Ausgabe November 2020 - Einunddreißig

Einunddreißig
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Ausgabe Nr. 31 November 2020

Rezension

Tanka-Bilder / Foto-Tanka

Tanka-Prosastücke

Tanka-Sequenzen

Mitteilungen

Tony Böhle

Editorial

Vor wenigen Tagen konnte man vielen Hauptstädtern einen Stein vom Herzen fallen hören. Nach schier unzähligen verschobenen Eröffnungsterminen, explodierenden Kosten und Häme über Brandschutz, falsche Dübel und Geisterzüge ist eines der größten Bauprojekte Deutschlands zu seinem Abschluss gekommen. Nach dem ersten Spatenstich im Jahr 2006 sollte der Betrieb am neuen Hauptstadtflughafen ursprünglich schon 2011 beginnen. Nun, mit neun Jahren Verspätung,  hat am 31. Oktober endlich das erste Flugzeug auf dem Asphalt aufgesetzt. In der Zwischenzeit allerdings, war der Flughafen Berlin-Brandenburg zum Inbegriff des außer Kontrolle geratenen Großprojekts geworden. Aber noch nicht genug der Pleiten – zwar wurde der Betrieb mittlerweile aufgenommen, doch verwandelt die gegenwärtige Pandemie das Areal fast wieder in eine Geisterstadt.  
Doch sollte allen Spotts  nicht vergessen werden, dass der BER bei weitem nicht das einzige Großbauprojekt außer Kontrolle ist, war und wohl auch nicht bleiben wird. Weit braucht man gar nicht zu schauen um fündig zu werden: Hamburg hat sich eine neue Philharmonie – natürlich von Weltrang – geleistet, die am Ende elfmal teurer wurde als geplant, und in Stuttgart wartet noch ein Bahnhof auf seine Fertigstellung, der in Punkto Kostenexplosion den anderen beiden Projekten in nichts nachstehen dürfte. Doch alles hätte auch noch schlimmer kommen können, blickt man weiter in die Vergangenheit. Der Petersdom im Rom war über 120 Jahre hinweg eine Baustelle und der Kölner Dom in seinen 632 Jahren Entstehungszeit größtenteils eine Bauruine. Wer mag sich da noch über den BER beschweren? Andere Prestigeprojekte, wie Schloss Herrenchiemsee, blieben gleich ganz unvollendet und haben auch deshalb eine gewisse Berühmtheit erlangt.
Zugegeben, ein Vergleich zur Literatur mag etwas hinken. Sind bei Bauprojekten der lange Entstehungsprozess und das Scheitern doch eher Ausnahme als Regel, ist beim Schreiben die Gefahr des Scheiterns ein allgegenwärtiger Begleiter. Wer von uns kennt es nicht, das Ringen um jedes Wort, das frustrierte Beiseitelegen und Wieder-zur-Hand-Nehmen? Und sieht man am Ende einem so überschaubaren Stück Lyrik, wie dem Tanka an, welche Arbeit es seinem Schöpfer bereitet hat oder kommt es trotz aller Mühen leicht und locker daher, als ob es das Kind eines glücklichen Augenblicks wäre? Das heraus zu finden lade ich alle Leser herzlich zu einer neuen Ausgabe von Einunddreißig ein.

Valeria Barouch

Das Tanka international Teil XIX - Yukiko Inoue-Smith

Yukiko Inoue-Smith, Dr. phil., ist Professorin für pädagogische Psychologie und Forschung an der Universität von Guam. Sie gibt pädagogische Grundlagenkurse im Graduirtenprogramm. Ihre Lehrtätigkeit und Gelehrsamkeit in Bildungstechnologien haben sie gut vorbereitet um an der Universität eine wichtige Rolle zu spielen. Die Lyrik ist ebenfalls ein Bereich wo sie ihre Leidenschaft zum Schreiben ausleben kann. Sie hat mehrere Tanka-Sammlungen herausgegeben. Zu den jüngsten Veröffentlichungen zählen in 2019 Life with Gobelin and PJ (Katzen-Tanka), Winter Woods: My Journey into Tanka und in 2020 An Island of Plumerias: Embracing TANKA During My Days and Years in Guam.

while traveling
my husband phones
me to ask about
our two cats’ safety
first and foremost
              International Tanka (No. 3, 2018)

auf Reisen
ruft mein Mann an
befragt mich
zuallererst über das Wohl
unserer beiden Katzen
 

everything today
dashed my hopes
it is late now and
hearing my complaints
two cats have no response
              International Tanka (No. 6, 2019)

heute hat alles
meine Hoffnungen zerstört
zu dieser späten Stunde
hören zwei Katzen meine Klagen
und zeigen keine Reaktion

not having hobbies
for most of my life
I welcomed cats
to my recent years and
the days seem brighter
              International Tanka (No. 6, 2019)

ohne Steckenpferd
für den grössten Teil meines Lebens
begrüsste ich Katzen
an Bord in den letzten Jahren
die Tage scheinen nun heller

around noon
I happen to see
my yawning cat  
and catch myself
yawning too
              International Tanka (No. 6, 2019)

um die Mittagszeit
sehe ich zufällig
meine gähnende Katze
und ertappe mich ebenfalls
beim Gähnen

whispering
"Gobu-chan, how
beautiful you are…"
I gently stroke the female cat
taking a midday nap
              International Tanka (No. 5, 2019)

ich flüstere
"Gobu-chan, wie schön
du bist ..."
sanft die Katze streichelnd  
in ihrem Mittagsschlaf

this evening’s movie
the most satisfying
in a long time
increased my affection
for our house cats
              International Tanka (No. 5, 2019)

der abendliche Film
der erfreulichste heute
seit geraumer Zeit
erhöhte meine Zuneigung
für unsere Hauskatzen

there is something
I too want  
while gazing at
the cat intently following
a gecko on the wall
              International Tanka (No. 3, 2018)

da ist etwas
das auch ich will
während ich
die Katze anstarre die gespannt
dem Gecko an der Wand folgt

when I argue
with my husband
two cats intervene
mewing as if to stop
our harsh quarrel
              International Tanka (No. 2, 2017)

wenn ich
mit meinem Mann streite
intervenieren zwei Katzen
miauend als wollten sie
unseren scharfen Zank beenden

as if grooming him
the male cat licks
my husband’s short hair
in a tireless manner
of community service
              International Tanka (No. 5, 2019)

der Kater leckt
das kurze Haar meines Mannes
wie um ihn zu putzen
in der unermüdlichen Art
eines Gemeinschaftsdienstes

darkness sooner than usual
my husband and I will
see fireworks tonight
leaving our home entirely
in two cats’ charge
              International Tanka (No. 4, 2018)

es dunkelt früher als sonst
mein Mann und ich gehen
Feuerwerke anschauen
und lassen unser Haus völlig
in der Obhut zweier Katzen

 
Übersetzt und veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung der Autorin.

Valeria Barouch & Tony Böhle

Tanka der Redaktionsmitglieder

Du kommst wohl
nie wieder ins Dorf zurück...
auf dem Bahnsteig
seh ich nichts als die Hoffnung
auf Protest in Vaters Augen
             – Valeria Barouch

das Wort Student
als fordere schon sein Klang
von mir
eine gewisse Haltung
der Sorglosigkeit
             – Tony Böhle

das Blumengeschäft
gegenüber seiner Freundin
verkauft Kintsugi-Sets
ob ich eins kaufe für den Tag
wo es etwas zu kitten gibt
             – Valeria Barouch

Aufgereiht
wie Models auf dem Catwalk,
werfe ich
den Blumen im Schaufenster
scheu einen Blick zu.
             – Tony Böhle

Valeria Barouch & Tony Böhle

Tanka-Auswahl November 2020

Aus den Einsendungen, die zwischen dem 1. Juli und dem 30. September 2020 eingereicht wurden, hat die Jury, bestehend aus Valeria Barouch und Tony Böhle, für die August-Ausgabe von Einunddreißig eine Auswahl von 31 Tanka getroffen. Jeder Teilnehmer konnte bis zu zehn Tanka einreichen. Die ausgewählten Texte stehen nachfolgend alphabetisch nach den Autorennamen aufgelistet. Die Jurymitglieder haben jeweils ein Tanka, das sie besonders angesprochen hat, hervorgehoben und kommentiert.

Valeria Barouch

Ein Tanka, das mich besonders anspricht

restaurant –
an einen tisch geführt
unsere plätze
zwischen verbotenen plätzen –
die anwesenheit der leere...
               – Ruth Guggenmos-Walter
Im vergangenen Frühling wurden wir alle von einer Zeitmaschine erfasst, die uns in eine neue Wirklichkeit beförderte aus welcher wir so schnell wie möglich in unser altes Dasein zurückkehren möchten. Wir drücken auf die verschiedensten Knöpfe um dieser unfreiwilligen Reise eine Ende zu setzen, doch der Erfolg unserer Bemühungen ist bescheiden. Wir müssen feststellen, dass wir uns auf einem Schiff befinden, das von einer Monsterwelle zur anderen wogt. Während die einen sich für seefest halten und das Ganze als Seemannsgarn abtun, bemüht sich der Rest der Welt das Gefährt seetüchtig zu halten und die über Bord gespülten vor dem Untergang zu retten.
Bis zum letzten Frühling waren die meisten Restaurantbesuche für mich ein Grund mich über die Tischdichte zu ärgern. Wollte man verhindern, dass ein Dutzend Ohren mithörten, unterließ man am besten Gespräche über Familie und Beruf. Bis zum Frühling träumte ich von weit auseinander stehenden Tischen auch im Bistro, wo man sich schnell mal zum Lunch trifft und nicht nur in Sternerestaurants. So, und nun haben wir ihn, diesen ungestörten leeren Raum und können darüber nicht glücklich sein, denn es ist ja nicht so, dass wir freiwillig in den Genuss einer größeren Komfortzone gelangt  sind.
Die Stärke dieses Tanka liegt im vierten Vers in den beiden Worten: zwischen verbotenen. Hätte die Autorin "zwischen freien" oder "zwischen unbesetzten" Plätzen gewählt, würden wir möglicherweise in dem Text nicht sogleich unsere globale Erfahrung erkennen. Wir sähen nur das Bild eines wenig besuchten Lokals, was uns kaum berühren würde. Das Wort "zwischen" wird im Zusammenhang mit "verbotenen" verschärft und wir wissen instinktiv, dass es sich nicht um verstreute leere Plätze handelt, sondern dass wir rechts und links per Gesetz von Leere eingerahmt sind, die uns schützen soll. Auch die auf den ersten Blick paradoxale Anwendung von "Anwesenheit" im Zusammenhang mit "Leere" erlangt hier eine besondere Bedeutung. Die geschickte Wortwahl macht es unnötig den Schuldigen an dieser Lage namentlich zu nennen.

Mehr Raum, bessere Gespräche, Kontakte wieder aufleben lassen, ein paar vorsichtige Schritte zurück ins frühere Leben doch geht es Ihnen auch wie mir, der Appetit will oft nicht so recht mithalten.

Tony Böhle

Ein Tanka, das mich besonders anspricht

Herbst ist es
geworden und Kürbisse
schnitzend
beargwöhne ich meine
im Bottich schwimmende Fratze
               – Gabriele Hartmann
Der Herbst ist vielleicht die Jahreszeit, die uns mit ihren bunten fallenden Blättern am deutlichsten den Wandel der Natur und die Vergänglichkeit vor Augen führt. Auch die kürzer werdenden Tage mit Dämmerung und wabernden Nebeln schaffen eine ganz besondere, manchmal unbehagliche Stimmung des Abschieds, Bedrückung und wohl auch Ängstlichkeit.
An einen solchen Herbsttag versetzt uns das obenstehende Tanka, das mit der nüchtern anmutenden, aber recht wehmütigen Bestandsaufnehme "Herbst ist es / geworden" beginnt. Doch die Einordnung wird im Folgenden noch konkretisiert durch den Verweis "Kürbisse / schnitzend". Zwar sind Kürbisse im Supermarkt nahezu das ganze Jahr über erhältlich, doch werden Sie wohl nur kurz vor dem Halloween-Fest am 31. Oktober mit Schnitzereien verziert. Auch wenn hierzulande die Brauchtümer des Verkleidens und Süßigkeitensammelns an diesem Tag noch nicht so weit verbreitet sind wie in den angelsächsischen Ursprungsländern des Halloween-Fests, findet man ausgehöhlte Kürbisse mit mehr oder weniger kunstvoll eingeschnitzten Gesichtern – oder auch Fratzen –, die dem Betrachter Schauer einjagen sollen in immer mehr Vorgärten, Hauseingängen und Fenstern. So ist das Kürbisschnitzen in dieser Zeit nicht ungewöhnlich, wenngleich sie das Entfernen der Innereien und die Färbewirkung des Kürbisses recht mühsam und schmutzig machen. Nach vollendeter Arbeit ist es daher wohl ratsam, den ausgehöhlten und verzierten Kürbis in einem "Bottich" mit Wasser gründlich zu reinigen.
In diesem Kontext eröffnet das Tanka mit beißender Selbstironie und Resignation einen fast surrealen Blickwinkel. Die "im Bottich schwimmende Fratze" wird durch das vorangestellte Pronomen "meine" nicht nur zum kritischen Blick auf den geschnitzten Kürbis sondern auch auf das eigene Gesicht, welches sich auf der Wasseroberfläche spiegelt. Dieses Beargwöhnen der eigenen "Fratze" mag ihre Begründung vielleicht schon in den ersten beiden Zeilen "Herbst ist es / geworden" finden, in denen der Herbst auch symbolisch für das Erreichen eines Lebensabschnitts steht, in dem – gefühlt – die eigene Attraktivität schwindet und das Gesicht zu einer ungeliebten Fratze wird, das anderen Menschen und insbesondere Männern einen Schauer einjagt.
In diesem Zusammenhang sollten auch die Umbrüche im Tanka beachtet werden, die zwar äußerlich eine klassisch-harmonische Tanka-Form im kurz-lang-kurz-lang-lang Schema zutage treten lassen, aber inhaltlich eher unharmonisch, als eine Art Untermalung des Fratzengedankens, daher kommen.

Valeria Barouch & Tony Böhle (Auswahl)

Die Tanka-Auswahl

Mutters raue Hände
hielten meine
Du sollst es einmal besser haben!
Heute greifen
meine Hände ins Leere...

                – Claudia Brefeld

vor der Kamera
bist du nicht der, den ich kenne
nur ein Schauspieler
mit Farbe übertüncht
wie alle anderen

                – Silvia Kempen

wieder und wieder
die Blumen
zurechtrücken...
was anfangen
mit dem Rest des Tages?

                – Claudia Brefeld

ein paar Tage noch
und dann wird alles wieder
wie früher sein...
die Schnecke am Wegesrand
zieht sich in ihr Haus zurück

                – Eva Limbach

Postkarten, Poster, Fotografien
nichts wird ihm gerecht –
Fujisan
du rufst mich
in meinen Träumen

                – Stefanie Bucifal

bleibt noch ihr Schwalben
mit jedem Jahr das vergeht
fällt es mir schwerer
die Stille nach der ich mich sehnte
zu ertragen

                – Eva Limbach

achtunddreißig Grad
ich verkrieche mich
im Weinkeller
hier können Hitze und Durst
mir nichts anhaben

                – Pitt Büerken

Zag sinken erste
Flocken schließlich zu Boden,
da schmilzt's Weiß hin.
Kann sein, ich seh's das letzte Mal.
Wie wenig man doch fest weiß.

                – Horst Ludwig

er beantwortet
jeden Brief, sagt der Landrat
im Wahlkampf
also warte ich weiter
in diesem, dem vierten Jahr

                – Pitt Büerken

"Aber im Spiegel
seh' ich nur noch 'nen alten
verkalkten Kranken."
"Ja, aber Ihr Augenlicht
ist klar noch 20/20."

                – Horst Ludwig

Ganz grau der Engel,
auch etwas sonderbar sein
Gefieder gesträubt.
Als ob es ein Hühnchen zu
rupfen gegeben hätte.

                – Beate Conrad

Langstreckennachtbus
und's schneit immer dicker.
Am Bildschirm ein Film...
mit reichlich Zeit zur Fähre
zur Grablegung des Jungen.

                – Horst Ludwig

Morgen werde ich
gut sein, übermorgen auch,
schreit das Kind in mir
ein paar Schatten im Spiegel
verkehrt ein teuflisches Licht

                – Beate Conrad

Der Graubülbül singt...
Friedliche Abendstimmung
liegt über Erfoud.
Kein Windhauch in den Palmen
kein Flugsand der Sahara.

                – Conrad Miesen

an der Schwelle zum Schlaf
falte ich meine Flügel
werde kleiner
und kleiner
und schlüpfe zurück ins Ei

                – Frank Dietrich

urbi et orbi.
Papst Franziskus am Fenster
spendet den Segen
Tief unten der Petersplatz
in gespenstischer Leere.

                – Conrad Miesen

von hier oben
die Lichter der Großstadt
als hätte sich
die Milchstraße
auf der Erde fortgepflanzt

                – Frank Dietrich

Anezi-Tower.
Der Klageruf der Möwen
wird mir zur Komplet.
Fremd und bezaubernd zugleich:
maghrebinische Nächte.

                – Conrad Miesen

ein junges Pferd
schüttelt den Tau
aus seiner Mähne
heute
werd ich’s ihr sagen

                – Frank Dietrich

Das Gerberviertel
wirft seine Schatten voraus!
Taubenmist-Tunke
und noch fünf Minzeblättchen
gegen den derben Gestank.

                – Conrad Miesen

Es muss einen Doppelgänger
von mir geben.
Nett scheint er zu sein:
Menschen die ich nicht kenne
grüßen mich auf der Straße.

                – Frank Dietrich

Letzte Reisernte,
sie streckt den Rücken , so fern
der Heilige Berg –
Shinkansen rast , rast vorbei
in die wachsenden Schatten.

                – Heidelore Raab

das Jauchzen des Jungen
der ich war
wie es nachhallt
im Schluchzen des Mannes
der ich bin

                – Frank Dietrich

Überfüllung Geschrei
wir zwei befreien uns schon
zusammen
verlassen wir den Markt
der Karpfen und ich

                – Dyrk-Olaf Schreiber

restaurant –
an einen tisch geführt
unsere plätze
zwischen verbotenen plätzen –
die anwesenheit der leere...

                – Ruth Guggenmos-Walter

Sommernacht
im Fensterspiegel stehen wir
umarmt  
draußen fällt Regen –
leise durch uns hindurch

                – Angelica Seithe

Herbst ist es
geworden und Kürbisse
schnitzend
beargwöhne ich meine
im Bottich schwimmende Fratze

                – Gabriele Hartmann

Sommernacht
im Garten stehen wir
umarmt
Glühwürmchen schalten
ihr Licht aus und ein

                – Angelica Seithe

zuletzt bleibt
die Angst eines Tages
festzustellen
dass du mich lieber magst
als ich dich

                – Gabriele Hartmann

wirre Träume
spielen nachts
zusammen Poker
bis das Morgenlicht
sie ins Vergessen schickt

                – Erika Uhlmann

so tiefgründig
der Blick deiner Augen
wende ich mich ab
als der Gedanke aufkommt
was du wohl finden könntest

                – Silvia Kempen

Rüdiger Jung
Manchmal höre ich noch etwas Chopin - eine Rezension

Reiner Bonack. Manchmal höre ich noch etwas von Chopin. Gedichte. Norderstedt (Books on Demand), 2020.
ISBN 978-3-7528-9513-1. 108 Seiten.

Reiner Bonack ist zu recht bekannt als einer, der sich sehr frei und souverän der japanischen Kurzgedichtformen, in den letzten Jahren vor allem des Tanka, bedient. Postuliert das Haiku seinem Herkommen nach die absolute Gegenwart, steht das Tanka in ganz anderer Weise der Erinnerung offen – etwa jener der frühen Kindheitstage:

  Scheiben, wrasenbeschlagen,
  im Kessel brodelte Lauge
  Wunde Hände
  strichen am Abend
  des Waschtags sanft durch mein Haar.

     Auf der Schwärze neben der Hand
     schimmerten erste Worte,
     knirschte, so schien es,
     die Schiefertafel wie ich
     mit den Zähnen

  Gezügelt, artig
  noch immer, als ginge ich
  an Großmutters Hand
  Ein kleiner Zirkus rollt an,
  winken will ich - winke nicht  (S. 18)

Erinnerungen, die beim Lesen unmittelbar berühren – sinnlich, konkret, poetisch frisch und unverbraucht. Liebe und Abschied – das waren die bestimmenden Themen in dem Gedichtband “Dein Schweigen – meine Stimme“ von Marie Luise Kaschnitz. Für Reiner Bonacks neuen Band "Manchmal höre ich noch etwas von Chopin"– mit der Widmung "FÜR ANGELIKA" (S. 5) gilt dasselbe. Gedichte wie "Wünsche" (S. 67), wohl auch "Kreislauf" (S. 70), vor allem aber das ganze Kapitel “SCHAU / DIE MILCHSTERNE BLÜHEN" (S. 75 bis S. 100) sind besonders dicht bei dieser Widmung beheimatet. Der Autor begegnet dem Thema in großer stilistischer und formaler Vielfalt. Aber gerade wo das Empfinden so tief geht, so weit reicht, scheint das sparsame Wort angezeigt. Reiner Bonack ist sich dessen bewusst, dass gerade in der ältesten Tradition japanischer Lyrik, dem Tanka, Liebe und Abschied zu den klassischen Themen gehören. Gerade hier trägt er seine persönlichen, allerpersönlichsten Erfahrungen ein – in einer nicht selten geradezu beschwörenden Sprache.
Es mag vom Thema geboten sein, dass hier eine besondere Achtsamkeit waltet, die – man mag auch Franziskus von Assisi oder Kobayashi Issa als Vorbilder benennen – an Albert Schweitzers "Ehrfurcht vor dem Leben" anknüpft:

  Vor deinen Schuhen
  kleine Igel
  Behutsam weichst du
  aus, als lebten
  die Kastanien darin  (S. 90)

  DEZEMBERMORGEN
  Vergiss die Krümel nicht
  für unsere Fliege (S. 91)

Die persönlichsten Texte sind so berührend, dass ich sie in Auswahl zitieren, aber nicht kommentieren möchte – jedes deutende Wort gleitet an ihnen ab.

  AUF DEN HELLEN FÄDEN
  deines Haars glitzert Regen
  Komm schnell ins Haus
  Es wird wieder wachsen, Liebste
  Es wird wieder wachsen  (S. 84)

  DER KUCKUCK RUFT
  Zwei Jahre, sagst du,
  waren schon viel  (S. 86)

  NACHTS, IM TREPPENFLUR
  die schnellen Schritte
  Wer sollte kommen
  außer dir,
  die niemals mehr kommt  (S. 93)

  KALT IST ES
  Komm doch
  Dein Mantel wartet
  Wie wirst du frieren, jetzt,
  unter der Erde  (S. 94)

  UNSICHTBAR MACHTE
  Regen den Schnee, löschte
  den Winter und deine Spur
  Doch sehe ich dich
  gehen und gehen und – friere  (S. 98)

wie eindringlich allein diese Perpetuierung des Gehens von der Trauerarbeit spricht, einem Abschied, der Aufgabe ist und bleibt.

(Anmerkung des Rezensenten: Tanka, Haiku, Verwandtes finden sich in dem Buch auf den Seiten 5, 18, 81 und 84 bis 100).

Rüdiger Jung
PLAYLIST - eine Rezension

Tony Böhle: Playlist. Tanka. Illustrationen : Valeria Barouch. Frankfurt a. M. (edition federleicht), 2020. Nachwort : Christian Skrey
ISBN 978-3-946112-56-3. 84 Seiten. Preis: 18,00 € (D), 18,80 € (A)

5-7-5-7-7 die Silbenstruktur ist einprägsam. Nur, dass unsere Silben nicht dasselbe sind wie die Moren der japanischen Sprache. Nur, dass die klassische Zäsur nach dem dritten Segment immer noch gern genutzt keineswegs zwingend ist. Selbst eine Anzahl von fünf Zeilen ist kein Gesetz der Meder und Perser mehr. So viel zu einer rein „formalen“ Definition des Tanka.
Nicht die einzige Schwierigkeit der Adaption der Tanka-Poesie in deutscher Sprache. In seinem präzisen, informativen Nachwort (S. 65 bis 76) verweist Christian Skrey darauf, dass vor allem klassische Tanka ins Deutsche übersetzt wurden, was eine gewisse Einseitigkeit der Rezeption bedingte. Das moderne Tanka forciert nicht zuletzt durch die vom Westen erzwungene Öffnung Japans im 19. Jahrhundert blieb dabei weitgehend außen vor.
Liebe, Natur, Religion die klassische Themenpalette hat Wandlungen erfahren. Die Liebe ist platt gesagt komplizierter geworden, ambivalenter. Die Natur ist nicht mehr so sehr die unberührte als vielmehr die vom Menschen gestaltete. Der Religion schließlich hat die Wissenschaft ihren Rang streitig gemacht. (Ersetzen können hat sie sie m.E. nicht.)
Tony Böhle steht in besonderer Weise für das gegenwärtige deutschsprachige Tanka. Besonders als Herausgeber des Magazins "Einunddreißig". Aber auch als ein deutscher Autor, dem vergönnt war, für eines seiner modernen Tanka bei einem Wettbewerb in Japan prämiert zu werden.
Bertolt Brecht hat einmal das gute Gedicht über seinen "Widerhaken" definiert. Einen solchen sehe ich da, wo der allseits grassierenden Selbstoptimierung mutig Paroli geboten wird:

   Cervantes’ Don Quijote
   auf dem Stapel
   Mängelexemplare –
   ich kaufe es
   aus purer Solidarität  (S. 47)

Auch das Fixiert-Sein aufs Äußere erfährt den gebotenen Widerspruch:

   Kritisch beäugt
   als sei sie ein weniger
   respektables Wesen –
   eine Frau, Größe 50,
   im Victoria's Secret  (S. 52)

Traditionen von zweifelhaftem Wert begegnet Böhle erfrischend kritisch:

   einen Fehler
   eingestehen und
   wie man sich rasiert –
   nur zwei der Dinge,
   die Vater mich nicht lehrte  (S. 39)

Eine politische Haltung kristallisiert sich durchaus im Gespräch den Generationen heraus:

   angekommen
   in der neuen Wohnung:
   der Nierentisch,
   Großmutters Geschirr und
   jene Angst vor einem Krieg  (S. 33)

Das "Wirtschaftswunder" der 50er Jahre, konfrontiert mit dem neuen und wachsenden Drohpotential atomarer Bewaffnung der Enkel findet sich in dieser Kombination von Wohlstand und Gefahr durchaus wieder. Und verwahrt sich gegen die Rezepte, die die Elterngeneration in ihrer Kindheit zu schlucken hatte:

   bei Gefahr
   sich Ducken und Bedecken  
   doch will ich mich
   nicht bedecken und auch nicht ducken
   wie meine Eltern einst  (S. 34)

Jede Kindheit steht für einen neuen Anfang, eine neue Chance für die Menschheit. An ihrem utopischen Potential gilt es festzuhalten – auch als Erwachsener:

   die Tüte m&m's
   vom Bahnhofsautomaten –
   ich halte sie fest
   wie ein Versprechen
   kindlichen Glücks  (S. 17)

Die Melancholie; die dem einhergeht; scheint unausweichlich. Aber vergessen wir nicht, dass der Melancholiker sich keiner Sache sicher sein kann nicht einmal der Totalität des Misslingens:

   Papierschiffchen,
   einst in die Welt geschickt
   vom Rand des Bachs…
   das ferne Meer
   haben sie wohl nie erreicht  (S. 44)

Unter den klassischen Themen der Tanka-Dichtung ist es die Liebe, der Tony Böhle in meinen Augen die faszinierendsten poetischen Facetten abzugewinnen vermag, mit einer sehr feinen, geschärften Sensibilität:

   was dich bedrückt,
   weiß ich nicht, doch habe
   ich ihn wohl bemerkt,
   den zweiten Würfel Zucker
   in deiner Tasse Tee  (S. 38)

   Überrascht
   vom Regen öffne ich
   den Schirm,
   doch du greifst nach deinem…
   kalt ist dieser Abend  (S. 61)

In seinem Vorwort zitiert Böhle den Prolog des Kokin Wakashu, der ersten "offiziellen" Tanka-Sammlung (auf kaiserlichem Geheiß). Gerade im Blick auf die Liebe wird hier dem Tanka Außerordentliches zugetraut "es (...) schafft Gleichklang zwischen Mann und Frau" (S. 8). Das stellt sich in der Moderne gelinde gesagt ein wenig schwieriger dar:

   du hast deine
   Zukunftspläne und
   ich hab’ meine…
   so beginnt das Spiel
   Reise nach Jerusalem  (S. 53)

Drastischer noch und bei aller Dramatik nicht ohne Augenzwinkern:

   "Nein, ich möchte
   wirklich keine Kinder…"
   einen nach
   dem anderen sortierst du
   die Shrimps aus dem Salat  (S. 52)

Männer sind anders, Frauen auch. So nehmen die Schmetterlinge im Bauch eine sehr unterschiedliche und letztlich doch wieder ähnliche Entwicklung:

   versuche ich es
   mit einem Vergleich,
   bist du die
   Puppe ohne Mund und ich
   ein Falter ohne Fühler  (S. 61)

Liebe, so scheint es, ist nichts für Feiglinge. Vielleicht ist die Messlatte romantischer Filme arg hoch gelegt. Zumindest, bis man/frau anfängt, das Strickmuster zu durchschauen:

   die Liebenden vereint
   trotz aller Widrigkeiten...
   ist dies nicht der Punkt,
   an dem eine Geschichte
   erst wirklich beginnt?  (S. 58)

So viel zum Mythos “happy end". Wer will schon das Ende? Und wer glaubt allen Ernstes, das Glück auf Dauer zu stellen? Wo andere Gesetze gelten als die des Films, lautet die große Herausforderung, dass die Liebe und der Alltag zueinander finden. Ein Wagnis ist und bleibt das ganze Leben und Angst kein guter Ratgeber:

   "Kommt der Tag,
   dass es nicht mehr passt, lass es
   uns gut beenden." –
   eine Liebe, die so spricht,
   ist wohl schon keine mehr...  (S. 60}

Playlist. Tanka von Tony Böhle mit Illustrationen von Valeria Barouch. Frankfurt a. M.: edition federleicht 2020. 84 Seiten, 18,00 €. ISBN-978-3-946112-56-3.

Beate Conrad
Tanka-Prosa "Allerseelen"

Die Sonne schmilzt die ganze verbotene Stadt zu einem einzigen Punkt. Als wäre er eine verrückte Posaune, die dem Herzen Sprünge verleiht. Aber nein, dieses Spiel ist nicht gerade die schönste Stunde. Es ist vielmehr der Schlußakkord einer Symphonie, der einer jeden Farbe auf den Höhepunkt ihres Lebens verhilft. Zu diesem Fortissimo lässt das große Orchester die Stadt erklingen

   rot, gelb, blau, weiß...
   Töne, zitternde Seelen,
   – wie sie vibrieren –
   ein Himmel voller Sterne,
   wo einer alles ausmacht.

Beate Conrad
Tanka-Prosa "Wechsel"


   Das kleine Flugzeug
   im Novemberwind, so stark
   treibt's, trudelt's, sackt's tief
   durch Himmelslöcher, so groß
   auf der Erde die Wolken

Ein Frühjahr der Notwendigkeit hebe Grenzen auf und reiße Mauern ein. Pedantisch. Stein um Stein. Energie diene ihrer eignen Kraft mit unbeirrbarer Sturheit. Ganz gleich, dass es oppositionelle Kräfte seien, ihre Notwendigkeit ließe sie schon noch dienen.  
Sprösslinge stießen durch die Oberfläche, ganz gleich wie weit es bis dahin sei. Sie alle besäßen die gleiche Wurzel und kämen aus dem gleichen Untergrund. Natürlich. Je größer der Widerstand, desto größer der Kampf. Doch zu besonderer Zeit bräche er sich geeint eine Bahn...

   Versprochen ist... doch
   was versprochen, versprach's
   als er sich wohl ver-
   sprach mit unschuldigem Blick
   und faustischer Verbeugung

inmitten der windigen Nacht schrecke ich hoch zu flimmernden Bildern in rot, weiß und blau mit pathetischem Unterton. Ich schalte den Fernseher ab. Das Mobiltelefon zeigt drei verpasste Anrufe an und eine Aufforderung, elektronisch zu wählen. Das ginge neuerdings per Handy ganz sicher und bequem. Betrug sei ausgeschlossen. Natürlich. Denn alle wesentlichen Datenparameter seien gespeichert und so unverwechselbar wie der eigene Fingerabdruck. Ich hätte noch eine Stimme, meine Stimme. Ja. Nicht zum Erheben. Nein. Aber um sie abzugeben. Natürlich. Fröstelnd und schlaftrunken schüttle ich meinen Kopf. Dann lege ich mich in mein Daunenbett.

Am Morgen bleibt mein Traum vom Traum im Tal des Kissens zurück. Doch noch auf der Bettkante fällt's mir wieder ein: Wir haben November. Morgen – immer ein Dienstag – ist Wahltag in meiner zweiten Heimat in Übersee, wo ich nun schon länger nicht mehr weile.

   Ziehende Gänse
   sie werden immer lauter,
   steigen ins Kalte,
   eine Formation, wo sie
   fraglos wissen, was sie tun.

Gabriele Hartmann
Sequenz "geschrumpft"


   in der Pubertät
   begann ich Worte
   Worte zu wiederholen
   damit sie sich entfalten konnten
   zu sinnfreiem Klang

zum Klassentreffen nach 47 Jahren
werden nicht alle kommen... so viele Namen sind geschwärzt

   gehe ich heute
   durch die Gassen meiner Stadt
   kommt alles kleiner
   mir vor – selbst Schatten
   scheinen geschrumpft

meine Wünsche? die hehren Ziele?
noch immer möchte ich Cabrio fahren

   wer auch immer
   wir waren – lass uns noch werden
   wie wir sein wollten
   damit unsre Geschichten
   man einst erzählt am Kamin

Silvia Kempen
Tanka-Sequenz "der Nächste bitte"


  hinter Plexiglas
  die Sprechstundenhilfe
  versteht mich nicht
  durch das offene Fenster
  der Song: Völlig losgelöst

  wieder von vorne
  und dieses Mal
  meine Stimme lauter
  das Rot ihrer Bluse
  passt zum Lippenstift

  ungeschminkt ich
  hinter der Behelfsmaske
  mit Sonnenblumen
  von einem Unbekannten
  das Bild an der Praxiswand

  im Wartezimmer
  nur fremde Augenpaare
  mir entgegen
  und das kleine Mädchen
  mit unbedecktem Gesicht

  ihr Name: Mia
  zwei kleine Rattenschwänze
  wippen beim Laufen
  wie die Glockenblumen
  vor unserem Haus im Wind

  leises Pfeifen
  der Mann gegenüber
  wohl eingeschlafen
  seine Brille beschlagen
  der Nächste bitte

  auch im Nebel
  unter dem Stoff kitzelt es
  an der Nase
  als ich aufgerufen werde
  beginnt das Mittagsläuten

Wettbewerbe, Termine und Veranstaltungen

Etcetera
In der vierteljährlich erscheinenden Literaturzeitschrift "etcetera" ist eine Rezension zur Tanka-Sammlung "Playlist" erschienen. Die Besprechung findet sich unter folgendem Link: https://www.litges.at/kritik/buch/wolfgang-stock/tony-boehle-playlist-gedichte

The British Haiku and Tanka Awards
In den Kategorien Tanka, Haiku und Haibun schreibt die British Haiku Society (BHS) einen Wettbewerb aus, zu dem noch bis zum 31. Januar 2021 Beiträge in beliebiger Zahl eingereicht werden können. Für die Beiträge, die in englischer Sprache eingereicht werden müssen, wird eine kleine Teilnahmegebühr erhoben. Der Wettbewerb steht sowohl Mitgliedern wie auch Nichtmitgliedern der BHS offen. Die Gewinner erwarten Geldpreise. Die Einzelheiten zur Ausschreibung und die Teilnahmebedingungen finden sich auf der Webseite der BHS: http://britishhaikusociety.org.uk/category/competitions/

nächste Ausgabe

Die nächste Ausgabe von Einunddreißig erscheint am 15. Februar 2021. Der Einsendeschluss ist der 31. Dezember 2020. Für die Einsendung von Beiträgen bitte ich, die Teilnahmebedingungen zu beachten.

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Alle Rechte bei Tony Böhle und den Autoren.
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