Ausgabe Februar 2020 - Einunddreißig

Einunddreißig
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Ausgabe Nr. 28 Februar 2020

Tony Böhle

Editorial

Mit dem 31. Dezember 2019 ging diesmal nicht nur ein Jahr sondern ein ganzes Jahrzehnt zu Ende. Doch das neue Jahrzehnt wird durchaus skeptisch beäugt. Immer wieder werden Vergleiche zu den 20er Jahren des letzten 20. Jahrhunderts angestellt. Parallelen zwischen dem Erstarken der sogenannten Rechtspopulisten und den Anfängen des Faschismus in Europa werden bemüht. Ebenso zwischen der politischen Spaltung der Gesellschaft sowie dem Auseinandergehen der sozialen Schere. Auch das neu aufgetretene Corona-Virus wurde schon zur Spanischen Grippe des 21. Jahrhunderts stilisiert. Doch halten all diese Vergleiche einer genaueren Prüfung stand? Wohl eher nicht – zum Glück. Anders als in den 1920er Jahren muss Europa heute nicht die Folgen eines gerade überstandenen verheerenden Krieges bewältigen. Und trotz aller Ungerechtigkeiten geht es uns heute statistisch gesehen so gut wie nie zuvor. Dass solche Vergleiche dennoch gezogen werden, sagt weniger etwas über den tatsächlichen Zustand aus, als vielmehr über die aktuelle Stimmungslage. Skepsis, Zweifel, Angst vor dem, was noch kommen wird. Wenig Zuversicht, auch bei jenen, die ihre gegenwärtige Situation als gut einschätzen.
Lassen sich solche Vergleiche auch zum Tanka der 1920er Jahre (in Japan) ziehen? Damals hatte sich die Form von ihren Ursprüngen der höfischen Dichtung und ihren Konventionen emanzipiert – auch unter dem Eindruck der westlichen Dichtung. Liest man heute Tanka aus den 1920er Jahren, wirken sie oftmals moderner, manchmal auch radikaler als wir es von heute kennen. Im Land der aufgehenden Sonne wurde schon damals mit freien Versmaßen, Umgangssprache, der Einbindung von Gesprächsfetzen oder politischen Äußerungen experimentiert. Verglichen damit, kommt das Tanka heute konservativer daher, obwohl es genug zu sagen gibt.
Wie das Tanka des neuen Jahrzehnts aussehen wird, welche Themen uns bewegen und ob es "goldene Zwanziger" für das Tanka werden – dies zu erkunden und mitzugestalten, lade ich alle Interessierten zur Februar-Ausgabe von Einunddreißig ein.

Valeria Barouch

Das Tanka international Teil XVI - Natalia Rudychev

Natalia L. Rudychev ist eine mehrfach ausgezeichnete Fotografin, Fulbright Stipendiatin und Kandidatin für den Touchstone Buchpreis. Sie gewann 2008 den ersten Preis im 1. Internationalen Erotik Tanka Wettbewerb und 2009 im 6. Internationalen Tanka Wettbewerb der Japan Tanka Poets' Society. Sie hat zwei Tanka-Sammlungen veröffentlicht: "The Willow" und "Between the Lines". Ihre Gedichte erscheinen regelmäßig in Red Lights, Ribbons, Blithe Spirit, International Tanka, Gusts und Bottle Rockets, u.a.
Ihre Webseite http://www.thepoetryofbreath.com/4.html gibt Aufschluss über ihre zahlreichen Projekte, die Tanka mit Video, Choreografie, Sumi-e und Fotos verbinden.
Ein Haiku und eine Tankafolge in Tanz umgesetzt, findet man über diesen Link: https://www.youtube.com/watch?v=loyfx_gFHIM
Natalia versucht durch ihre Werke, ihre formale Ausbildung in Literatur, Tanz und Philosophie in fachübergreifenden Projekten zum Ausdruck zu bringen; Projekte, die Geschichten, Mythen und Handlungen, eingebettet in gewöhnlichen Objekten, enthüllen. Inspiriert von der japanischen Ästhetik des Wabi-Sabi, erfindet sie surrealistische Geschichten in denen sich soziale Gebilde bezüglich Natur, Geschlechterunterschiede und diasporische Zustände überschneiden.
Werke von Natalia L. Rudychev befinden sich in öffentlichen und privaten Sammlungen in Japan, England, Russland und den USA. Publikationen umfassen Zeitschriften und Zeitungen in den USA, Japan, Australien, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Kanada, Indien und Russland.

i wish
my kisses
were the cherry petals
that stream all over you
in April wind
              1st Place Winner of the First
              International Erotic Tanka Contest

ich möchte
meine Küsse
wären die Kirschblüten
die dich überfluten
im Aprilwind
              1. Preis, 1. Internationaler
              Erotik Tanka Wettbewerb

the cranes descended
flying through the scarlet sun
and rose in the morn
next day the snow was adorned
by feet that danced in pale light
             Winner of the 6th International Tanka Competition
            2009 organized by Japan Tanka Poets' Society

die Kraniche landeten
durch die scharlachrote Sonne gleitend
und stiegen auf am Morgen
der Tag fand den Schnee verziert
von tanzenden Füßen im fahlen Licht
            1. Preis im 6. Internationalen Tanka Wettbewerb
           2009 der Japan Tanka Poets' Society

midweek
midlife
mid spring
soft rain steps
to you
             Moonbathing, Spring/Summer, 2015

Wochenmitte
Lebensmitte
Mitte des Frühlings
sanfte Regenschritte
zu dir
             Moonbathing, Frühling/Sommer, 2015

a puddle
reflects the temple
and a little sky
a sparrow
takes a sip
             Ribbons, Fall, 2014

eine Pfütze
widerspiegelt den Tempel
und ein wenig Himmel
ein Spatz
nippt daran
             Ribbons, Herbst, 2014

some things enjoy the light
and others harbor darkness
the Milky Way between us
grows wings at dawn
to fill the blue with starlings
            Bottle Rockets, #34, 2016

manche Dinge genießen Licht
andere hegen Dunkelheit
der Milchstraße zwischen uns
wachsen Flügel in der Dämmerung
um das Blau mit Staren zu füllen
            Bottle Rockets, #34, 2016

i may be frail
but among my master's students
no other
tore a washi
with the first brushstroke
            Kokako, #11, 2009

ich mag ja schwach sein
doch kein anderer Student
meines Meisters
zerriss ein Washi*
mit dem ersten Pinselstrich
            Kokako, #11, 2009

*Japanpapier auch Reispapier genannt

two-day moon
cuts through the night
leaving a mark
on the poem
yet to be written
            Red Lights, Vol. 3, #1, 2007

der zweitägige Mond
schneidet durch die Nacht
eine Spur hinterlassend
auf dem Gedicht
noch nicht geschrieben
             Red Lights, Band 3, #1, 2007

the puppy
hit by a car
stops screaming
my ears
do not
           White Lotus
           Editor's Choice Award, Issue 7, 2008

der Welpe
von einem Auto angefahren
hört auf zu heulen
meine Ohren
nicht
           White Lotus, Editor's Choice Award
           (Auszeichnung der Redaktion), Ausgabe 7, 2008

young moon
because of you
i'm learning
the art of pushing
darkness out of me
            Blythe Spirit, issue 28, #4

junger Mond
deinetwegen
lerne ich
die Kunst Dunkelheit
aus mir zu vertreiben
             Blythe Spirit, Ausgabe 28, #4

inhaling
the cold winter air
we exhale
the warmth
of approaching spring
             Gusts, Spring/Summer, 2018

einatmen
kalte Winterluft
dann ausatmen
die Wärme
vom nahen Lenz
             Gusts, Frühling/Sommer, 2018

 
Übersetzt und veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung der Autorin.

Valeria Barouch & Tony Böhle

Tanka der Redaktionsmitglieder

Die Narzissen
leuchten kraftvoll
bei jedem Wetter
nur die Opfer ermatten
in den Fängen der Spinne

                – Valeria Barouch

eine Weile noch
der letzte Vogelzug
am Horizont...
wie einsam ist wohl nun
der alte Apfelbaum?
               – Tony Böhle

Frühstücksbuffet...
die Wissenschaft wird wohl
bald entdecken
die Verwandtschaft zwischen
Mensch und Heuschrecke

                – Valeria Barouch

unsere Füße
baumeln im Wasser umher
und wir lachen
über letzte Nacht –
nur der blaue Himmel lauscht
               – Tony Böhle

Valeria Barouch & Tony Böhle

Tanka-Auswahl Februar 2020

Aus den Einsendungen, die zwischen dem 1. Oktober 2019 und dem 31. Dezember 2019 eingereicht wurden, hat die Jury, bestehend aus Valeria Barouch und Tony Böhle, für die Februar-Ausgabe von Einunddreißig eine Auswahl von 23 Tanka getroffen. Jeder Teilnehmer konnte bis zu zehn Tanka einreichen. Die ausgewählten Texte stehen nachfolgend alphabetisch nach den Autorennamen aufgelistet. Die Jurymitglieder haben jeweils ein Tanka, das sie besonders angesprochen hat, hervorgehoben und kommentiert.

Valeria Barouch

Ein Tanka, das mich besonders anspricht

zu den Sternen
hatte sie immer gewollt
es hat aber nur
zu den Planeten gereicht
alles andere war ihr zu heiß

                – Ralf Bröker

Wann waren sie das letzte Mal ein Sternreisender oder Sterngreifer? Ob sie nun das eine oder andere waren, oder immer noch sind, spielt keine Rolle. Beiden geht es um das Gleiche ein Ziel zu erreichen, das unmöglich scheint. Dieses Tanka hat meine Aufmerksamkeit erregt, weil es altbekannten Zitaten einen Hauch von Science-Fiction verleiht, mit der Anspielung auf eine interstellare Reise, die dann aber noch Zuhause endet, nämlich in unserem Sonnensystem. Natürlich wissen wir ja inzwischen, dass es auch außerhalb unseres Sonnensystems Planeten gibt, die sogenannten Exoplaneten. So ist es denn das vermindernde "nur", woraus man schließen kann, wo die Reise endete. Es ist eine "sie", die irgendwann in ihrem Leben sehr ehrgeizige Pläne schmiedete. Was sie daran hinderte ihr Ziel zu erreichen, können wir nicht wissen. Es hat nur bis zu den Planeten gereicht. Dieses "nur" tönt vorerst einmal negativ, wie auch das 5. Segment "alles andere war ihr zu heiß". Hatte es ihr an Mut, Entschlossenheit und Kompetenzen gemangelt um ihren Traum zu verwirklichen oder wusste sie sich ihrer Ellbogen nicht zu bedienen? Wenn der Leser dieses "nur" und "zu heiß" lediglich überfliegt, sozusagen mit Fluchtgeschwindigkeit, dann bleibt wahrscheinlich der negative Eindruck hängen. Beim aufmerksamen Hineinlesen und Hineinfühlen können sich aber auch jede Menge guter Gründe für den verkürzten Raumflug entfalten. Wer hat nicht schon mal in seinem Leben unrealistische Ziele gesetzt um sie dann nach und nach den realen Umständen anzupassen? Hatte die Protagonistin dieses Tankas berufliche Träume? Der rasante Wandel der Arbeitswelt könnte wohl für Neuorientierungen verantwortlich sein. Die Triebfeder für Sternreisen können Träume oder Ehrgeiz sein. Während sich Träume im Alltag oft ganz von selbst auflösen, ist der Ehrgeiz wahrscheinlich widerstandsfähiger. Die Ambition gilt heute als positive, gesunde Charaktereigenschaft, doch kann sie auch krankhafte Züge annehmen. Diese Gefahr schlummert schon im Wort "Ehrgeiz", das aus dem ahd "êre" (Ehre) und "gite" (Gier) zusammengesetzt ist. Überdimensionierte Begierde nach Ansehen, kann zum Gegenteil führen, nämlich, dass man nicht mit Ehre überhäuft wird, sondern sie aufs Spiel setzt. Es kann so heiß werden im Kampf um den ersten Platz, dass sich schon mancher selbst verloren hat. Sich mit "nur" zu begnügen weil man sich einer Gefahr bewusst wird, heißt nicht, dass man kalte Füße kriegt! Es ist dann schon eher ein Zeichen von gesundem Menschenverstand.
So ist es vorstellbar, dass die Sternreisende auf dem Weg zum Erfolg einmal die Beweggründe ihrer Ambitionen einer Prüfung unterzog und feststellen musste, dass sich ihre Prioritäten geändert hatten. Immerhin hatte sie es schon zu den Planeten geschafft. Bei einer Standortbestimmung ist ihr womöglich ein Licht aufgegangen, dass sie statt nach den Sternen zu greifen, doch lieber Sterne vom Himmel holen möchte.
Es ist interessant, wie je nach Sprichwort sich die Selbstsucht in Tugend verwandelt. Man greift nach den Sternen meist für die eigene Person, aber man möchte sie für jemanden holen. Im Februar, besonders am Valentinstag, hat wohl letztere Version Hochkonjunktur. Verliebte schwören gerne, dass sie für den anderen Unmögliches zu tun bereit sind, wenn sich dieser gute Wille dann auch oft nur als das Blaue vom Himmel herausstellt.
Doch was wäre das Leben ohne Träume? Auch wenn wir es nur bis zu den Planeten schaffen, oder gar auf der Erde bleiben, zu den Sternen sollten wir trotzdem aufschauen. Oder um mit den Worten eines meiner Lieblingsschriftstellers zu schließen: "... nichts ist es wert getan zu werden, als das was die Welt für unmöglich erklärt." (m. Übersetzung)*

*...nothing is worth doing except what the world says is impossible.
Oscar Wild's Vortrag vor Kunststudenten, 30. Juni 1883

Tony Böhle

Ein Tanka, das mich besonders anspricht

die Bibel sagt
am siebten Tage ruhte
der Schöpfer
nicht so der Bulgare
auf dem Bau gegenüber

                – Pitt Büerken

Haben Sie vielleicht auch gerade eine Baustelle vor der Nase? Ob vor der eigenen Tür oder beim Blick aus dem Bürofenster – ab und zu den Blick für eine Minute über das geschäftige Treiben schweifen zu lassen, ist durchaus unterhaltsam. Doch oft herrscht nicht nur ein Gewirr von Menschen und Maschinen, sondern auch ein geradezu babylonisches Sprachengewirr. Vielleicht schnappt man im Vorübergehen den einen oder anderen Satzfetzen auf und kann sich vielleicht eine ungefähre Vorstellung von der Herkunft der Arbeiter machen.
Das vorliegende Tanka berichtet von einem solchen "Bau gegenüber" – von denen es wohl viele gibt – dem der Beobachter tagtäglich den einen oder anderen Blick schenkt. Die meisten wird nach fünf Tagen der Arbeit ein erholsames Wochenende erwarten, in dem ein paar häusliche Pflichten zu erledigen sind und auch noch genügend Zeit für die angenehmeren Dinge des Lebens bleibt. An diesen Luxus haben wir uns mittlerweile gewöhnt, dabei ist es noch gar nicht so lange her, dass auch samstags – zumindest vormittags – gearbeitet oder die Schule besucht wurde. Nur der Sonntag war ein arbeitsfreier Tag, aus religiösen Gründen.
"Sechs Tage sollst du arbeiten und alle deine Werke tun. Aber am siebenten Tage […] sollst du keine Arbeit tun, auch […] nicht dein Fremdling, der in deiner Stadt lebt.", so heißt es im Alten Testament (2. Mose 20:9-10).
Und wer könnte es auch nicht verstehen, nach sechs Tagen voller Arbeit einmal etwas zu entspannen? Da schließlich "die Bibel sagt / am siebten Tage ruhte / der Schöpfer" nach seinem großen Werk, wer wollte da einem kleinen unbedeutenden Menschen böse sein, wenn er es ihm gleich tut? "Der Bulgare / vom Bau gegenüber" hat dieses Glück nicht. Man möchte gedanklich fortsetzen, dass von ihm noch mehr als Übermenschliches verlangt wird. Arbeiten, tagein, tagaus, ohne Unterlass. Aber auch das noch oft bemühte Vorurteil vom arbeitsscheuen Osteuropäer, der sich hierzulande nur in die soziale Hängematte legen will, wird mit schneidend scharfer Beobachtungsgabe ad absurdum geführt.
Was dieses Tanka so eindrucksvoll macht, ist die provokative Gegenüberstellung von biblischem Anspruch und gelebter Realität. Gleichsam prangert es mit diesem Kontrast eine gesellschaftliche Doppelmoral an. Christliche Werte werden einerseits beschworen und von mancher Partei aus zum Leitbild erhoben, doch wer der nächste ist, den man lieben soll – und auch das Gleiche zugestehen – wie sich selbst, darüber entscheidet man doch noch gern allein.

Valeria Barouch & Tony Böhle (Auswahl)

Die Tanka-Auswahl

Komm! Schnell vorbei!
Am Hackklotz,
glitzernde Tropfen, fror
rot das Blut der zum Fest
geschlachteten Hühner

                – Reiner Bonack

dieser sanfte Blick
meines kleinen Großkindes
wenn er etwas will
da sollte ich zuweilen
eine Rüstung anlegen

                – Silvia Kempen

Verlorener Ort
Wie oft verflucht und doch:
Ich habe Sehnsucht, fast,
nach den Wolken
der Mücken am Sumpf

                – Reiner Bonack

ganz plötzlich
wird der Sommer zum Herbst
ich zähle
die Puzzleteile die
noch einzusetzen sind

                – Silvia Kempen

ich spüre dich
in meinen Knochen
auf meiner Schulter
was warst du leicht zu Anfang
du altes, altes Jahr

                – Ralf Bröker

wäre ich ein Vogel
würde ich hinauf fliegen
zum Tor des Olymp
einmal den Göttern lauschen
an der Schwelle von Tag und Nacht

                – Silvia Kempen

Eierkuchen
habe ich uns gebacken
Sekt kalt gestellt
jetzt feiern der ungeöffnete
Adventskalender und ich

                – Ralf Bröker

manchmal red' ich noch
mit diesem Gott an den ich
längst nicht mehr glaube
insgeheim froh dass er mich
niemals unterbrochen hat

                – Eva Limbach

zu den Sternen
hatte sie immer gewollt
es hat aber nur
zu den Planeten gereicht
alles andere war ihr zu heiß

                – Ralf Bröker

ich hatte nie vor
dir irgend ein Leid anzutun
doch dann bist du mir
einfach zu nah gekommen
mit deinen acht Beinen

                – Eva Limbach

die Bibel sagt
am siebten Tage ruhte
der Schöpfer
nicht so der Bulgare
auf dem Bau gegenüber

                – Pitt Büerken

so wie der Holzscheit
allmählich zu Asche wird
scheint mir seine Wärme
wie ein Pfand den ich irgendwann
zurückgeben muss

                – Eva Limbach

Ein leichtes Zittern
diese Frage nach der Zeit,
die schwere, in die
dann aber doch ganz langsam
ärztliches Lächeln gleitet

                – Beate Conrad

Voller Warteraum.
Menschen als Patienten.
Sie lesen wortlos,
die meisten in Zeitschriften,
sich Gesichter ersparend.

                – Wolfgang Rödig

Früheste Frühe
als wär's ein Rosenhimmel
und so weit gespannt
perlender Vogelgesang
dass auch ich nicht anders kann

                – Beate Conrad

bald nach dem Abpfiff
zirkelt der Wind unhaltbar
Pappbecher ins Tor
keinen Gegner fürchtet er
fragt nicht macht einfach sein Ding

                – Dyrk-Olaf Schreiber

was ich denke
das Aufblitzen
einer Nervenzelle
im Gehirn
des Universums

                – Frank Dietrich

Jahresgestrüpp –
kaum Wege durch Wurzeln
und Dornen
Doch oben aus Ästen
gerissen ein Fetzen Himmel

                – Angelica Seithe

schon wieder nicht getraut
sie anzusprechen…
als sie ausgestiegen ist
setze ich mich
auf ihren Platz

                – Frank Dietrich

schwarze Nebelwand
am linken Rand der Autobahn
sie macht mir Angst
doch wie vom Stau gelangweilt
löste sie sich einfach auf

                – Erika Uhlmann

Süßes oder Saures
eines der Gespenster
hat die Augen
meines Schulfreundes
der sich in den Kopf schoss

                – Frank Dietrich

wenn der Winterschnee
nicht dem Frühling weichen will
und ins  Haus mich zwingt
bleibt mir doch die Bücherwelt
für lange Lesereisen

                – Erika Uhlmann

eine Bierflasche
zwei, drei Bierflaschen
ein ganzer Wald
von Bierflaschen
und kein Weg hinaus

                – Frank Dietrich

Beate Conrad
Licht

In diesen Tagen des wenigen Lichts scheint jeder Sonnenstrahl und jedes Stückchen blauer Himmel einen kleinen inneren Jubel auszulösen. Doch selbst wenn es den ganzen Tag über beim Abendgrauen bleibt, ist das kein Grund zu verzagen.

  Zum Barbaratag
  in den Garten gehe ich,
  brech' einen Zweig
  schon bald feiern wir ein Fest
  so schön wie die Kirschblüte.

Nebenan rumst die Haustür ins Schloss. Ungeachtet der Lichtlage dieser Tage begibt sich die Nachbarin auf ihren täglichen Spaziergang, seitdem sie verwitwet ist, täglich allein. Von meinem Schreibtisch aus sehe ich sie aber meistens erst auf ihrer Rückkehr vom nahegelegenen Steinberg. Denn sie und ich, wir haben unsere Routine. Sie verlangsamt nun vor meinem Bürofenster ihren Schritt und schaut wie beiläufig herein. Ich sehe genau in dem Moment von meiner Schreibtischarbeit auf. Wir nicken einander zu, bevor jede wieder ihrem Tagwerk nachgeht.

  Kürzere Tage
  doch nebenan ist jemand
  daheim, wie gut das
  zu wissen, Frau Nachbarin,
  ich weiß wir sind nicht allein.

Horst Ludwig
... sei mir eine Leuchte

Ich wachte auf, weil ich nicht schlafen konnte, weil ich wusste, dass ich noch was für Deutsch machen musste und ich Angst hatte, wieder beschimpft zu werden, aber ich hatte vergessen und wusste nicht mehr, was die Aufgabe war. Das war vor über einem Dreiviertel Jahrhundert. Aber irgendwie erinnerte ich mich dann doch, wir sollten beschreiben, wie eine Kerze angezündet wurde, wie man eine Kerze anzündet, was weiß ich, wie eine Kerze in einem Zimmer brennt, genau weiß ich das nicht mehr. Aber ich nahm ein Heft aus der Aktentasche und den Bleistift und machte mich an die Arbeit für die Schule, im Bett, denn ich musste ja was haben. Jetzt wo ich richtig wach bin, fällt mir ein, dass heute Morgen in der Kirche ein Messdienermädchen während eines besonderen Segensgebets des Priesters die erste Adventskerze anzündete. Sie hatte etwas Schwierigkeit dabei, aber schließlich bekam sie es hin.
Bei uns nicht, aber in vielen Kirchen sind heute die normalen Altarkerzen nicht mehr große Wachskerzen, sondern elektrisch. Doch wenn wir irgendwo spät nachts ein Fenster noch erleuchtet sehen, sagen wir immer noch, da brennt noch ein Licht, wo wir doch ziemlich klar wissen, dass da nur elektrisches Licht an ist, das man einfach anknipst und nicht anzündet, und dass da Gott sei Dank nichts wirklich brennt.

  Für meinen Laptop
  brauch ich nicht groß das Licht an,
  ein paar Gedanken
  aufzuschreiben, damit sie
  mir nicht verloren gehen.

Beate Conrad
Gefährten

Ein kurzer Traum, der sich wandelt, wie unser Weggefährte, der Mond. Mal zunehmend. Alsbald voll erstrahlend. Mal abnehmend. Bis ihn die dunklen Mächte holen. Doch schon erscheint er wieder, der gute, alte, neue Mond. Mal dürr und traurig anzusehn. Mal feist und mysteriös. Bald vollmundig mit gehobenen Brauen murmelnd, erinnernd.

  Nebelwellen, kalt
  rollt das alte Meer an Land
  wie ein Maultier weint.

Doch die Vögel beginnen den Tag zu loben. Sie haben es wohl gut, so weit da oben. Während unsereins durchs Grau-in-Grau immer schneller stapft, um sich der Feuchtigkeit schmatzenden Luft zu erwehren, die sich Gesicht, Hals und Händen eiskalt aufdrängt. Schon macht sie nicht einmal mehr vor Mantel, Hose und Schuhen halt.  Halt! an der Pforte des Südfriedhofs zu Hildesheim

  wo ringsum Nebel
  auch aus den Feldern steigen
  wie tief und wie lang
  sie alle wohl geschlafen
  die befriedeten Seelen

Mit einem Knarren öffnet sich nun das hölzerne Tor in die weit ausgelegte Ruhestätte der Zeit. Auf gepflasterten Pfaden durchwandert unsereins, auch ein Gast auf  geweihter Erde, die kalten Nebel Wellen vorüberziehender Träume und hält an an der einen oder anderen Stelle

  Raureif im Gras blitzt
  einen Kranz zum Gedenken
  auch etwas Sonne

Horst-Oliver Buchholz
Schwimmhäute – eine Rezension

Sechzehn Tanka hat Gabriele Hartmann in diesem kleinen Büchlein vorgelegt, oder sollte man besser sagen: Sechzehn Geschichten werden hier erzählt? Denn das zeichnet die Verse in besonderer Art aus, dass sie im kleinen Sprachraum der fünf Zeilen einen weiten Erfahrungs- und Erzählraum öffnen, wie er selten zu finden ist. Die heikle Balance von Gegenwärtigem, konkreter und allgemeinerer Erfahrung und Einsicht ist hier äußerst fein austariert, wie in einem harmonischen Ganzen und doch zugleich spannungsreich in dieser Harmonie. Ein Beleg und Beispiel gefällig? Hier ist es:

  mit steifen Beinen
  stakst er vorbei am Haus
  der Jugendliebe
  aus dessen Fensterhöhlen
  ihm Gardinen winken

Ein offenbar alter Mann "mit steifen Beinen", schon schütter und ungelenk, "stakst" vorbei am Haus seiner Jugendliebe. Er stakst vorbei, er bleibt nicht stehen, es gibt dort keinen Halt mehr (keine Hoffnung?) für ihn. Aus Fensterhöhlen ("Höhlen" wohlgemerkt, nicht einfach Fenster) winkt ihm niemand mehr zu, nur Gardinen, offenbar vom Winde oder Durchzug bewegt. Der Wind als Zeichen des Flüchtigen, des Vergehens. Hier drängt sich alles zusammen in einem starken Bild, kraftvoll und zart zugleich – so entsteht Poesie hoher Güte. Diese Güte ist das verbindende Element der sechzehn Tanka, eine offene Klammer der Gedichte, von denen jedes einzelne tief ist, facettenreich und schillernd. Die "Schwimmhäute" von Gabriele Hartmann, sie tragen den Leser weit.

Gabriele Hartmann
Versuche auszuschreiten

verlangsame, verharre... sein Arm rankt um meine Schultern, hält – sein Versprechen

  in der Allee
  tuschelnde Birken
  dass eng umschlungen
  wir gehen
  was geht Euch das an?

im milchigen Licht die langen Triebe gemeinen Efeus – Sinus unendlich

  schon immer
  – so scheint mir – war Herbst
  wenn ich ihr Grab
  besuchte... im Nebel
  der meine Erinnerung trübt

verknotete Enden – die Geschichten, die ich erzählen könnte

  und dann
  hebe auch ich
  die Hand
  und winke
  und weiß: es ist zu spät

Wettbewerbe, Termine und Veranstaltungen

Haiku und Tanka vom Krieg in Heidelberg
Studierende des Internationalen Studienzentrums der Universität Heidelberg rezitieren gemeinsam mit der renommierten Tanka-Performerin Mariko Kitakubo (Tokio) und den Mitgliedern der Deutschen Haiku-Gesellschaft, Claudia Brefeld (ehem. DHG-Vorstand) und Martin Thomas, M.A. (Japanologie der Universität zu Köln) eigene und historische Haiku- und Tanka-Gedichte auf Japanisch, Englisch, Französisch und Deutsch, die unter die Haut gehen.
Musikalisch begleitet der hochkarätige Heidelberger Cellist und Kontrabassist Michael Schneider die Veranstaltung. Mit freundlicher Unterstützung des Freundeskreises Literaturhaus Heidelberg und der Deutschen Haiku-Gesellschaft.

Termin: 15.3.2020 11:00 Uhr
Veranstaltungsort: Kolleg für deutsche Sprache und Kultur, Ziegelhäuser Landstraße 17, 69120 Heidelberg
Organisation: Internationales Studienzentrum der Universität Heidelberg, Ellen Althaus-Rojas

nächste Ausgabe

Die nächste Ausgabe von Einunddreißig erscheint am 15. Mai 2020. Der Einsendeschluss ist der 31. März 2020. Für die Einsendung von Beiträgen bitte ich, die Teilnahmebedingungen zu beachten.

(C) 2019
Alle Rechte bei Tony Böhle und den Autoren.
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