.
                – Wolfgang Rödig

nach der Kirmes
sucht meine Hand die Knöpfe
deiner Hose
ein Luftballon steigt auf
zum Mond
                – Frank Dietrich

Urlaubstag am Strand.
Die Sandburgen der Kinder,
von Wellen bedroht,
darüber die Luftschlösser
der jungen Erwachsenen.
                – Wolfgang Rödig

die junge Frau
im Haus gegenüber
entkleidet sich…
zwischen ihr und mir
die Milchstraße
                – Frank Dietrich

so liegt tonnenschwer
ein Müllsack offenen Augs
im Licht dieser Welt
Menschen entlang der Düne
hören seine Schreie nicht
                – Dyrk-Olaf Schreiber

wie Lachse wandern
gegen den Strom such auch ich
die Heimat auf
dann und wann mit Blumen
für meine toten Ahnen
                – Gabriele Hartmann

die Birke
noch unbelaubt –
wenn am Abend
der Schattenzeiger des Stamms
durch unsre Stunde zieht
                – Angelica Seithe

Schenk mir Flossen!
Verleih mir Flügel!
Zerhack das Eis!
Lass Nebel steigen!
...im Efeu lächelt weise der Mond
                – Gabriele Hartmann

Du im Spiegel
ich daneben –
für einen Moment
glauben wir, dass dieses Paar
zusammenpasst, solang es lacht
                – Angelica Seithe

vergessen
alle Lehrbücher –
auf meinem Schoß
das Kind
und der Himmel ein anderer
                – Ilse Jacobson

Griffe und Hände
wie Pedale und Füße,
Sattel und Hintern:

miteinander verwachsen
zu Cyborgs auf der Straße.
                – Wolfgang Stock

weißer Flieder
errötend im Abendlicht
kurz verweilen
die letzten Strahlen
auf meinem, deinem Gesicht
                – Ingrid Kunschke

Allmählich lerne ich
wie man im Alter
stets aktiv und rüstig bleibt
den kurzen Weg zum Bäcker
nenne ich jetzt Ausflug
                – Erika Uhlmann

nun endet der Sommer...
drum lass mich noch schnell
einen Wunsch erfinden
bevor die ersten Sterne
von meinem Himmel fallen
                – Eva Limbach

am Rand des Dorfs
das kleine Wäldchen
abgeholzt und leer geräumt
doch aus gequälter Erde
explodiert der rote Mohn
                – Erika Uhlmann

auf Stippvisite
in der Kleinstadt wo ich
aufgewachsen bin
die alten Schlaglöcher
notdürftig repariert
                – Eva Limbach

Beate Conrad & Horst Ludwig
Ein kurzes Leuchten

Beate Conrad & Horst Ludwig
Wohl die letzte Fahrt


    Ein kurzes Leuchten
    jenseits dieses Horizonts
    gäb es einen Weg...
    Spät die Nachricht der Mutter,
    die schon vorausgegangen.
    
    Jenseits, Horizont:
    Weit vages Steingebirge,
    die grünen Täler,
    wo Bisonherden weiden,
    Wasser sonnig klar gleißen.
    
    Gäb es einen Weg,
    ohne das Ziel zu kennen,
    weit über dem Meer
    Wetterleuchten mein Dasein
    ein Echo gemalt ins All.
    
    Nachsicht der Mutter
    in jenen Hungerwintern
    legt sie entschlossen
    den Jungen stille was mehr
    auf den Teller, sich fast nichts.
    
    Vorausgegangen
    vor einigen Jahren schon
    durch mir schwere Zeit
    in jenes Leuchten, das sie
    hoffentlich fester glaubte.

    Beate Conrad: 1,  3; Horst Ludwig: 2, 4, 5

    's ist wohl die letzte
    Fahrt in noch wilderes Land,
    kurz lebt doch der Mensch.
    Glühend senkt sich die Sonne
    und groß in die Grand Tetons
    
    Fahrt in wildes Land,
    wo an blühenden Kakteen
    auch Staub hängenbleibt,
    wo warm Wind und fast alles
    sich mischt ins Rauschen der Zeit.
    
    Kurz lebt doch der Mensch.
    Aber paar Jahrmilliarden
    durchstreift heiß sein Geist,
    und die Magd Maria ist
    mächtig die Mutter Gottes
    
    Senkt sich die Sonne
    glühend in tiefblaue Nacht
    überwältigend
    wieviele Sternlein doch stehn
    über dem ruhenden Wald
    
    hoch die Grand Tetons,
    ganz umhüllt von wildem Land,
    ein Apfelbäumchen
    mit seinen hellen Blüten
    summt den Einsamen zum Schlaf.
    
    Horst Ludwig: 1, 3; Beate Conrad: 2, 4, 5

Horst Ludwig
Trio kyôkaesk


    Beim neuen Dekan.
    Ich höre, was er sagen muss,
    und denk drüber nach.
    Natürlich, er muss handeln,
    und mir fällt's zu zu denken.

    Die holden Schwäne,
    bös zischend scheuchen sie sie,
    die alte Dame,
    die Uferböschung hinauf,
    weg von ihren paar Jungen

    Gitarrenspieler:
    I feel like I am drowning...
    Der, g'rad mal zwanzig.
    Wehalb nehm ich ihn nicht ernst?
    So einfach ist's einfach nicht.

Wettbewerbe, Termine und Veranstaltungen

2. August 2018
Die American Tanka Society hat die Gewinner des internationalen Sanford-Goldstein Tanka-Wettbewerbs von 2018 bekannt gegeben. Die Resultate und Kommentare der Jury können unter dem nachfolgenden Link eingesehen werden:

nächste Ausgabe

Die nächste Ausgabe von Einunddreißig erscheint am 15. November 2018. Der Einsendeschluss ist der 30. September 2018. Für die Einsendung von Beiträgen bitte ich, die Teilnahmebedingungen zu beachten.

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