Ausgabe Februar 2021 - Einunddreißig

Einunddreißig
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Ausgabe Nr. 32 Februar 2021

Tony Böhle

Editorial

In Punxsutawney im US-Bundesstaat Pennsylvania wird jährlich am 2. Februar der Murmeltiertag (Groundhog Day) gefeiert. Dieser Tag hat seinen speziellen Namen aufgrund eines Brauchs bekommen, bei dem ein Murmeltier als Wetterorakel über das weitere Schicksal des Winters entscheiden soll. Wird das Tier aus seinem Bau geholt und sieht seinen Schatten – sprich die Sonne scheint - soll der Winter noch weitere sechs Wochen dauern. Ansonsten stehen die Zeichen eher auf Frühling.
Auch wenn die Trefferquote für die Vorhersage nach verschiedenen Studien wohl nur zwischen 30 und 40% liegt, hat der Murmeltiertag große Berühmtheit erlangt, nicht zuletzt wegen der Rezeption im Film "und täglich grüßt das Murmeltier" von 1993. Die Geschichte ist schnell umrissen: Phil Connors, ein arroganter, zynischer Wetteransager, wird zum vierten Mal in Folge in die Kleinstadt Punxsutawney geschickt, um über den Murmeltiertag zu berichten. Dort gerät er in eine Zeitschleife, in der er ein und denselben Tag immer wieder erleben muss, bis er als geläuterter Mann sein Leben fortsetzen darf.
Das Gefühl, in einer Art Zeitschleife gefangen zu sein, dürften mittlerweile wohl viele kennen. Restaurants, Kinos, Kulturbetriebe geschlossen, Sport im Verein nicht möglich, dazu Homeoffice und Fernunterricht. Das lässt die Tage bald wie ein Ei dem anderen gleichen: Aufstehen, der Gang in Badezimmer, Frühstücken, die Nachrichten anschauen, Arbeiten von zu Hause aus, vielleicht einen kurzen Einkauf, Essen, dann etwas Zeit für die Familien, Fernsehen und dann zu Bett gehen und das Ganze wieder von vorn. Also was tun, in dieser Zeitschleife, oder wie ihr entkommen?
Nun ja, die Antwort mag schwierig sein. Doch vielleicht ist es am Ende wie im oben genannten Film. Ein Entrinnen gibt es nur dann, wenn man diesen Gedanken fallen lässt und die eintönige Zeit als Gestaltungsraum ergreift. Denn am Ende ist es sehr leicht, auch unter „normalen“ Umständen in der Murmeltierschleife stecken zu bleiben. Montag bis Freitag zeitig aufstehen, arbeiten, ins Bett gehen, Familie, Verein; Fitnessstudio… am Wochenende Einkaufen, Putzen… zweimal im Jahr in den Urlaub… Um die Schleife zu verlassen, bleibt dann wohl nur mit den Gewohnheiten zu brechen und etwas Neues zu versuchen. Vielleicht ist das für den einen oder anderen auch die Begegnung mit dem Tanka, denn die unfreiwillig gewonnene Zeit kann durchaus die Kreativität und Neugier befeuern. Diese Möglichkeiten auszuloten, lade ich alle Leser herzlich zu einer neuen Ausgabe von Einunddreißig ein.

Valeria Barouch

Das Tanka international Teil XX - Orrin PréJean

Orrin PréJean lebt in Dallas, Texas, USA. Er ist ein Erzähler, der seine Geschichten mit Vorliebe in ku und ka ausdrückt.
Seine Kurzdichtungen wurden in zahlreichen Publikationen veröffentlicht, u.a. in Atlas Poetica. Unter dem Pseudonym "Matsukaze" hat er zwei Bücher herausgebracht: October Blues and Other Contemporary Tanka (2016) und Black Genji and Other Contemporary Tanka (2017). Beide Bücher sind als Kindle Version auf Amazon zu finden.

mama's
old gown hanging
in the closet
each sequin
has aged

Mamas
altes Kleid hängt
im Schrank
jede Paillette
hat gealtert

a long time
before i slip into sleep
this Sunday morning
in a synagogue
of warm shadows

es dauert lange
bevor ich in den Schlaf gleite
diesen Sonntagmorgen
in einer Synagoge
warmer Schatten

in the blue sky
seeing images of everything
i want to be...
i've failed to become
a crimson dahlia

im blauen Himmel
seh ich Bilder von allem
das ich sein möchte...
ich bin gescheitert an
einer feurigen Dahlie

the black woman's
blues song
sinking into her wash—
in the distance
a low-hanging red sun

Das melancholische Lied
der Schwarzen Frau
versinkt in ihrer Wäsche —
in der Ferne
hängt tief eine rote Sonne

something sensual
in the word
"vermillion"
taking another sip of tea
as i congratulate myself

etwas Sinnliches
in dem Wort
"Zinnoberrot"
ich nippe an meinem Tee
dieweil ich mich beglückwünsche

falling maple leaves...
unable to explain
why
i despise you
so very much

fallende Ahornblätter...
ich kann es mir nicht erklären
warum
ich dich so sehr
verachte

waiting
this long wait
that brings nothing
but more waiting...
waves against the rocks

warten
dieses lange Warten
das nichts bringt
als mehr warten...
Wellen gegen die Felsen

as fresh as lettuce in a salad
this anger i harbor
behind a tight smile

so frisch wie Lattich im Salat
dieser Zorn den ich hege
hinter einem verkrampften Lächeln

i want a love
like fresh browned toast
warming up a morning kitchen

ich will eine Liebe
wie frisch geröstetes Brot
das die Morgenküche wärmt

a love-song to myself:
a bouquet of crimson dahlias purchased
online on a whim

ein Liebeslied an mich selbt:
ein Strauß feuerroter Dahlien gekauft
online aus einer Laune heraus

 
Übersetzt und veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung des Autors.

Valeria Barouch & Tony Böhle

Tanka der Redaktionsmitglieder

Wintertief –
mein Spielbild empfiehlt mir
ab sofort
ein inniges Verhältnis
mit der Puderdose

                – Valeria Barouch

Aus dem Briefkasten
zieh‘ ich die Ereigniskarte:
Geh in Quarantäne!
Geh nicht über Los.
Zieh nicht 4000 € ein.
               – Tony Böhle

Das Notizbuch
meine Galeere, der Bleistift
mein Ruder
der Kalender schlägt den Takt
durch die gähnende Leere

                – Valeria Barouch

Im Halbdunkel der Bar
durchstöberst du die Karte:
Ist es ein
Virgin Sunrise den du suchst
oder ein Sex on the Beach?
               – Tony Böhle

Valeria Barouch & Tony Böhle

Tanka-Auswahl Februar 2021

Aus den Einsendungen, die zwischen dem 1. Oktober und dem 31. Dezember 2020 eingereicht wurden, hat die Jury, bestehend aus Valeria Barouch und Tony Böhle, für die Februar-Ausgabe von Einunddreißig eine Auswahl von 34 Tanka getroffen. Jeder Teilnehmer konnte bis zu zehn Tanka einreichen. Die ausgewählten Texte stehen nachfolgend alphabetisch nach den Autorennamen aufgelistet. Die Jurymitglieder haben jeweils ein Tanka, das sie besonders angesprochen hat, hervorgehoben und kommentiert.

Valeria Barouch

Zwei Tanka, die mich besonders ansprechen

mein Blick reiht sich ein
in den Kranichkeil
krrro, krom, komm...
jeder Flügelschlag zieht mich
fort vom Alltag

                – Claudia Brefeld

ein Vogelschwarm
betupft den Himmel
fliegt
wie ein geworfnes Lasso
fängt sich, löst sich auf im Baum

                – Angelica  Seithe

Ob man nun gerne Vögel beobachtet oder nicht, eines bin ich mir ganz sicher, die von diesen beiden Tanka geschilderten Naturschauspiele lassen niemanden gleichgültig. Die Autorinnen haben verschiedene Wege gewählt, um uns daran teilnehmen zu lassen.
Das Tanka von Claudia Brefeld baut sich auf ihre Gefühle auf. Wir sehen den Kranichkeil durch ihre Augen. Es ist ein aufmerksames Beobachten, sehr schön ausgedrückt durch den Blick, der sich in den Keil einreiht und demzufolge die Kraniche begleitet. Dann wird das Trompeten der Vögel erwähnt. Wer schon einmal das Glück hatte einen Kranichzug zu sehen weiß, dass normalerweise die Ohren den Blick nach oben ziehen. Die äußerst kräftigen Stimmen der Kraniche sind in der Tat über weite Distanzen hörbar und lassen den Augen Zeit den Himmel zu durchforschen. Doch hier passt die dritte Zeile perfekt um den Ruf zu erwähnen, denn die Autorin ist so gefesselt von dem Bild, dass sich das Trompeten allmählich in ein Wort verwandelt: "Komm!"  Dieser Einladung folgend, lässt sie sich wie verzaubert dem Alltag entreißen.
Kraniche habe die Menschen seit jeher beeindruckt. Sie galten in vielen Kulturen als Vögel des Glücks. So auch in Japan, wo heute noch Origami-Kraniche zu Wünschen für ein langes Leben überreicht werden. Und falls sie sich von den Göttern einen freien Wunsch erbitten möchten, dann machen sie sich am besten gleich an die Arbeit, es müssen dafür 1'000 Kraniche gefaltet werden.
Das Tanka von Angelica Seithe erwähnt weder den Namen der Vögel, noch geht es auf ihre Gefühle ein. Doch das treffend beschriebene Bild lässt sogleich an einen Starenschwarm denken. Wohl keine andere Vogelgruppe kann mit unglaublicher Geschwindigkeit und Eleganz aus Tausenden von Tupfen komplizierte Gebilde synchronisieren - dunkle Wolken wirbeln durch den Himmel, ballen sich zusammen, breiten sich aus oder fließen in die Länge. Der Autorin erscheint es wie ein Lasso, bis es sich in einem Baum auflöst. Dies gibt uns einen Hinweis auf die Tageszeit. Es ist Abend und der Starenschwarm hat sich einen Schlafplatz ausgewählt. Die Akrobatik dieser Schwärme ist berückend, es ist Poesie in Bewegung.
Beide Tanka haben etwas gemeinsam, nämlich einen Kollektivnamen - Keil für die Kraniche und Schwarm für die Stare. Wer es fantasievoller liebt, ist mit Englisch gut bedient. 1486 erschien eine Art Handbuch für den Gentleman Jäger "The Book of Saint Albans". Die darin enthaltenen Essays über Jagd und Falkenjagd werden einer Dame zugeschrieben: Juliana Barnes, Priorin einer Abtei in der Nähe von St. Albans. Das Buch beinhaltet eine Liste von Kollektivnamen von denen manche mehr poetisch als realistisch sind und auch heute noch in der Literatur überleben. Ein Starenschwarm heißt dort "ein Gemurmel von Staren" (murmuration). Stieglitze vereinen sich zu einem Charme, eine Gruppe von Lerchen wird zu einer Begeisterung und die Raben sind eine kollektive Unfreundlichkeit.
Das Wort "murmuration" in Zusammenhang mit den Staren hat mich immer fasziniert. Doch seit ich solche Schwärme beim Besetzen einer Allee beobachten konnte, kann ich ihnen versichern, ein tausendfaches Piepsen wird zum ohrenbetäubenden Lärm nicht zum Gemurmel.

Tony Böhle

Ein Tanka, das mich besonders anspricht

irgendwann
wird es kommen
um mich zu holen
ein stummes Blaulicht
mitten in der Nacht

                – Frank Dietrich

Vielleicht kennen Sie ja auch das ungute Gefühl, ein Polizeiauto im Rückspiegel zu haben – egal auf der Autobahn, der Landstraße oder in der Stadt. Auch wenn man alle Geschwindigkeitsbeschränkungen eingehalten hat, beim Abbiegen geblinkt, an allen roten Ampeln gestoppt. Ein gewisses Unbehagen bleibt, es könnte ja sein, dass…
Wie müsste man sich da erst fühlen, hätte man wirklich einen Grund zur Besorgnis? Eine Schramme, die man Tags zuvor auf dem Supermarktparkplatz in ein fremdes Auto gefahren hat ohne es zu melden, die kreativ geführte Firmenbuchhaltung oder noch Schlimmeres? Es gibt viele Berichte von unentdeckt lebenden Mördern, denen bei jedem Martinshorn und Streifenwagen mit Blaulicht der Schrecken durch Mark und Bein fuhr, bis eines Tages schließlich die Polizei vor der Tür stand und die eigene Verhaftung zur Erlösung wurde.
Frank Dietrichs Tanka skizziert das Aufsteigen solcher Gefühlsregungen, die wohl im lyrischen Ich beim Anblick eines nächtlich vorüberfahrenden Polizeifahrzeugs entstehen. Auch wenn das Polizeifahrzeug diesmal nur vorüberfährt, ist für das lyrische Ich klar, "irgendwann / wird es kommen / um mich zu holen".
Was eigentlich im Tanka vermieden werden sollte – Unkonkretheit, falls es dieses Wort geben sollte – wird hier zum kunstvollen Griff. Denn vieles bleibt für den Leser unklar. Handelt es sich hier um eine real begründete Angst oder eine unbegründete innere Angst? Ebenso die Frage, was das lyrische Ich denn als Grund der Verhaftung zu fürchten hätte. So gestaltet sich ein diffuses Gefühl der Bedrohung, wie es wohl auch das lyrische Ich empfinden soll.
Doch so seltsam uns diese Vorstellung erscheinen mag, für viele politische Aktivisten weltweit ist sie bittere Realität. Ein missliebiger Blog, ein aufgedeckter Korruptionsfall, eine Demonstration zu viel, dann steht tatsächlich "ein stummes Blaulicht / mitten in der Nacht" vor der Tür und der Delinquent verschwindet hinter Schloss und Riegel. Auch wenn es wahrscheinlich nicht die Intention des Tanka ist, so lässt sich doch eine gewisse politische Note hineinlegen.

Valeria Barouch & Tony Böhle (Auswahl)

Die Tanka-Auswahl

Früher,
so heißt es,
gab es Korbflechter im Dorf

Die alte Weide
weiß noch die Zeit

                – Reiner Bonack

 

das Licht des Mondes
auf den weißen Flaumfedern
des Traumfängers
so rein sind meine Träume
zumindest heutzutage

                – Silvia Kempen

DURCH ALLE MAUERRITZEN
des Klosters zwängt sich
der Frost –
kein Mönch sieht mehr
den Wildgänsen nach

                – Reiner Bonack

                 (in memoriam Imma von Bodmershof)

wie der Wind spielt
mit dem Vogel, der Vogel
mit dem Wind –
ich will dich nicht missen
will dich nicht missen, nicht dich

                – Ingrid Kunschke

auf der Suche
im Friedwald...
plötzlich berührt
lasse ich mich fallen
unter deinen Blättern

                – Claudia Brefeld

Herbst
und der Abschied
war nah
zwischen jetzt und nie mehr
fiel sanft der Regen, warm das Licht

                – Ingrid Kunschke

mein Blick reiht sich ein
in den Kranichkeil
krrro, krom, komm...
jeder Flügelschlag zieht mich
fort vom Alltag

                – Claudia Brefeld

komm lass uns feiern
der Wein aus dem Süden schmeckt
nach alten Zeiten
nur noch ein paar Gläser und
der Winter hat verloren

                – Eva Limbach

du siehst
das Grün in meinen braunen Augen
nicht
was übersiehst du
noch

                – Stefanie Bucifal

nach Süden ans Meer
die Musik im Radio
unüberhörbar...
wie wenig von den Liedern
ich heut noch mitsingen kann

                – Eva Limbach

nirgendwo
geh ich hin, begegne
niemandem
meine Einsamkeit
treibt Blüten

                – Stefanie Bucifal

Mächtig rollen sie,
rauschen, schlagen ins Gestein,
rinnen wieder ab.
Stahlblau weit der Ozean,
bewegt von welchen Fernen...

                – Horst Ludwig

Eintagsfliege
das Leben kürzer
als gedacht
so viele Pläne
nutzlos entworfen

                – Pitt Büerken

Erntezeit
hinterm Traktor her
fahre ich
tief ins Tal
zur Beerdigung

                – Jonathan Perry

niemals
hätte ich gedacht, dass
es so endet
denn wie es begonnen hat,
schien es sehr verheißungsvoll

                – Pitt Büerken

ein Glas Most genügt
den Vollmond zu betrachten
wie die Nacht
Schluck
für Schluck sich vertieft

                – Jonathan Perry

Überfüllter Zug
zwischen Koffern im Gang
und Rucksackstapeln
finde ich nicht in den Schlaf,
doch in Erinnerungen.

                – Beate Conrad

aufgewacht
setzt es sich
aufs Geschenkpapier
und grinst
mein Töchterchen

                – Jonathan Perry

irgendwann
wird es kommen
um mich zu holen
ein stummes Blaulicht
mitten in der Nacht

                – Frank Dietrich

fast sommerlich warm
für die Aufbahrung
wähle ich
nach kurzem Zögern
die Winterstiefel

                – Jonathan Perry

wiederentdeckt
in den Häuserschluchten
dieser fremden Stadt
die endlosen Straßen
meiner Kindheit

                – Frank Dietrich

Verkehr fließt vorbei
an gefährlicher Stelle.
Diesmal Fahrerflucht!
Am Straßenrand das Holzkreuz,
zerschmettert zwischen Blumen.

                – Wolfgang Rödig

unter dem Eis
der Schimmer
eines roten Blattes
ich denke
noch immer an dich

                – Frank Dietrich

Das gute Vinyl
dreht die Zeit so schön zurück.
Knisternde Spannung.
Sogar an manchem Kratzer
hängt eine Erinnerung.

                – Wolfgang Rödig

als hätte der Mond
einen Köder
ausgelegt
etwas Silbernes
am Grund des Brunnens

                – Frank Dietrich

Schneeschmelze
seine dünnen Ärmchen
wollen den Frühling drücken
und ertrinken
im Weiß des Lakens

                – Dyrk-Olaf Schreiber

Tage und Nächte
verschläft
der morsche Jägerzaun
meine Jacke
ist fleckig und regenschwer

                – Claus-Detlef Großmann

Vogelwolke
in wirbelndem Tanz
überm Tal
Einer legt sich als gelbes Blatt
aufs Dach des Nachbarn

                – Angelica Seithe

im täglichen Krieg
beugst du ein Knie und nennst mich
Jeanne d’Arc
so lege ich den Harnisch ab
und helf’ dir aufzusteh’n

                – Gabriele Hartmann

ein Vogelschwarm
betupft den Himmel
fliegt
wie ein geworfnes Lasso
fängt sich, löst sich auf im Baum

                – Angelica Seithe

ferne Gestade
locken – doch ich verharre
auf Zehenspitzen
nun, da mir das Wasser steht
bis zum Hals

                – Gabriele Hartmann

es war das Alter
das mich falsch beraten hat
und dem ich glaubte
setz dich bequem ans Fenster  
und lass das Leben draußen

                – Erika Uhlmann

Feld für Feld
male ich das Mandala
aus
auch die Beziehung
unserer Freunde

                – Silvia Kempen

Alle wollen sie
den Platz an meinen Ohren
Corona-Maske
Hörgerät und Wetterhut
und die Brille, die beschlägt

                – Erika Uhlmann

Silvia Kempem
Schwarz-Weiß

Als der erste Mensch den Mond betrat war ich elf Jahre alt. Wir hatten noch einen Schwarz-Weiß-Fernseher und wohnten sehr beengt in einer alten Stadtvilla unter dem Dach. Die Toilette befand sich im Keller. Das Licht war spärlich, es gab viele dunkle Ecken. Kein Ort, an dem sich ein Kind wohl fühlt.
Viel lieber sah ich oben aus dem Fenster.

  die hohe Fichte
  ist so nah an den Sternen
  auf ihrer Spitze
  möcht ich sitzen in der Nacht
  mich in den Weltraum beamen

Rüdiger Jung
17 Ansichten des Berges Fuji: Bilder und Tanka - eine Rezension

Sabine Zommerkampa: 17 skati uz Fudzi kalnu - Fotoatteli un tankas. Sabine Sommerkamp: 17 Ansichten des Berges Fuji: Bilder und Tanka. Aus dem Deutschen übersetzt von Anita Muitiniece, Einführung: Dietrich Krusche, Nachwort: Prof. Klaus Peter Nebel, 56 Seiten mit 22 Farbabbildungen, Format 20.5 × 27,5 cm, Verlag: Jumava, Riga, 2020. ISBN 978-9934-20-390-9. Preis: 13,60 Euro. Bestellungen mit Weiterleitung an den Verlag möglich über das Honorarkonsulat der Republik Lettland in Hamburg, Neuer Wall 10, 20354 Hamburg: Honorarkonsulat-Lettland-HH@web.de
 
Dr. Sabine Sommerkamp-Homann ist Honorarkonsulin der Republik Lettland in Hamburg (seit 1997), mehrfache Literaturpreisträgerin (in Japan, Deutschland und den USA) und Expertin für Tanka- und Haiku-Dichtung. Ihre Gedichte und Bücher sind in mehrere Sprachen (u.a. auch ins Ungarische) übersetzt und in Landessprache publiziert. In China erscheinen ihre Tanka und Haiku in Millionen-Auflage u. a. in der "Volkszeitung", übersetzt vom ehemaligen Kulturminister und meistgelesenen Schriftsteller Chinas, Wang Meng. "Der japanischen Leserschaft bringt der Germanistik-Professor Kenji Takeda die '17 Ansichten' mit seinen meisterlichen Übersetzungen nahe." (S. 47)
Für die gewählte lyrische Form bietet die Autorin auf Seite 6 folgende Charakteristik: "Das Tanka (dt. Kurzgedicht) ist eine mehr als 1300 Jahre alte reimlose japanische Gedichtform, bestehend aus einer dreizeiligen Oberstrophe (5/7/5 Silben) und einer zweizeiligen Unterstrophe (7/7 Silben) zu insgesamt 31 Silben. Sie ist älter als das Haiku, das sich aus dem Tanka entwickelte."
Den biographischen Bezug zum Thema bzw. Leitmotiv der Autorin benennt Prof. Nebel in seinem Nachwort (S. 46f): "1957, im A1ter von 5 Jahren, erblickte Sabine Sommerkamp auf einer Japan-Reise mit ihren Eltern erstmals den Berg Fuji. Der Anblick blieb für sie unvergesslich und entfachte eine lebenslange Liebe zu Japan. (...) 57 Jahre nach ihrer ersten Japan-Reise erlebte sie gemeinsam mit ihrem Sohn erneut den beeindruckenden Anb1ick des Fujiyama." Folgen wir an dieser Stelle den einleitenden Worten der Autorin (S. 6):
"1834 veröffentlichte der große japanische Maler und Farbholzschnittkünstler Hokusai (1760-1849) sein berühmtes Werk '100 Ansichten des Berges Fuji'. / 180 Jahre später bin ich zusammen mit meinem Sohn am Ufer des Kawaguchi-Sees im Anblick des Fuji, des höchsten Berges Japans (3776 m), für kurze Zeit auf den Gedankenpfaden dieses großen Künstlers gewandelt. / Mit der Kamera und mit meinen Worten in der klassischen japanischen Gedichtform des 'Tanka' habe ich versucht, die Schönheit und den Geist dieses unvergleichlichen Berges in den fo1genden '17 Ansichten des Berges Fuji' zum Ausdruck zu bringen." Einen wichtigen ergänzenden Hinweis liefert die Autorin noch an anderer Stelle, wenn sie von den "symbolisch einen Tagesrhythmus umfassenden '17 Ansichten (...)' " spricht. (S. 49)
In seiner faszinierenden Einführung (S.30 und 37 bis 43) verweist Dietrich Krusche darauf, dass sich Sabine Sommerkamp nicht "nur" poetisch, sondern auch wissenschaftlich mit der japanischen Kurzlyrik befasst hat: "An dem Projekt, japanische Formen der Lyrik in den 'Westen' zu übertragen, ist Sabine Sommerkamp in verschiedenen Funktionen beteiligt. Bereits ihre Dissertation 'Der Einfluss des Haiku auf Imagismus und jüngere Moderne. Studien zur englischen und amerikanischen Lyrik' (l984) zielt auf den zentralen Aspekt, unter dem der Transfer östlicher in westliche poetische Traditionen sich vollzieht: die Betonung der Anschauung gegenüber der Reflexion, der sinnlichen Evidenz gegenüber der Bedeutung übertragener Rede." (S.37)
Die Dissertation erschien zu einem Zeitpunkt, als mit einem halben Jahrhundert Verspätung (durch den Faschismus bedingt) die Rezeption von Karl Bühlers "Sprachtheorie" (1934/82) einsetzte, die als Funktion von Sprache und Poesie (zumal der japanischen!) neben dem Benennen die Deixis, das Zeigen, ausmachte. Krusche zieht Haiku-Beispiele von Basho und Kikaku heran, um das ganz Eigene der japanischen Poesie, mithin auch ihren ganz eigenen Reiz für westliche Autoren herauszuarbeiten. Ist die westliche Poesie eher in der Zeit und damit häufig auch in der Kausalität zuhause, beruht die japanische auf dem Raum. Ein weiterer, auffälliger Unterschied: das Haiku wird erst "fertig" beim Leser, der Leserin, die gefordert sind zur Beteiligung, zum Weitermachen. "Fertig" wird dabei meines Erachtens dadurch relativiert, dass ich ein Haiku mehrfach, in unterschiedlicher Situation, lesen und damit auch unterschiedlich fertig-lesen respektive -schreiben kann. Eingängig bleibt mir dabei das Beispiel des berühmten Steingartens des Ryoanji in Kyoto, der sich aus jedem auch nur minimal veränderten Blickwinkel anders ausnimmt, und in dem dem oder der Betrachtenden die Rolle des fehlenden, letzten Steins zukommt. (S. 39f) Schließlich zeigt Krusche mit einer eingehenden Analyse sorgsam ausgewählter Texte auf, wie die "17 Ansichten" Sommerkamps einen Pfad der Entwicklung durchmachen und beschreiten. Die Stärke der Autorin erblickt er gerade darin, dass sie keinen Hehl macht aus ihrem eigenen kulturellen Kontext, der seine Wurzeln in Europa hat. Es ist gleichermaßen östlicher wie westlicher Geist, den Sabine Sommerkamp wachruft, was ihren Tanka einen weiten Assoziationsraum und Konnotationshof eröffnet.

   Diese Symmetrie –
   Fuji, wer hat Dich geformt?
   Gab es die Form schon
   lang' vor Dir oder wurde
   sie erstmals nach Dir benannt? (S. 13)

Ein Gedicht, das dazu einlädt, auf dem Hintergrund von Platons Ideenlehre meditiert zu werden. Oder auf jenem des scholastischen Disputs von Nominalismus und Realismus… Irgendwo zwischen Parmenides und Heraklit das nächste Beispiel:

   Wolken vergehen,
   Pflanzen grünen und welken,
   jahrein und jahraus.
   Doch gleichbleibend stehst Du da,
   heiliger ewiger Berg! (5. 15)

Tanka und Haiku ziehen immer wieder auf das Verletzliche im Schönen, das Schöne im Verletzlichen. Die numinose Qualität des Fuji in dieser Betrachtung: er steht für das Bleibende als Kontrapunkt des Vergänglichen.

   Das Blau des Berges –
   der Kawaguchi-See glänzt
   in demselben Blau.
   Spiegelt der Fuji den See
   oder der See den Fuji? (S. 21)

Dieses Spiegelbildliche, Vexierbildhafte erinnert mich an manchen ihrer frühen "Lichtmomente" aus dem Jahr 1989. Und natürlich an die Frage Dschuang-dses, ob er ein Mensch sei, der träume, ein Falter zu sein - oder ein Falter, der träume, ein Mensch zu sein.
Das abschießende Tanka spielt eine besondere Rolle in der Betrachtung Dietrich Krusches - es ist gleichsam der Zielpunkt der Sammlung.

   Wohl hundert Male
   habe ich Dich angeschaut
   bei Tag und bei Nacht.
   Doch jetzt ist mir als seh‘ ich
   Dich das allererste Mal... (S. 27)

Berühmt das Koan, demzufolge der Berg erst der Berg ist, dann nicht mehr der Berg, dann wieder der Berg. So wenig siebzehn Tanka den Fuji erschöpfend zu umschreiben vermögen, so wenig vermögen es die hundert Meisterwerke Hokusais. Basho postulierte für die Haiku-Dichtung, den Blickwinkel eines Kindes, einzunehmen. Ja, vielleicht eines 5-jährigen Mädchens, das zum ersten Mai den Berg Fuji sieht und ihn nie vergisst. Dem bis heute angesichts dieser Überwältigung nur die Deixis, das Zeigen, zu Gebote steht, wo Benennen illusorisch bleiben muss. "Das Staunen ist der Anfang der Erkenntnis." Dieses Wort Platons, dem ganzen Band (S. 1) und dem Nachwort (S. 46) vorangestellt, gibt die Richtung vor: Das Staunen nimmt kein Ende. Oder, um es mit einer Spruch-Dichtung Christian Morgensterns zu sagen, die mir von Kind auf lieb ist:

   WIE SÜSS IST alles erste Kennenlernen!
   Du lebst so lange nur, als du entdeckst.
   Doch sei getrost: Unendlich ist der Text,
   und seine Melodie gesetzt aus - Sternen.

(Christian Morgenstern, Sämtliche Gedichte in 3 Bänden. Stuttgart, Urachhaus, 2013. Band 2, Seite 47)

Horst Ludwig
Leben eines Covid-Tanka


   urbi et orbi.
   Papst Franziskus am Fenster
   spendet den Segen
   Tief unten der Petersplatz
   in gespenstischer Leere.
                 Conrad Miesen
                   (Einunddreißig, Ausgabe 31, November 2020)

Nicht jeder kennt die lateinische Redewendung "urbi et orbi", und auch die, die sie kennen, wissen als Einzelheit dazu meist nur, dass der Papst seinen besonderen Segen "urbi et orbi" an besonders hohen Festen von seinem Balkon spricht und unten auf dem Petersplatz Tausende Pilger aus aller Welt ihm deshalb zujubeln. Dass damit besondere und ziemlich komplizierte katholische Glaubenslehre verbunden ist, haben sicher nur ganz wenige wahr. Berauschend ist die große Feststimmung. Aber hier in diesem Tanka ist der Petersplatz vollkommen leer, "gespenstisch" leer. Über die Medien jedoch geht die päpstliche Botschaft in die ewige Stadt (urbi) und in alle Welt (orbi).
Da ist also doch was Wesentliches dran, auch hier, wo's diesmal nicht schön festlich Weihnachten oder Ostern ist, sondern ein Virus die Stadt und die Welt beherrscht. Auch wenn es nicht zu sehen ist, fast jeder weiß von seiner zerstörerischen Macht und auch, dass man da noch so vorsichtig sein kann, sicher ist man davor nie.
Im Deutschen sind "Gespenster" auch "Geister", und zwar böse, keinesfalls heilende. Als Botschafter heilenden Geistes aber sieht sich der Papst und sehen Gläubige ihn, und dessen Botschaft kommt hier in diesem Tanka als Segenspendung auch zur Sprache. Ebenfalls in der Sprache bleibt aber unleugbar auch der gespenstische Geist, gerade in der Leere des weltberühmten Petersplatzes in Rom und in der Leere der Schulen, Kirchen, der Kinos, Theater, der Sportarenen aller Welt, im Abstand von deinem Nächsten von wenigstens zwei Metern. Mann Gottes, deutlicher kann's einen gar nicht anrühren, wo nichts zu sehen ist! Aber trotzdem spendet der Papst mit seiner besonderen Tradition hoffnungsvoll heilenden Segen.
Sprachlich enthalten die Wörter "gespenstisch" und "spenden" die gleiche Lautfolge in der Hauptsilbe, aber welch gegensätzliche Bedeutung wird hier nebeneinander laut! Und der Leser bekommt beides zu bedenken, ihm wird nichts vorgemacht oder verschönt. Conrad Miesens Tanka setzt ihn diesem Gegensatz voll aus.

Silvia Kempen & Gabriele Hartmann
Weggefährten

Broschüre "Weggefährten", 32 Seiten, 14,8 x 14,8 cm, zu bestellen per e-Mail an info@bon-say.de

Beate Conrad & Horst Ludwig
Weihnacht abgesagt

Beate Conrad & Horst Ludwig
Frostige Sterne


   Weihnacht abgesagt...
   Wir stochern durch den Nebel
   von Behauptungen.
   Sanft legt sich eine Wolke
   zu den schlafenden Schafen.

   Wir stochern Nebel

   und eigentlich müssten wir
   doch klarer sehen
   mit befohlener Ruhe
   und die bei gutem Abstand.

   Von Behauptungen
   fern Saturn und Jupiter
   gemeinsam heller
   unsere Odyssee durch
   den Dschungel der Nachrichten

   sanft eine Wolke
   dehnt sich weiter und weiter
   nach dem großen Krach
   mit dem Frieden beginne
   den sich alle erhoffen

  Schlafenden Schafen
  und ihren wachen Hirten
  der ganzen Schöpfung
  und allem auf schwerem Weg
  Trost in beladener Nacht.

  1, 3: Beate Conrad; 2, 4, 5: Horst Ludwig



   Frostige Sterne
   die Gesichter der Leute
   in der Straßenbahn.
   Selbst im begonnenen Jahr
   kaum Geschäfte zu machen.

   Gesichter, Leute,
   verschiedene Frisuren,
   manche ziemlich bloß.
   Bekannt die Metrostation,
   Tropfen an 'nem schwarzen Ast.

   In der Straßenbahn
   schräg, quietschend durch die Kurve
   Menschengedränge
   zu eng, viel zu eng zum Ab-
   Sprung kurz vor der Endstation.

   Begonnenen Jahrs
   Sichten, Ideen, Wünsche, ...
   zeitlich geht's weiter.
   Doch immer klingen Glocken
   bangen Erinnerungen.

   Geschäfte machen,
   jedem offen zulachen
   beim Mittagssechser
   im Vier-Sterne-Restaurant...
   So einfach kommt's nie wieder.

   1, 3: Beate Conrad; 2, 4, 5: Horst Ludwig

Martin Wolkner
Netravali


   Vorbei an Mühlen,
   Reisfeldern abgeerntet
   und Cashewhainen
   fährt uns das gelbe Tuktuk
   hoch hinauf in die Westghats.

   Nach Gewürzfarmen
   bei blubberndem Tempelteich
   durch ein kleines Dorf
   übergibt uns der Fahrer
   an einen Hirsebauern.

   Entlang Bananen
   am Bewässerungsgraben
   abgezwackt vom Bach
   führt uns der Einheimische
   tiefer in den Regenwald.

   Barfuß über Fels
   durch kühles Bergquellwasser
   unter grünem Dach
   wandern wir immer tiefer
   in unbewohnten Dschungel.

   Über gestürzte
   Bäume sowie Staatsgrenzen
   hinweg klettern wir,
   um mit Fischen zu baden
   in der Wasserfallgumpe.

   Kristallklarer Teich,
   gespeist von schäumendem Sturz,
   menschenverlassen,
   wir allein in der Natur,
   das war den weiten Weg wert.

   Netravali Wildlife Sanctuary, Sanguem, Goa, Indien &
    Anshi National Park, Uttara Kannada, Karnataka, Indien

Wettbewerbe, Termine und Veranstaltungen

Tanka-Wettbewerb der DHG
Schreiben Sie eine große Tradition fort! Noch bis zum 28. Februar 2021 können Sie bis zu zwei Tanka einreichen. Schicken Sie uns Ihre Beiträge bitte mit dem Betreff "Tanka-Wettbewerb" an die E-Mail-Adresse peter.rudolf@dhg-vorstand.de.
Das Thema lautet: Supermarkt.
Eine Formvorgabe (also 5-7-5-7-7 oder ähnliches) gibt es nicht. Es wird eine Wertung durch eine Jury geben und parallel dazu eine Wertung durch die Teilnehmer selbst. Die genauen Modalitäten werden allen Teilnehmern dann bei Wertungsbeginn mitgeteilt. Als kleinen Ansporn erhalten die Sieger eine Urkunde und ein Buch zum Thema Tanka, das sie selbst auswählen dürfen!

nächste Ausgabe

Die nächste Ausgabe von Einunddreißig erscheint am 15. Mai 2021. Der Einsendeschluss ist der 31. März 2021. Für die Einsendung von Beiträgen bitte ich, die Teilnahmebedingungen zu beachten.

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Alle Rechte bei Tony Böhle und den Autoren.
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